Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Lesen'

Juan Carlos Onetti, Der Schacht

Sonntag, 6. September 2009 12:06

(Erschienen 1939, Übersetzung von Jürgen Dormagen)

Ein kurzes Buch, Roman genannt, aber eher eine Erzählung. Verdichtet, konzentriert, komplex. Der Ich-Erzähler, ein unbekannter Schriftsteller, erzählt die Nacht zu seinem 40. Geburtstag: von seiner Verzeiflung an der Welt, an den Menschen, insbesondere den Frauen, seinem Lebensekel. „Ich würde gerne die Geschichte einer Seele niederschreiben, von ihr allein, ohne die Ereignisse, auf die sie sich einlassen musste, ob sie wollte oder nicht.“
Schon als Junge hatte er „mit niemandem etwas zu schaffen“. Er denkt sich „Sachen“ aus, „irgendetwas Ungewöhnliches“, „Abenteuer“, die der „Welt der Tatsachen“ gegenüber stehen. „Denn die Tatsachen sind immer leer, sie sind die Gefäße, die die Form des Gefühls annehmen, das sie ausfüllt.“ […]

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Siri Hustvedt, Die Leiden eines Amerikaners

Freitag, 27. März 2009 0:12

(Erschienen 2008)

Das Personal:
Psychoanalytiker, Philosophin, Geschichtsprofessor, Literaturprofessor, Künstler, Schriftsteller, Medizinhistoriker

Die Themen:
Neurologische Störungen, Traumata, Verluste und Verlustängste, (Alb-)Träume, Minderwertigkeitsgefühle, 9/11, psychische und physische Verletzungen, Ich-Schwäche, Sehnsucht nach Liebe und Intimität, Einsamkeit, Bindungsängste, Geltungsdrang, Konditionierung, Väter, Familie, Herkunft, dunkle Geheimnisse, Verstrickungen, Depression, Erlösung.

Kein Thema:
Geld. […]

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Christian Kracht, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

Samstag, 28. Februar 2009 21:40

(Erschienen 2008)

Was für ein Buch! Schon lange wollte ich auf Friedrich Dürrenmatts „Winterkrieg in Tibet“ (in „Labyrinth / Turmbau“) hinweisen, und nun lese ich einen Roman, der dessen Atmosphäre und auch einzelne Motive nachempfindet. Beide spielen in einer unbestimmten, aber nahen Zukunft, in der seit undenklichen Zeiten ein gnadenloser Krieg wütet. Beide haben einen Ich-Erzähler, bei Kracht erzählt dieser zudem in der Vergangenheitsform, also die Zukunft als Vergangenheit. Aber halt, das stimmt ja gar nicht: Genau genommen, spielt Krachts Roman in der Gegenwart – allerdings in einer anderen. (Noch ein Verweis: Gleiches bietet, auf ganz verschiedene Art und Weise, Christoph Ransmayrs Roman „Morbus Kitahara“. Darin wird ein Deutschland nach einem verlorenen großen Krieg beschrieben, das von den Siegern zu einem reinen Agrarstaat zurück „entwickelt“ wurde; also die Umsetzung des Morgenthau-Plans.)
Bei Kracht ist Lenin nicht 1917 aus der Schweiz nach Russland zurückgekehrt, sondern hat gleich dort zusammen mit Trotzki und Grimm die Revolution erfolgreich angeführt und die SSR (Schweizerische Sowjetrepubliken) gegründet. […]

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Ricarda Huch, Michael Unger

Dienstag, 6. Januar 2009 22:14

(Erschienen 1903 unter dem Titel „Vita somnium breve“, Das Leben ein kurzer Traum)

Michael Unger, der designierte Nachfolger des väterlichen Handelskontors, ist bereits verheiratet und Vater, als er erkennt, „dass der Kreis, in den er hineingeboren war, nicht die Welt, nicht das Schicksal, sondern etwas Zufälliges und Unvollkommenes war, und dass jenseits erst das Leben mit seinen Höhen und seinen Wundern begann, das Gefilde sich breitete, wo Seelen sich entfalten und reifen.“ Dort will er hin und verlässt Firma, Frau und Kind, um eigentlich Medizin, tatsächlich aber alles Mögliche zu studieren und sich in Studentenzirkeln zu verausgaben. „Hier plötzlich abzubrechen, schien ihm unmöglich und auch unrecht, ja für wahnsinnig hätte er sich gehalten, wenn er, nur um einen anständigen Beruf zu haben, die mit ernster Mühe gesammelten Mittel wegwerfen wollte, die ihm einen Einblick in das Wesentliche, in das Wesen der Erde, des Lebens verschaffen konnten.“ […]

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Joseph Conrad, Der Geheimagent

Freitag, 12. September 2008 18:15

(Erschienen 1907)
Die Conrad‘sche Charakterisierung von Anarchisten, Revolutionären und dergleichen „Gestalten“ als träge, bequeme, realitätsferne und realitätsfeindliche Personen befremdet. Sie seien nur zu träge oder zu versponnen, um sich in dieser Welt durchzusetzen, die er von archaischen Motiven durchtränkt sieht: Kampf und Verrat, Männer und Frauen, Liebe und Eigennutz. Doch eins muss man ihm lassen: Er macht sich die Mühe des Begriffs. […]

