Werner Bräunig, Rummelplatz

Thursday, 29. October 2009 13:11

(Geschrieben 1965, erschienen 2007)

Dieser Roman ist ein Kaleidoskop der Nachkriegsgesellschaft, in der die Menschen sich mit ihrer kommunistischen, sozialdemokratischen, bürgerlichen, gar Nazi-Vergangenheit in den noch offenen gesellschaftlichen Strukturen der DDR vier Jahre nach Kriegsende zurechtfinden, behaupten und positionieren müssen. Offene Strukturen auch im wörtlichen Sinne, man reiste zwischen den Besatzungszonen.

Aber dann bricht der sozialistische Realismus aus, trocken nach dem Lehrbuch, dafür mit heiler sozialistischer Gefühlswelt; realitätsbesoffen in schwärmerischer Liebe zu den Maschinen, die richtigen Arbeitern quasi genetisch zufällt, und vorauseilend affirmativ auf Schund- und Schmusekurs mit der erst noch zu erschaffenden sozialistischen Realität.
Andere Personen jedoch empfinden die frühen Jahre anders, fühlen sich unbehaust, einsam, verloren. Auch ihnen wird breiter Raum gegeben, ihr Seelenleben wird ebenfalls ausgebreitet, nachvollziehbar, ohne zu denunzieren.

Ich kenne keinen anderen Roman, der die frühen Jahre der DDR so ergebnisoffen und spannend diskutiert. Da formiert sich die bürokratische Sturheit und wird zur materiellen Vopo-Gewalt, die die Massen bei einem Volksfest ergreift und niederknüppelt. Doch man bekommt eine Ahnung davon, wie es war, als dieser Kampf noch nicht entschieden war. Als die Grenzen noch offen waren, die Gehirne beweglich und die Gesellschaft gestaltbar.

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Juan Carlos Onetti, Der Schacht

Sunday, 6. September 2009 12:06

(Erschienen 1939, Übersetzung von Jürgen Dormagen)

Ein kurzes Buch, Roman genannt, aber eher eine Erzählung. Verdichtet, konzentriert, komplex. Der Ich-Erzähler, ein unbekannter Schriftsteller, erzählt die Nacht zu seinem 40. Geburtstag: von seiner Verzeiflung an der Welt, an den Menschen, insbesondere den Frauen, seinem Lebensekel. “Ich würde gerne die Geschichte einer Seele niederschreiben, von ihr allein, ohne die Ereignisse, auf die sie sich einlassen musste, ob sie wollte oder nicht.”
Schon als Junge hatte er “mit niemandem etwas zu schaffen”. Er denkt sich “Sachen” aus, “irgendetwas Ungewöhnliches”, “Abenteuer”, die der “Welt der Tatsachen” gegenüber stehen. “Denn die Tatsachen sind immer leer, sie sind die Gefäße, die die Form des Gefühls annehmen, das sie ausfüllt.”
Er erzählt, wie die beiden Menschen, denen er zwei seiner Abenteuer anvertraut, mit Unverständnis und Misstrauen reagieren. Er erzählt das Abenteuer von der Blockhütte, “weil es mich zwingt, ein Vorspiel zu erzählen, etwas, das sich vor etwa vierzig Jahren in der Welt der Tatsachen ereignet hat. (…) Ich weiß nicht, ob ich fünfzehn oder sechzehn Jahre alt war…” Damals tat er einem 18-jährigen Mädchen sexuelle Gewalt an, sie stirbt ein halbes Jahr später unter ungeklärten Umständen und besucht ihn seitdem in seiner Traum(a)-Blockhütte. “Was ich fühle, wenn ich die nackte Frau auf dem Lager betrachte, lässt sich nicht sagen, kann ich nicht sagen, ich kenne die Wörter nicht. Dies - was ich fühle - ist das wahre Abenteuer.”
Er beklagt die “absurde Gewohnheit, dass man Personen mehr Bedeutung beimisst als Gefühlen. Ich finde keinen anderen Ausdruck. Ich will sagen: mehr Bedeutung dem Instrument als der Musik.” Er exemplifiziert diese Vorstellung anhand der Liebe: “Wie ein Kind war die Liebe aus uns hervorgegangen. Wir nährten sie, aber sie hatte ihr eigenes Leben. (…) Die Liebe ist etwas zu Wunderbares, als dass man sich beim Schicksal zweier Personen aufhalten könnte, deren einziges Verdienst es war, sie zu besitzen, auf unerklärliche Weise. Was mit Don Eladio Linacero und Dona Cecilia Huerta de Linacero geschehen mag, interessiert mich nicht… Um die Liebe ging es, und die war bereits beendet…”
Tragischerweise geht die Liebe aber nun mal nicht ohne Personen, und auch die anderen Dinge misslingen: Man kann nicht “die Geschichte einer Seele niederschreiben, von ihr allein, ohne die Ereignisse, auf die sie sich einlassen musste”, man kann die Liebe nicht ohne Personen beschreiben, genauso wenig, wie man “Gefühle” ohne Wörter beschreiben kann (oder sonst irgendetwas, haha). Sowohl der Ich-Erzähler als auch der Autor reflektieren jedoch auch dieses Scheitern an der Realität. “Ich lächle in Frieden, öffne den Mund, lasse die Zähne aufeinander klappen und beiße sanft die Nacht. Alles ist vergeblich, und man muss wenigstens den Mut haben, keine Vorwände zu gebrauchen.”
Was bleibt, ist “eine milde Gleichgültigkeit gegenüber allem”, “alles ganz egal”. Trost spenden nur Freundschaft, Abenteuer, das/die Schöne und - ausgerechnet - die Hoffnung auf Liebe: “…ich mag es nicht akzeptieren (dass er sich nie mehr verlieben werde, Anm. d. A.), weil mir scheint, dass ich sonst jegliche Begeisterung verlieren würde, dass die vage Hoffnung, mich zu verlieben, mir etwas Vertrauen ins Leben gibt. Ich habe nichts anderes mehr zu hoffen.”

