Umberto Eco, Der Friedhof in Prag
„Die Deutschen habe ich kennengelernt, und ich habe sogar für sie gearbeitet: die denkbar niedrigste Stufe der Menschheit. Ein Deutscher produziert im Durchschnitt doppelt soviel Fäkalien wie ein Franzose. Hyperaktivität der Verdauungsfunktion zu Lasten der des Hirns, die ihre physiologische Unterlegenheit zeigt. (…) Sie halten sich für tief, weil ihre Sprache unklar ist, (…) sie sagt nie exakt das, was sie sollte, so dass kein Deutscher jemals weiß, was er sagen wollte – und dann verwechselt er diese Undeutlichkeit mit Tiefe.“
„Ich habe keine Vorurteile. Seit ich Franzose geworden bin (…), habe ich begriffen, wie sehr meine neuen Landsleute faul, betrügerisch, nachtragend, eifersüchtig und so maßlos eingebildet sind, dass sie alle anderen für Barbaren halten und keinerlei Tadel ertragen.“
„Dass ich Franzose geworden bin, lag daran, dass ich es nicht mehr ertragen konnte, Italiener zu sein. (…) Der Italiener ist treulos, verlogen, feige, verräterisch, ihm liegt der Dolch mehr als der Degen, das Gift mehr als das Medikament, er ist glatt wie ein Aal beim Verhandeln und kohärent nur im Seitenwechsel bei jeder Drehung des Windes…“.
„Die Priester (…) Sie sagen andauernd, dass ihr Reich nicht von dieser Welt sei, und nehmen sich alles, was sie nur raffen können. Die Zivilisation wird nicht vollendet sein, solange nicht der letzte Stein der letzten Kirche den letzten Priester erschlagen hat und die Erde frei ist von diesem Gezücht.“
„Am schlimmsten von allen sind sicherlich die Jesuiten. (…) Die Freimaurer sind wie die Jesuiten, nur ein bisschen konfuser. (…) Zusammen mit den Juden haben sie dem französischen König den Kopf abgeschlagen. Und in Italien haben sie die Carbonari hervorgebracht, die ein bisschen dümmere Freimaurer waren, … oder sie wurden zu Sozialisten, Kommunisten und Kommunarden. Alle an die Wand.“
„Wen liebe ich? Mir kommen keine geliebten Gesichter in den Sinn. (…) Wen hasse ich? Die Juden, möchte ich sagen. (…) Über die Juden weiß ich nur, was mich mein Großvater gelehrt hat: „Sie sind das gottlose Volk par excellence“ (…) … nicht nur eitel (…) wie ein Spanier, ignorant wie ein Kroate, gierig wie ein Levantiner, undankbar wie ein Malteser, unverschämt wie ein Zigeuner, dreckig wie ein Engländer, schmierig wie ein Kalmücke, herrisch wie ein Preuße und lästerlich wie ein Piemontese aus Asti, sondern auch ehebrecherisch aus unbezähmbarer Geilheit…“
„Ich hasse die Frauen, nach dem wenigen, was ich von ihnen weiß.“
Der diese Hasstiraden gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Rückblick schreibt, ist ein übler Schurke, der all jene Eigenschaften in sich vereint, die er wahlweise den Juden, den Freimaurern oder wem auch immer zuschreibt, der gerade aktuell auf der Abschussliste seiner wechselnden Auftraggeber steht. Er ist habgierig, gottlos, skrupellos, heimtückisch, niederträchtig und feige. Ein wildes Tier, das zuschlägt, wenn sich die Gelegenheit bietet, ein wildes Tier, das schreiben kann.
