Roberto Bolaño, 2666

Mittwoch, 14. April 2010 23:16

(Erschienen 2004, Übersetzung von Christian Hansen)

Langstreckler, aufgemerkt! 1085 Seiten und keine davon langweilig, wie viele Bücher solchen Kalibers fallen Euch auf Anhieb ein?!!
Eine Fülle von Geschichten, eine Materialfülle, deren sich die Menschen kaum erwehren können, und Horrorgeschichten von Menschen, die zu Material gemacht werden. Der Eindruck, der bleibt, ist der eines Lebens am Abgrund, dazu ein Einblick in Höllenschlünde, wie sie sich mancherorts aufgetan haben. Ein Tag im Leben des Planeten. […]

Thema: Lesen | Kommentare (0)

Werner Bräunig, Rummelplatz

Donnerstag, 29. Oktober 2009 13:11

(Geschrieben 1965, erschienen 2007)

Dieser Roman ist ein Kaleidoskop der Nachkriegsgesellschaft, in der die Menschen sich mit ihrer kommunistischen, sozialdemokratischen, bürgerlichen, gar Nazi-Vergangenheit in den noch offenen gesellschaftlichen Strukturen der DDR vier Jahre nach Kriegsende zurechtfinden, behaupten und positionieren müssen. Offene Strukturen auch im wörtlichen Sinne, man reiste zwischen den Besatzungszonen. […]

Thema: Lesen | Kommentare (1)

Juan Carlos Onetti, Der Schacht

Sonntag, 6. September 2009 12:06

(Erschienen 1939, Übersetzung von Jürgen Dormagen)

Ein kurzes Buch, Roman genannt, aber eher eine Erzählung. Verdichtet, konzentriert, komplex. Der Ich-Erzähler, ein unbekannter Schriftsteller, erzählt die Nacht zu seinem 40. Geburtstag: von seiner Verzeiflung an der Welt, an den Menschen, insbesondere den Frauen, seinem Lebensekel. „Ich würde gerne die Geschichte einer Seele niederschreiben, von ihr allein, ohne die Ereignisse, auf die sie sich einlassen musste, ob sie wollte oder nicht.“
Schon als Junge hatte er „mit niemandem etwas zu schaffen“. Er denkt sich „Sachen“ aus, „irgendetwas Ungewöhnliches“, „Abenteuer“, die der „Welt der Tatsachen“ gegenüber stehen. „Denn die Tatsachen sind immer leer, sie sind die Gefäße, die die Form des Gefühls annehmen, das sie ausfüllt.“ […]

Thema: Lesen | Kommentare (0)

Siri Hustvedt, Die Leiden eines Amerikaners

Freitag, 27. März 2009 0:12

(Erschienen 2008)

Das Personal:
Psychoanalytiker, Philosophin, Geschichtsprofessor, Literaturprofessor, Künstler, Schriftsteller, Medizinhistoriker

Die Themen:
Neurologische Störungen, Traumata, Verluste und Verlustängste, (Alb-)Träume, Minderwertigkeitsgefühle, 9/11, psychische und physische Verletzungen, Ich-Schwäche, Sehnsucht nach Liebe und Intimität, Einsamkeit, Bindungsängste, Geltungsdrang, Konditionierung, Väter, Familie, Herkunft, dunkle Geheimnisse, Verstrickungen, Depression, Erlösung.

Kein Thema:
Geld. […]

Thema: Lesen | Kommentare (0)

Christian Kracht, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

Samstag, 28. Februar 2009 21:40

(Erschienen 2008)

Was für ein Buch! Schon lange wollte ich auf Friedrich Dürrenmatts „Winterkrieg in Tibet“ (in „Labyrinth / Turmbau“) hinweisen, und nun lese ich einen Roman, der dessen Atmosphäre und auch einzelne Motive nachempfindet. Beide spielen in einer unbestimmten, aber nahen Zukunft, in der seit undenklichen Zeiten ein gnadenloser Krieg wütet. Beide haben einen Ich-Erzähler, bei Kracht erzählt dieser zudem in der Vergangenheitsform, also die Zukunft als Vergangenheit. Aber halt, das stimmt ja gar nicht: Genau genommen, spielt Krachts Roman in der Gegenwart – allerdings in einer anderen. (Noch ein Verweis: Gleiches bietet, auf ganz verschiedene Art und Weise, Christoph Ransmayrs Roman „Morbus Kitahara“. Darin wird ein Deutschland nach einem verlorenen großen Krieg beschrieben, das von den Siegern zu einem reinen Agrarstaat zurück „entwickelt“ wurde; also die Umsetzung des Morgenthau-Plans.)
Bei Kracht ist Lenin nicht 1917 aus der Schweiz nach Russland zurückgekehrt, sondern hat gleich dort zusammen mit Trotzki und Grimm die Revolution erfolgreich angeführt und die SSR (Schweizerische Sowjetrepubliken) gegründet. […]

Thema: Lesen | Kommentare (0)

Ricarda Huch, Michael Unger

Dienstag, 6. Januar 2009 22:14

(Erschienen 1903 unter dem Titel „Vita somnium breve“, Das Leben ein kurzer Traum)

