Jorge Luis Borges
„Philip Guedalla schreibt, der Roman The Approach to Al-Mu’tasim des Advokaten Mir Bahadur Ali aus Bombay sei ‚eine etwas ungemütliche Mischung (a rather uncomfortable combination) aus jenen allegorischen Dichtungen des Islam, deren Reiz sich der Übersetzer nur selten entziehen kann, und jener Art von Detektivromanen, die John H. Watson unfehlbar übertreffen und das Grauen menschlichen Daseins in den untadeligsten Pensionen von Brighton perfektionieren.'“
Wer so etwas mag, sollte Borges lesen, den Großmeister der Phantastik. Seine Erzählungen sind vom ersten Satz an Einübungen in die Imagination. Fünf, zehn, 20 Seiten, in seltenen Fällen länger sind seine Erzählungen, konzentriert, verdichtet.
„Das Universum (das andere die Bibliothek nennen) setzt sich aus einer unbestimmten, vielleicht unendlichen Zahl sechseckiger Galerien zusammen, mit weiten Luftschächten in der Mitte, eingefasst von sehr niedrigen Geländern.“ („Die Bibliothek von Babel“)
Oft gelingt Borges in einem Satz, wozu geschwätzige Autoren 300 Seiten verschwenden. Und er kokettiert unumwunden mit der „gröbste(n) aller Versuchungen der Kunst: (der,) ein Genie zu sein“.
„Wenn die Seiten dieses Buches den ein oder anderen glücklichen Vers gewähren, so möge mir der Leser die Unhöflichkeit verzeihen, dass ich ihn mir als erster angemaßt habe. Unsere Nichtigkeiten unterscheiden sich kaum; es ist ein bedeutungsloser und zufälliger Umstand, dass du der Leser dieser Übungen bist und ich ihr Verfasser.“ („Dem Leser“)
Die Erzählungen und Essays von Borges zu lesen ist, wie in einem Lexikon zu blättern, sich überraschen zu lassen von Neuem, Unbekanntem. Und wie bei einem Lexikoneintrag, dessen Bezüge und Herleitungen man zwar erahnt, aber nicht versteht, muss man sich entscheiden, entweder dem Autor zu vertrauen und sich dem Text hinzugeben, ihn erst mal zu lesen, oder den vielen Verweisen, Quellenangaben und unbekannten Namen nachzuforschen. Das ist jedem selbst überlassen. In beiden Fällen bricht man auf in die unendliche Welt der Bücher, Wissenschaften, Geheimlehren und philosophischen Schulen.
Zum Beispiel obiges Eingangszitat: Philip Guedalla existierte und schrieb auch Literaturkritiken, John H. Watson ist (höchstwahrscheinlich) der Dr. Watson des Sherlock Holmes, zu Mir Bahadur Ali findet sich nur der Hinweis, dass er der angebliche Verfasser eines fiktiven Romans ist, dessen Inhalt und Kritik Gegenstand einer Erzählung von: eben Borges ist. Aber ob Philip Guedalla auch wirklich den zitierten Text verfasste (eine Kritik eines fiktiven Werkes, die ihrerseits Eingang findet in Borges‘ Kritik des von ihm erfundenen fiktiven Romans, die ebendieses fiktive Werk selbst ist), sei dahingestellt. Immerhin: Diese Erzählung erschien 1935, Philip Guedalla starb 1944…
Und wenn schon: Was besagt dies alles für die Erzählung („Der Weg zu Almotásim“)? Selbst wenn diese kreisläufige, labyrinthische, schwindelerregende Mixtur von Realität und Fiktion auseinandergedröselt werden könnte, würde dies in irgendeiner Art und Weise ihren Realitätsgehalt schmälern oder ihren fiktionalen Wert mindern? Was wäre dadurch gewonnen?
Dass Realität und Fiktion eins sind, untrennbar miteinander verbunden und ineinander verzahnt, dass der fiktive Gehalt der Realität und der Realitätsgehalt von Fiktion ineinander fließen, ist nicht nur Methode, sondern auch Botschaft. Die Methode ist die Botschaft. Die kreisförmigen, hermetischen und doch offenen Geschichten, die ganze Universen (das eine nämlich) enthalten, erheben trotz oder gerade wegen ihrer Fiktionalität Anspruch auf Gültigkeit auch in demjenigen Universum (d. h. in allen), in dem der Leser gerade liest und genießt.
Hier noch einige Appetithäppchen:
„Letizia Álvarez de Toledo hat angemerkt, dass die ungeheure Bibliothek überflüssig ist; strenggenommen würde ein einziger Band gewöhnlichen Formats, gedruckt in Corpus neun oder zehn, genügen, wenn er aus einer unendlichen Zahl unendlich dünner Blätter bestünde. (…) Die Handhabung dieses seidendünnen Vademecums wäre nicht leicht; jedes anscheinende Einzelblatt würde sich in andere gleichgeartete teilen; das unbegreifliche Blatt in der Mitte hätte keine Rückseite.“ („Die Bibliothek von Babel“)
„’Wir sind nicht im Paradies‘, sagte der junge Mann starrköpfig. ‚Hier, unter dem Mond, ist alles sterblich.‘ Paracelsus war aufgestanden. ‚Wo sonst wären wir denn? Glaubst du, dass die Gottheit einen Ort schaffen kann, der nicht das Paradies ist? Glaubst du, dass der Sündenfall etwas anderes ist, als nicht zu wissen, dass wir im Paradies sind?'“ („Die Rose des Paracelsus“)
„Instinktiv hatte er sich schon angewöhnt, so zu tun, als sei er jemand, damit keiner seine Niemandheit entdecke; in London fand er den Beruf, für den er prädestiniert war, den des Schauspielers, der auf einer Bühne so tut, als sei er ein anderer, vor einer Ansammlung von Leuten, die so tun, als hielten sie ihn für jenen anderen.“ („Everything and Nothing“)
„Jedes Ding ist ein Wort in jener Sprache, in der, Tag und Nacht, Jemand oder Etwas dies unendliche Wirrwarr Weltgeschichte verfasst.“ („Ein Kompass“)
„Er arbeitete nicht für die Nachwelt, nicht einmal für Gott, über dessen literarische Vorlieben er wenig wusste. Peinlich genau, unbeweglich, geheim spann er in der Zeit sein hohes unsichtbares Labyrinth.“ („Das geheime Wunder“)