Erstaunlich viel könnte noch zu diesem kleinen Büchlein geschrieben werden. Darum die Empfehlung: selber lesen. Zur Einstimmung noch einige Zitate:
“Was für eine Realitätskraft haben doch die Gedanken von Leuten, die wenig denken und die vor allem nicht faseln. Zuweilen sagen sie “Guten Tag”, aber auf was für eine intelligente Art.”
“Wir redeten stundenlang, in diesem Zustand überschwänglichen und dennoch sanften Glücks, den nur die Freundschaft gibt und der unmerklich bewirkt, dass zwei Personen Wege durchs Dickicht bahnen und sich hindurchwinden, um zusammenkommen zu können und es mit einem Lächeln zu feiern.”
“Der Himmel ist fahl und ruhig, wacht über Berge von Dunkelheit im Hof. Ein kurzer Laut, wie ein Schnalzen, lässt mich nach oben sehen. Ich bin sicher, eine Falte genau an der Stelle entdecken zu können, wo eine Schwalbe geschrien hat. (…) Dies ist die Nacht. Ich bin ein einsamer Mann, der an einem beliebigen Ort der Stadt raucht; die Nacht umgibt mich, erfüllt sich wie ein Ritus, stufenweise, und ich habe nichts mit ihr zu schaffen. Nur eben für Augenblicke kommt das Pochen meines Blutes an den Schläfen in einen Takt mit dem Puls der Nacht.”

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Siri Hustvedt, Die Leiden eines Amerikaners

Friday, 27. March 2009 0:12

(Erschienen 2008)

Das Personal:
Psychoanalytiker, Philosophin, Geschichtsprofessor, Literaturprofessor, Künstler, Schriftsteller, Medizinhistoriker

Die Themen:
Neurologische Störungen, Traumata, Verluste und Verlustängste, (Alb-)Träume, Minderwertigkeitsgefühle, 9/11, psychische und physische Verletzungen, Ich-Schwäche, Sehnsucht nach Liebe und Intimität, Einsamkeit, Bindungsängste, Geltungsdrang, Konditionierung, Väter, Familie, Herkunft, dunkle Geheimnisse, Verstrickungen, Depression, Erlösung.

Kein Thema:
Geld.

Armut wird nur in den Aufzeichnungen des verstorbenen Vaters, des Geschichtsprofessors, über seine Kindheit thematisiert. In der dritten Generation ist die norwegische Immigrantenfamilie etabliert, der Ich-Erzähler, Mediziner und Psychoanalytiker, und seine Schwester, Philosophin, leben und arbeiten in New York City.
Sind die Leiden auch nicht mehr finanzieller, existenzieller Natur, so werden sie doch als kaum weniger quälend erfahren. Die Familiengeschichte wird nicht empfunden als Erfolgsgeschichte, als ein gelungener Aufstieg, sondern als Kontinuum psychischer Leiden. “Three men of three generations together in a house that was going to pieces, a house I had inherited, a house that shuddered and shook like my sobbing niece and my own besieged body, inner cataclysms I associated with two men who were no longer alive. My grandfather shouts in his sleep. My father shoves his fist through the ceiling. I quake.”
Das Thema, das hier im Kontext dreier Generationen dargestellt wird, ist die Selbstvergewisserung, die Evaluierung der Beschädigungen, die die große Depression in den 30ern, der Zweite Weltkrieg, 9/11 und der Irak-Krieg, aber auch Tod, Scheidung und enttäuschtes Liebesverlangen hervorgerufen haben. “I think we all have ghosts inside us, and it’s better when they speak than when they don’t.”
Der zentrale Wunsch, gesehen = wahrgenommen zu werden, bedingt die stetige Reflexion über sich selbst. Heraus kommt als Gewissheit die Fragilität der Persönlichkeit, die sich unter den Bedingungen einer diffusen Atmosphäre der Bedrohung und des Verfolgtseins erst selbst begründen und befreien muss. “It’s as if I’m looking for something,” I said, “but I don’t know what it is. Something that will release me.” “From the depression”, she said. I looked at her. “And the guilt and the black moods when the sun disappears for days, and from your father who refuses to die.” (”Depression” hier als schönes Beispiel für die Internalisierung äußerer Vorgänge in innere Befindlichkeiten.)