Nach dem Jurastudium hat Simonini während seiner Lehre bei einem Notar in Turin gelernt, „eigenhändige Testamente“ und andere „Originaldokumente“ zu fabrizieren. Sein Gesellenstück war es, seinen Lehrmeister aufgrund gefälschter Dokumente ins Gefängnis zu bringen, wo dieser verarmt und einsam verstarb, während Simonini seine Kanzlei übernahm. Seine Arbeit ist so gut, dass sich der piemontesische Geheimdienst seiner Dienste versichert und ihn bald als Spitzel nach Sizilien zu den garibaldinischen Truppen schickt, wo er spioniert, Gerüchte und Zeitungsartikel lanciert und schließlich die Kontobücher der Aufständischen mitsamt einer gesamten Schiffsbesatzung versenkt. Später geht er nach Paris und wird vom französischen Geheimdienst verwendet. Er intrigiert, verrät Freund und Feind. Er mordet mehrmals eigenhändig, selbst Verbündete und Freunde, sobald ihm dies für seinen Erfolg oder zu seiner eigenen Sicherheit ratsam erscheint, denn „er konnte nicht wegen ein paar moralischer Skrupel den Erfolg seines Plans … riskieren.“ Simonini ist es schließlich, der das Dokument fälscht, dessentwegen Hauptmann Dreyfus wegen Hochverrats verurteilt wird.
Der Lektüre des Romans „Joseph Balsamo“ von Alexandre Dumas d. Ä., insbesondere der Eingangsszene, verdankt Simonini seine Entdeckung der „Allgemeinen Form Jedes Möglichen Komplotts“: „Vergessen wir den Donnersberg, das linke Rheinufer und die Epoche, sagte ich mir. Denken wir uns Verschwörer, die aus allen Teilen der Welt zusammenkommen als Repräsentanten ihrer Sekten, deren Tentakel sich in alle Länder erstrecken, versammeln wir sie auf einer Lichtung, in einer Burgruine, in einer Höhle, auf einem Friedhof, in einer Krypta, es muss nur schön düster sein, lassen wir einen von ihnen eine Rede halten, in der er ihre konspirativen Pläne offenlegt und ihren Willen zur Eroberung der Welt bekundet… Ich habe immer Leute gekannt, die fest daran glaubten, dass irgendwelche verborgenen Feinde eine große Verschwörung planen, für den Großvater waren es die Juden, für die Jesuiten die Freimaurer, für meinen mazzinianischen Vater die Jesuiten, für halb Europa die Carbonari, für meine carbonarischen Kommilitonen der von den Priestern beeinflusste König, für die Polizeien der halben Welt die Bayerischen Illuminaten… und so weiter, wer weiß, wie viele andere Leute es noch auf der Welt gibt, die sich von einer Verschwörung bedroht fühlen. Hier haben wir eine Form, die jeder nach Belieben mit einem Inhalt füllen kann. Jedem sein Komplott. (…) Weil niemand auf den Gedanken kommt, dass seine Missgeschicke mit seiner eigenen Beschränktheit zu tun haben könnten, deshalb muss jeder einen Schuldigen finden. Dumas bietet allen Frustrierten – den einzelnen wie den Völkern – eine Erklärung für ihr Scheitern. Es sind immer andere gewesen, Leute, die sich auf dem Donnersberg versammelt haben, um unseren Ruin zu planen… Wenn man’s genau bedenkt, hat Dumas nichts erfunden… Diese Erkenntnis legte mir damals schon nahe, dass ich, wenn ich die Enthüllung eines Komplotts irgendwie verkaufen wollte, dem Käufer nichts Originelles liefern durfte, sondern nur und vor allem das, was er entweder schon gehört hatte oder leicht auf andere Weise hätte erfahren können. Die Leute glauben nur, was sie schon wissen, und dies war die Schönheit der Allgemeinen Form des Komplotts.“
Neben Dumas bedient sich Simonini auch bei Eugène Sue und Maurice Joly und verfeinert nach und nach seine Umsetzung der „Allgemeinen Form Jedes Möglichen Komplotts“. Dabei wechseln die Subjekte der Verschwörung und deren Ziele je nach Auftraggeber und dessen politischen Ambitionen. Wollen bei Dumas noch Freimaurer das französische Königshaus stürzen, so sind es im Auftrag des piemontesischen Geheimdienstes die Jesuiten, die „den teuflischen neuen Plan zur Eroberung der Welt“ beraten, und dies erstmals auf dem alten, verlassenen jüdischen Friedhof in Prag. Dann kommt ihm die Idee, wie