Juan Carlos Onetti, Der Schacht
Ein kurzes Buch, Roman genannt, aber eher eine Erzählung. Verdichtet, konzentriert, komplex. Der Ich-Erzähler, ein unbekannter Schriftsteller, erzählt die Nacht zu seinem 40. Geburtstag: von seiner Verzeiflung an der Welt, an den Menschen, insbesondere den Frauen, seinem Lebensekel. „Ich würde gerne die Geschichte einer Seele niederschreiben, von ihr allein, ohne die Ereignisse, auf die sie sich einlassen musste, ob sie wollte oder nicht.“
Schon als Junge hatte er „mit niemandem etwas zu schaffen“. Er denkt sich „Sachen“ aus, „irgendetwas Ungewöhnliches“, „Abenteuer“, die der „Welt der Tatsachen“ gegenüber stehen. „Denn die Tatsachen sind immer leer, sie sind die Gefäße, die die Form des Gefühls annehmen, das sie ausfüllt.“
Er erzählt, wie die beiden Menschen, denen er zwei seiner Abenteuer anvertraut, mit Unverständnis und Misstrauen reagieren. Er erzählt das Abenteuer von der Blockhütte, „weil es mich zwingt, ein Vorspiel zu erzählen, etwas, das sich vor etwa vierzig Jahren in der Welt der Tatsachen ereignet hat. (…) Ich weiß nicht, ob ich fünfzehn oder sechzehn Jahre alt war…“ Damals tat er einem 18-jährigen Mädchen sexuelle Gewalt an, sie stirbt ein halbes Jahr später unter ungeklärten Umständen und besucht ihn seitdem in seiner Traum(a)-Blockhütte. „Was ich fühle, wenn ich die nackte Frau auf dem Lager betrachte, lässt sich nicht sagen, kann ich nicht sagen, ich kenne die Wörter nicht. Dies – was ich fühle – ist das wahre Abenteuer.“
Er beklagt die „absurde Gewohnheit, dass man Personen mehr Bedeutung beimisst als Gefühlen. Ich finde keinen anderen Ausdruck. Ich will sagen: mehr Bedeutung dem Instrument als der Musik.“ Er exemplifiziert diese Vorstellung anhand der Liebe: „Wie ein Kind war die Liebe aus uns hervorgegangen. Wir nährten sie, aber sie hatte ihr eigenes Leben. (…) Die Liebe ist etwas zu Wunderbares, als dass man sich beim Schicksal zweier Personen aufhalten könnte, deren einziges Verdienst es war, sie zu besitzen, auf unerklärliche Weise. Was mit Don Eladio Linacero und Dona Cecilia Huerta de Linacero geschehen mag, interessiert mich nicht… Um die Liebe ging es, und die war bereits beendet…“
Tragischerweise geht die Liebe aber nun mal nicht ohne Personen, und auch die anderen Dinge misslingen: Man kann nicht „die Geschichte einer Seele niederschreiben, von ihr allein, ohne die Ereignisse, auf die sie sich einlassen musste“, man kann die Liebe nicht ohne Personen beschreiben, genauso wenig, wie man „Gefühle“ ohne Wörter beschreiben kann (oder sonst irgendetwas, haha). Sowohl der Ich-Erzähler als auch der Autor reflektieren jedoch auch dieses Scheitern an der Realität. „Ich lächle in Frieden, öffne den Mund, lasse die Zähne aufeinander klappen und beiße sanft die Nacht. Alles ist vergeblich, und man muss wenigstens den Mut haben, keine Vorwände zu gebrauchen.“
Was bleibt, ist „eine milde Gleichgültigkeit gegenüber allem“, „alles ganz egal“. Trost spenden nur Freundschaft, Abenteuer, das/die Schöne und – ausgerechnet – die Hoffnung auf Liebe: „…ich mag es nicht akzeptieren (dass er sich nie mehr verlieben werde, Anm. d. A.), weil mir scheint, dass ich sonst jegliche Begeisterung verlieren würde, dass die vage Hoffnung, mich zu verlieben, mir etwas Vertrauen ins Leben gibt. Ich habe nichts anderes mehr zu hoffen.“
Erstaunlich viel könnte noch zu diesem kleinen Büchlein geschrieben werden. Darum die Empfehlung: selber lesen. Zur Einstimmung noch einige Zitate:
„Was für eine Realitätskraft haben doch die Gedanken von Leuten, die wenig denken und die vor allem nicht faseln. Zuweilen sagen sie „Guten Tag“, aber auf was für eine intelligente Art.“
„Wir redeten stundenlang, in diesem Zustand überschwänglichen und dennoch sanften Glücks, den nur die Freundschaft gibt und der unmerklich bewirkt, dass zwei Personen Wege durchs Dickicht bahnen und sich hindurchwinden, um zusammenkommen zu können und es mit einem Lächeln zu feiern.“
„Der Himmel ist fahl und ruhig, wacht über Berge von Dunkelheit im Hof. Ein kurzer Laut, wie ein Schnalzen, lässt mich nach oben sehen. Ich bin sicher, eine Falte genau an der Stelle entdecken zu können, wo eine Schwalbe geschrien hat. (…) Dies ist die Nacht. Ich bin ein einsamer Mann, der an einem beliebigen Ort der Stadt raucht; die Nacht umgibt mich, erfüllt sich wie ein Ritus, stufenweise, und ich habe nichts mit ihr zu schaffen. Nur eben für Augenblicke kommt das Pochen meines Blutes an den Schläfen in einen Takt mit dem Puls der Nacht.“