Die Sprache:
Eloquent, sehr geschmeidig. Liest sich außerordentlich gut.

Die Struktur:
Spannungsbögen werden aufgebaut, die im Leser Erwartungen wecken, die nicht enttäuscht, aber anders als erwartet aufgelöst werden. Überraschende Wendungen treiben parallele Handlungsstränge voran, die auf mehreren zeitlichen Ebenen spielen. “…we make our narratives, and those created stories can’t be separated from the culture in which we live. There are times, however, when fantasy, delusion, or outright lies parade as autobiography, and it’s necessary to make some nominal distinction between fact and fiction.”

Empfehlung: Lesen.

“I was in bad shape back then. I’m clean now. I … I found myself.” “Whatever that means,” Sonia said abruptly. “I hear that all the time. You’d think there were selves lying all over the place just waiting to be picked up.”

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Christian Kracht, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

Saturday, 28. February 2009 21:40

(Erschienen 2008)

Was für ein Buch! Schon lange wollte ich auf Friedrich Dürrenmatts „Winterkrieg in Tibet“ (in „Labyrinth / Turmbau“) hinweisen, und nun lese ich einen Roman, der dessen Atmosphäre und auch einzelne Motive nachempfindet. Beide spielen in einer unbestimmten, aber nahen Zukunft, in der seit undenklichen Zeiten ein gnadenloser Krieg wütet. Beide haben einen Ich-Erzähler, bei Kracht erzählt dieser zudem in der Vergangenheitsform, also die Zukunft als Vergangenheit. Aber halt, das stimmt ja gar nicht: Genau genommen, spielt Krachts Roman in der Gegenwart – allerdings in einer anderen. (Noch ein Verweis: Gleiches bietet, auf ganz verschiedene Art und Weise, Christoph Ransmayrs Roman „Morbus Kitahara“. Darin wird ein Deutschland nach einem verlorenen großen Krieg beschrieben, das von den Siegern zu einem reinen Agrarstaat zurück „entwickelt“ wurde; also die Umsetzung des Morgenthau-Plans.)
Bei Kracht ist Lenin nicht 1917 aus der Schweiz nach Russland zurückgekehrt, sondern hat gleich dort zusammen mit Trotzki und Grimm die Revolution erfolgreich angeführt und die SSR (Schweizerische Sowjetrepubliken) gegründet. Seitdem stehen die SSR und ihre Alliierten in einem endlosen Krieg mit den faschistischen Deutschen und den Engländern, die Rolle der hindustanischen Armeen in dieser Auseinandersetzung bleibt undurchsichtig.
Der Ich-Erzähler ist Politkommissär, der den Auftrag hat, einen Oberst zu verhaften, der aus dem gerade zurück eroberten Bern in die Schweizer Alpenfestung geflohen ist. Die Alpen sind im Laufe dieses kriegerischen Jahrhunderts mit Tunneln durchzogen und zu einer gigantischen, uneinnehmbaren Festung ausgebaut worden, die unzähligen Truppen Schutz und Sicherheit bieten.
Erst nach einem Drittel des Romans (das ist auf Seite 54, denn Kracht komprimiert seinen Wurf einer Alternativwelt auf gerade mal 149 Seiten - ein Meister weniger Worte) werden die scheuen, abschätzigen, ablehnenden Reaktionen auf die Anwesenheit des Politkommissärs erklärt: „Ich wurde in einem kleinen Dorf in Nyasaland geboren, am Fuße der Zomba- und Mulanje-Berge, vierzig Werst von der Grenze zu Mozambique entfernt.“ Der Krieg tobt auch in Afrika, und die Schweizer tragen die Revolution auch dorthin. Und „als endlich nie gekannte Gleichheit herrschte, begannen die Schweizer mit dem Bau der Militärakademien, um die Afrikaner zu Soldaten zu machen und damit den gerechten Krieg, der in der Heimat wütete, endlich zu gewinnen.“ Der Ich-Erzähler wird zum Offizier und Politkommissär ausgebildet, wird Teil „des brüderlichen Ringens des Schweizer Sowjetmenschen um eine gerechte Welt, frei von Rassenhass und Ausbeutung.