Karl-Heinz Ott, Endlich Stille
Der Ich-Erzähler, Philosophieprofessor in Basel, wird auf dem Straßburger Bahnhofsvorplatz von einem Mitreisenden angesprochen. Dieser übernimmt sofort das Kommando, entscheidet, welches Hotel „wir“ nehmen („Bett ist Bett, und zum Schlafen werden wir heute eh nicht viel kommen“), wo gegessen und vor allem getrunken wird. Friedrich Grävenich, der angeblich Klavier an der Mannheimer Musikhochschule unterrichtet, ist eine schillernde, extravagante Person und kann mit viel Sachverstand, Eloquenz und Emphase über Musik, Gott und die Welt, aber vor allem über sich selbst reden, reden, reden. Fasziniert und abgestoßen zugleich, reagiert der Philosoph, dessen Spezialgebiet Spinoza ist, auf diese Vereinnahmung unentschlossen, ja hilflos. „Doch obwohl seine Mitteilungsgier – trotz und wegen ihrer Penetranz – fast etwas Kümmerliches an sich hatte, kam ich mir ihm gegenüber zunehmend kleiner vor und fühlte mich, je länger sich dieses Spiel fortsetzte, wie sein Gefangener.“ Es folgt ein Absturz vom Feinsten. Der Erzähler vermag sich dem Sog des Anderen nur durch die Flucht in einer Nacht- und Nebelaktion zu entziehen.
Dem Leser ergeht es nicht viel anders. Hingerissen von einer Sprache, die mit der Zunge schnalzen lässt, verfolgt er die Kapriolen des Friedrich Grävenich und die Wehrlosigkeit des Erzählers mit ungläubigem Staunen und fasziniertem Kopfschütteln, und muss doch mit, wird mitgerissen in den Strudel der Ereignisse und peinigenden Reflexionen, und nimmt teil an dem aberwitzigen Martyrium der Hauptperson.
Nach einem ruhig verlaufenen Semester meldet sich Friedrich Grävenich zu Beginn der Semesterferien in Basel. Er hat seinen „Freund“ trotz falsch angegebener Adresse und Telefonnummer ausfindig gemacht und kündigt seinen Besuch an. Und dieser nimmt sofort das Wochenende über Reißaus. Doch natürlich entgeht er dem Friedrich nicht. „Zum ersten Mal im Leben war ich mit einem Wesen konfrontiert, das keine instinktive Distanz kannte. Auch wenn ich mich schon oft überrumpelt, belästigt oder zu Dingen gedrängt gefühlt hatte, die ich über mich ergehen ließ“, „auf eine Erfahrung, wie sie mir mit Friedrich beschert wurde, konnte ich durch nichts vorbereitet sein.“
Friedrich nistet sich bei ihm ein, quartiert ihn aus seinem eigenen Schlafzimmer aus, richtet jegliche Ordnung in Wohnung und Bücherregal zu Grunde, zerstört unachtsam seine lang geschmähte Nippes-Nietzsche-Büste („Just im Augenblick ihres Falls bekam sie für mich einen unermesslichen Wert…“) und etabliert einen Tagesablauf, der damit beginnt, dass Friedrich rauchend auf der Küchenbank hockt, sich „am Gemächte kratzt“, dann, um dem schimmelnden Chaos in der Wohnung zu entkommen, wird außer Haus gefrühstückt bzw. zu Mittag gegessen, herumgelungert und abends wird in immer derselben Kaschemme „fast bis zur Bewusstlosigkeit“ gesoffen. Und genauso der folgende Tag, vier Wochen lang. „Alle Tage verschwammen ineinander, ähnlich meinem Ichgefühl, in dem die Konturen sich aufzulösen begannen und es keinen Punkt mehr geben wollte, an dem es sich wieder hätte aufrichten können“, „weil die Anwesenheit dieses Menschen alles absorbierte und keinen anderen Gefühlen und Gedanken mehr Raum ließ“, „und ich fragte mich, ob er sich nicht selbst ständig fragen muss, warum ich mir das gefallen lasse und nicht zurückschlage.“
Friedrich seinerseits scheint „restlos zufrieden damit, einfach bei mir zu wohnen und versorgt zu sein“, „als habe sich seine Zukunft bereits dadurch gelöst, dass er bei mir in der Küche sitzen kann und über ein Bett verfügt.“
Fassungslos hadert der Philosoph mit sich selbst und nimmt Zuflucht zu Durchhalteparolen wie der, dass „meine Kräfte noch in einer Selbsterniedrigung wachsen, bei der ich selbst lange Zeit am meisten fürchte, unter die Räder zu kommen“.
Gibt es also doch einen Ausweg? Wird es unserem untergebutterten Helden gelingen, dem grausamen Spiel ein Ende zu bereiten, seinen Alb zu verscheuchen und seine Selbstachtung wiederzugewinnen?
Wird nicht verraten, selber lesen macht Spaß!
