Georges Simenon, Der Mann, der den Zügen nachsah
Was macht jemand, dessen bürgerliche Existenz von einer Minute auf die andere vernichtet wird?
Kees Popinga, 40, Prokurist, verheiratet und Vater zweier Kinder, sieht zufällig eines Abends den Chef seiner Firma in einer anrüchigen Kneipe, geht ungläubig hinein und erfährt, dass die Firma pleite ist, der Chef sich mit dem verbliebenen Geld absetzt und er selber ein miserabler Prokurist ist, da er überhaupt nichts bemerkt hat. Das war’s. Popinga realisiert, dass er sein Leben lang nur das getan hat, was die anderen von ihm erwarteten. Insgeheim hatte er jedoch davon geträumt, „ein anderer zu sein als Kees Popinga. Und gerade deshalb war er so sehr Popinga, war er es zu sehr, übertrieb er, weil er wusste, wenn er auch nur in einem Punkt nachgeben würde, könnte ihn nichts mehr bremsen. (…) Und da er nun einmal nicht mehr Prokurist war und ihm seine Villa nicht mehr gehörte, da also ein Steinchen ins Rollen gekommen war, konnte ruhig alles zusammenbrechen. (…) Was aus war, war aus, für alle Zeiten, und diese Gelegenheit musste man nutzen!“
Popinga zieht in die Welt, das heisst er besucht die Frau, die er seit langem heimlich begehrt und mit der er „noch eine alte Rechnung zu begleichen“ hat, denn was ihn „am meisten demütigte, war die Tatsache, dass er sich nie getraut hatte…“. Doch das ist jetzt vorbei, „er konnte sich alles erlauben!“ Das Unheil nimmt seinen Lauf…
Meisterhaft, auf welch engem Raum Simenon das Psychogramm eines kontaktunfähigen und narzisstischen Kleinbürgers liefert, dessen satte Selbstgefälligkeit aufgrund der plötzlichen Ent-Täuschung in Selbstüberhebung und offene Aggression umschlägt.