er jahrhundertelang geschürte Ängste und Ressentiments in bare Münze für sich umwandeln und den „Bericht vom Friedhof in Prag“ zu einem „Bestseller“ machen kann: „Die Juden, heiliger Himmel! Im Grunde hatte ich immer gedacht, sie würden nur meinen Großvater so obsessiv verfolgen, aber nachdem ich Toussenel (französischer Schriftsteller, Utopist und Journalist. Gilt lt. Wikipedia als Begründer des modernen Antisemitismus, d.V.) gehört hatte, machte ich mir bewusst, dass es einen antijüdischen Markt nicht nur unter den Enkeln des Abbé Barruel (französischer Jesuit und Verschwörungstheoretiker, d.V.) gab (die nicht wenige waren), sondern auch unter den Revolutionären, den Republikanern, den Sozialisten… Ich musste über die Juden arbeiten.“ Das ließ sich jeweils kundenspezifisch ausschmücken und so mehrmals verkaufen. „Er müsste nicht bloß eine Szene auf dem Prager Friedhof und eine Rede des Rabbiners beschreiben, sondern verschiedene Reden, eine für die Pfaffen, eine für die Sozialisten, eine für die Russen und eine für die Franzosen. Und er durfte nicht alle Reden vorfabrizieren, er musste sie als Versatzstücke auf separaten Bögen produzieren, die, wenn man sie verschieden mischte, mal die eine und mal die andere Rede ergäben – so dass er dann verschiedenen Käufern je nach deren Wunsch und Geschmack die richtige Rede verkaufen konnte“, und er ging dazu über, „seine Notizen als Protokolle zu bezeichnen“. Eine erste Version verkauft er gleichzeitig an den deutschen und den russischen Geheimdienst, versucht es bei den Jesuiten, eine zweite, ausgefeiltere, erstellt er gar direkt im Auftrag der Jesuiten. Sein Meisterstück ist die nächste Version, die er für die zaristische Geheimpolizei Ochrana verfasst, die gerade auf der Suche nach einem gesellschaftlichen Prügelknaben ist. Die Ochrana ergänzt die inzwischen zum „Tatsachenbericht“ mutierte Fiktion wiederum um einige Versatzstücke und verbreitet sie unter dem Titel „Protokolle der Weisen von Zion“, die bis heute eine der am weitesten verbreiteten antisemitischen Hetzschriften sind.
Eco liefert mit diesem Buch eine Chronologie der (nicht nur) literarischen Gräueltaten nicht nur eines Einzelnen, sondern der Ideengeschichte des vorletzten Jahrhunderts. Er zeigt die verheerende Macht des Wortes, wenn Hass, Verblendung und Dummheit die Feder führen. In der Person des Simonini vollzieht sich, kulturgeschichtlich korrekt, die Verschmelzung der konservativ-reaktionären Verschwörungstheorien eines Abbé Barruel mit dem Judenhass Gougenots, den Rassetheorien Gobineaus und der antisemitischen Agitation Drumonts zu einer „rassisch“ motivierten Weltverschwörungstheorie, deren Subjekte nicht mehr wie früher durch gegenseitige Absprachen, sondern durch ihre Abstammung, also per se, Verschwörer seien. Damit ist der ideologische Weg eingeschlagen, der schließlich zur propagandistischen Rechtfertigung des industriell organisierten Massenmords der deutschen Nationalsozialisten an den Juden führte. Nicht umsonst heißt das vorletzte Kapitel „Die Endlösung“ und meint: die Vernichtung aller Juden. „O Gott, ein ganzes Volk auszurotten, zum Glück musste ich es nicht selber tun, aber meinen bescheidenen Beitrag leistete ich gerade dazu. Und im Grunde war es auch eine einträgliche Unternehmung.“
„Der Friedhof in Prag“ bringt das Kunststück fertig, sowohl die Anhänger als auch die Gegner von Verschwörungstheorien zu bedienen: die Gegner, indem das Buch zeigt, wie die größten Verschwörungstheorien je nach politischer Opportunität von den jeweils Herrschenden bestellt, zurückgehalten oder eingesetzt wurden, also nur ein Werkzeug unter anderen im Herrschaftsapparat waren (und sind?); die Anhänger, indem es zeigt, dass sehr wohl Verschwörungen im Gange waren (und sind?) mit dem Ziel, die Menschen zu manipulieren und ihre Unzufriedenheit und ihren Zorn über die gesellschaftlichen Zustände umzulenken auf wohlfeile Sündenböcke.