Michael Unger, der designierte Nachfolger des väterlichen Handelskontors, ist bereits verheiratet und Vater, als er erkennt, „dass der Kreis, in den er hineingeboren war, nicht die Welt, nicht das Schicksal, sondern etwas Zufälliges und Unvollkommenes war, und dass jenseits erst das Leben mit seinen Höhen und seinen Wundern begann, das Gefilde sich breitete, wo Seelen sich entfalten und reifen.“ Dort will er hin und verlässt Firma, Frau und Kind, um eigentlich Medizin, tatsächlich aber alles Mögliche zu studieren und sich in Studentenzirkeln zu verausgaben. „Hier plötzlich abzubrechen, schien ihm unmöglich und auch unrecht, ja für wahnsinnig hätte er sich gehalten, wenn er, nur um einen anständigen Beruf zu haben, die mit ernster Mühe gesammelten Mittel wegwerfen wollte, die ihm einen Einblick in das Wesentliche, in das Wesen der Erde, des Lebens verschaffen konnten.“ […]

Thema: Lesen | Kommentare (1)

Jakob Wassermann

Freitag, 31. Oktober 2008 23:18

(10.3.1873 – 1.1.1934)

Zieh ich doch aus einem Krabbeltisch den Erzählungsband „Donna Johanna von Castilien“ heraus, weil ich von dem Autor Jakob Wassermann mal was gehört habe. Und weil ich mal wieder Lust auf historische Erzählungen habe. Und werde gut bedient. Ich lese die anfangs etwas verquaste, dann packende Geschichte von orgiastischen Zuständen, Endzeitängsten, Wehklagen und Jauchzen, die die Nachricht von der Ankunft des Messias im fernen Smyrna (Izmir) bei den Juden in der Umgebung von Fürth kurz nach dem 30jährigen Krieg auslöste. Und diesen „Sabbatai Zewi“ gab es wirklich. Dann folgt die Geschichte der Donna Johanna. Die ließ ihren Gatten ermorden, dann packte sie die Reue, sie ließ ihn wieder ausbuddeln und tourte mit ihm durch die Lande. Um ihm wieder auf die Sprünge zu helfen, ließ sie ihm ein Uhrwerk an die Stelle des Herzens einsetzen. Auch sie gab es, die „Johanna die Wahnsinnige“. […]

Thema: Stöbern | Kommentare (0)

Joseph Conrad, Der Geheimagent

Freitag, 12. September 2008 18:15

(Erschienen 1907)
Die Conrad‘sche Charakterisierung von Anarchisten, Revolutionären und dergleichen „Gestalten“ als träge, bequeme, realitätsferne und realitätsfeindliche Personen befremdet. Sie seien nur zu träge oder zu versponnen, um sich in dieser Welt durchzusetzen, die er von archaischen Motiven durchtränkt sieht: Kampf und Verrat, Männer und Frauen, Liebe und Eigennutz. Doch eins muss man ihm lassen: Er macht sich die Mühe des Begriffs. […]

Thema: Lesen | Kommentare (0)

Karl-Heinz Ott, Endlich Stille

Freitag, 18. Juli 2008 23:18

(Erschienen 2005)

Der Ich-Erzähler, Philosophieprofessor in Basel, wird auf dem Straßburger Bahnhofsvorplatz von einem Mitreisenden angesprochen. Dieser übernimmt sofort das Kommando, entscheidet, welches Hotel „wir“ nehmen („Bett ist Bett, und zum Schlafen werden wir heute eh nicht viel kommen“), wo gegessen und vor allem getrunken wird. Friedrich Grävenich, der angeblich Klavier an der Mannheimer Musikhochschule unterrichtet, ist eine schillernde, extravagante Person und kann mit viel Sachverstand, Eloquenz und Emphase über Musik, Gott und die Welt, aber vor allem über sich selbst reden, reden, reden. Fasziniert und abgestoßen zugleich, reagiert der Philosoph, dessen Spezialgebiet Spinoza ist, auf diese Vereinnahmung unentschlossen, ja hilflos. „Doch obwohl seine Mitteilungsgier – trotz und wegen ihrer Penetranz – fast etwas Kümmerliches an sich hatte, kam ich mir ihm gegenüber zunehmend kleiner vor und fühlte mich, je länger sich dieses Spiel fortsetzte, wie sein Gefangener.“ Es folgt ein Absturz vom Feinsten. […]

Thema: Lesen | Kommentare (0)

Herman Melville, Pierre oder Die Doppeldeutigkeiten

Sonntag, 15. Juni 2008 13:01

(Erschienen 1852, Übersetzung von Christa Schuenke)

Was macht jemand, dessen „ganzer sittlicher Kern bis auf den Grund erschüttert“ wird?
Pierre Glendinnig ist der sensible Spross einer „aristokratischen“ amerikanischen Ostküstenfamilie, deren (männliche) Mitglieder von der ersten Siedlergeneration an hilfreich, edel und gut waren, und denen (folgerichtig?) immenser Reichtum, aber auch körperliche und geistige Schönheit zufielen. Pierre ist durchdrungen von heroischer Familiensaga, der Bestimmung zu Höherem und der moralischen Untadeligkeit, die Generationen von Glendinnings an ihre Nachfahren weitergegeben haben. Er ist standesgemäß verlobt und auch rechtschaffen in seine Lucy verliebt, so dass die Glendinnig-Saga mit ihm einmal mehr einem glänzenden Höhepunkt zustrebt.
Doch Pierre hat einen fatalen Charakterfehler, […]

Thema: Lesen | Kommentare (0)