Werner Bräunig, Rummelplatz
Dieser Roman ist ein Kaleidoskop der Nachkriegsgesellschaft, in der die Menschen sich mit ihrer kommunistischen, sozialdemokratischen, bürgerlichen, gar Nazi-Vergangenheit in den noch offenen gesellschaftlichen Strukturen der DDR vier Jahre nach Kriegsende zurechtfinden, behaupten und positionieren müssen. Offene Strukturen auch im wörtlichen Sinne, man reiste zwischen den Besatzungszonen.
Aber dann bricht der sozialistische Realismus aus, trocken nach dem Lehrbuch, dafür mit heiler sozialistischer Gefühlswelt; realitätsbesoffen in schwärmerischer Liebe zu den Maschinen, die richtigen Arbeitern quasi genetisch zufällt, und vorauseilend affirmativ auf Schund- und Schmusekurs mit der erst noch zu erschaffenden sozialistischen Realität.
Andere Personen jedoch empfinden die frühen Jahre anders, fühlen sich unbehaust, einsam, verloren. Auch ihnen wird breiter Raum gegeben, ihr Seelenleben wird ebenfalls ausgebreitet, nachvollziehbar, ohne zu denunzieren.
Ich kenne keinen anderen Roman, der die frühen Jahre der DDR so ergebnisoffen und spannend diskutiert. Da formiert sich die bürokratische Sturheit und wird zur materiellen Vopo-Gewalt, die die Massen bei einem Volksfest ergreift und niederknüppelt. Doch man bekommt eine Ahnung davon, wie es war, als dieser Kampf noch nicht entschieden war. Als die Grenzen noch offen waren, die Gehirne beweglich und die Gesellschaft gestaltbar.

Dienstag, 4. Mai 2010 20:08
Ich habe den „Rummelplatz“ mit Interesse gelesen. Ich bin ’63er Jahrgang (in der DDR) und es war hochinteressant wie es in den Jahren davor so war in Ostdeutschland.
Sehr gut ist es dem Bräuning gelungen, von den ersten Jahren der Wismut zu erzählen.
Und es stimmt: den Personen wird ein großer Raum gegeben um ihr Seelenleben auszuleben. Das zeugt von Bräunigs hohem Interesse von dem Menschen und ihrem wie auch immer gelegten Interessen und Leben.