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Karl-Heinz Ott, Endlich Stille

Freitag, 18. Juli 2008 23:18

(Erschienen 2005)

Der Ich-Erzähler, Philosophieprofessor in Basel, wird auf dem Straßburger Bahnhofsvorplatz von einem Mitreisenden angesprochen. Dieser übernimmt sofort das Kommando, entscheidet, welches Hotel „wir“ nehmen („Bett ist Bett, und zum Schlafen werden wir heute eh nicht viel kommen“), wo gegessen und vor allem getrunken wird. Friedrich Grävenich, der angeblich Klavier an der Mannheimer Musikhochschule unterrichtet, ist eine schillernde, extravagante Person und kann mit viel Sachverstand, Eloquenz und Emphase über Musik, Gott und die Welt, aber vor allem über sich selbst reden, reden, reden. Fasziniert und abgestoßen zugleich, reagiert der Philosoph, dessen Spezialgebiet Spinoza ist, auf diese Vereinnahmung unentschlossen, ja hilflos. „Doch obwohl seine Mitteilungsgier – trotz und wegen ihrer Penetranz – fast etwas Kümmerliches an sich hatte, kam ich mir ihm gegenüber zunehmend kleiner vor und fühlte mich, je länger sich dieses Spiel fortsetzte, wie sein Gefangener.“ Es folgt ein Absturz vom Feinsten. […]

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Herman Melville, Pierre oder Die Doppeldeutigkeiten

Sonntag, 15. Juni 2008 13:01

(Erschienen 1852, Übersetzung von Christa Schuenke)

Was macht jemand, dessen „ganzer sittlicher Kern bis auf den Grund erschüttert“ wird?
Pierre Glendinnig ist der sensible Spross einer „aristokratischen“ amerikanischen Ostküstenfamilie, deren (männliche) Mitglieder von der ersten Siedlergeneration an hilfreich, edel und gut waren, und denen (folgerichtig?) immenser Reichtum, aber auch körperliche und geistige Schönheit zufielen. Pierre ist durchdrungen von heroischer Familiensaga, der Bestimmung zu Höherem und der moralischen Untadeligkeit, die Generationen von Glendinnings an ihre Nachfahren weitergegeben haben. Er ist standesgemäß verlobt und auch rechtschaffen in seine Lucy verliebt, so dass die Glendinnig-Saga mit ihm einmal mehr einem glänzenden Höhepunkt zustrebt.
Doch Pierre hat einen fatalen Charakterfehler, […]

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Mark Z. Danielewski, Das Haus

Mittwoch, 4. Juni 2008 16:57

Ist ein wahres Kunstwerk, sowohl äußerlich, also von der Aufmachung (habe die gebundene Ausgabe gelesen) her, als auch von der Geschichte. Es ist aber keinesfalls ein Buch, das man auf einmal und an einem Stück durchlesen kann.

Das ganze Buch über gibt es an sich drei Erzähler: Will Navidson, Jony Truant und Zampano, die sich gegenseitig ergänzen, zitieren und auf Quellen verweisen. Geht man diesen Quellen nach, verirrt man sich in vielerlei Richtungen, ein paar davon existieren wirklich, andere sind nur zur Wahrung des Scheins aufgenommen worden. Jeder dieser Autoren hat eine eigene Schriftart, an denen man sie auseinander halten kann, und jeder dieser Autoren bringt seine eigene Geschichte irgendwie mit ein. […]

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Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray

Mittwoch, 4. Juni 2008 16:23

Das Bildnis des Dorian Gray ist ein wirklich schönes und bewegendes Buch. Es handelt von einem jungen Mann, Dorian Gray, der immer wieder als Art unbeschriebenes Blatt dargestellt wird und sehr wissbegierig ist. Ein Künstler mit Namen Basil Hallward, der einen Freund darstellt, will die absolute Schönheit dieses Mannes als sein Meisterwerk malen, die Jugend einfangen.

Bei der letzten Sitzung dieses Bildes wird Dorian sein zukünftiger bester Freund Lord Henry Wotton vorgestellt, der alsbald beginnt, Dorians Wissensdurst mit allerlei Theorien und Ansichten über das Leben und den Tod, die Gesellschaft und die Frauen zu stillen, wovon dieser nicht genug bekommen kann. […]

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Michail Bulgakow, Der Meister und Margarita

Montag, 2. Juni 2008 21:53

(Geschrieben 1928-40, erschienen 1966/67; Übersetzung von Thomas Reschke)

Obwohl der Plot sich gegen Ende des Buches irgendwie verliert, zieht das Buch den Leser über Hunderte von Seiten wie eine Lokomotive. Der Teufel kommt mit seinen Gehilfen in den 1920er Jahren nach Moskau und treibt allerlei bösen Schabernack mit der Einfältigkeit und dem Egoismus der Menschen. Moskau versinkt im Chaos. Nur der Meister, ein in der Irrenanstalt einsitzender armer Schriftsteller, dessen Pilatus-und-Jesus-Roman in das Buch eingestreut ist, und Margarita, seine verheiratete Geliebte, widerstehen dem wahnsinnigen Treiben. Ein rasantes Buch voller Ideen, Sprachwitz und skurriler Einfälle. Einer der besten (phantastischen) Romane überhaupt.

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