“ – „Wir waren Schweizer.“ Allein diese Konstellation ist atemberaubend: Da reitet und stapft ein schwarzafrikanischer Politkommissär der Schweizerischen Sowjetrepubliken durch den glitzernden Schnee der Schweizer Alpen, erinnert sich an die afrikanische Sonne, seine Familie, den uralten Heiler im Dorf und ist aber einer der Wenigen auf Seiten der SSR, die noch lesen und schreiben. Doch wird nicht viel Aufhebens darum gemacht, in einer knappen, fast lakonischen, durchgearbeitet schönen Sprache werden diese Rahmenbedingungen nur zum De-facto-Hintergrund einer ebenso abenteuerlichen Reise, die nach einem bizarren Showdown mit dem Oberst zur Entzauberung der Revolution und zur Rückkehr des Protagonisten nach Afrika führt. „Ich war wieder ein Chiwa.“
Es gibt etliche Seltsamkeiten in dieser Gegen-Realität, die nicht weiter ausgeführt, geschweige denn erklärt werden: Es gibt jene schwebenden „kleinen eisernen Sonden“ mit einem „schrecklich blauen, sirrenden, ewig summenden Auge“, deren Sinn und Funktionsweise offen bleiben. Nachdem allerdings eine aus der Luft geschlagen wurde, „stellte sich eine gewisse Nervosität ein, eine Veränderung in der Molekularstruktur der Umgebung, ein Zittern in den Büschen am Wegesrand.“ Weitere Beispiele: „Neben ihrer Achselhöhle war eine Steckdose in die Haut eingelassen, wie die Schnauze eines Schweins.“ - „Mein Herz lag nicht wie bei anderen Menschen auf der linken Seite des Körpers im Brustkorb verborgen, sondern auf der rechten Seite.“ - Die Rauchsprache, „unsere neue Kommunikationsform ist eine Leistung des menschlichen Willens.“ „Nun, wir beginnen, das Gedachte zu sprechen und in den Raum zu stellen. Dann können wir das Gesprochene betrachten, um es herumgehen, es schließlich bewegen. Da es vorhanden ist, können wir es bewegen. Und schlussendlich können wir es senden und empfangen.“ Diese lautlose Sprache kann aber auch als „Schall-Umklammerung“ eingesetzt werden, die anderen telekinetisch einen fremden Willen aufzwingt. „Nun, der Krieg verändert uns, nicht nur körperlich und mental, einzeln, sondern als Ganzes, als Einheit.“ - „Meine Augen, sie waren nun vollständig blau geworden, nein, ultramarin; sowohl die Iris und die Pupille als auch die Netzhaut.“ Evolution, Mutation oder schlicht Wahnsinn? Kracht gelingt das Kunststück, in diesem knappen Büchlein präzise Sprache mit überbordender Fantasie zu vereinen. Ein faszinierender Roman.

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Ricarda Huch, Michael Unger

Tuesday, 6. January 2009 22:14

(Erschienen 1903 unter dem Titel „Vita somnium breve“, Das Leben ein kurzer Traum)

Michael Unger, der designierte Nachfolger des väterlichen Handelskontors, ist bereits verheiratet und Vater, als er erkennt, „dass der Kreis, in den er hineingeboren war, nicht die Welt, nicht das Schicksal, sondern etwas Zufälliges und Unvollkommenes war, und dass jenseits erst das Leben mit seinen Höhen und seinen Wundern begann, das Gefilde sich breitete, wo Seelen sich entfalten und reifen.“ Dort will er hin und verlässt Firma, Frau und Kind, um eigentlich Medizin, tatsächlich aber alles Mögliche zu studieren und sich in Studentenzirkeln zu verausgaben. „Hier plötzlich abzubrechen, schien ihm unmöglich und auch unrecht, ja für wahnsinnig hätte er sich gehalten, wenn er, nur um einen anständigen Beruf zu haben, die mit ernster Mühe gesammelten Mittel wegwerfen wollte, die ihm einen Einblick in das Wesentliche, in das Wesen der Erde, des Lebens verschaffen konnten.“
Die Studentenzeit gerät zu lang und zu wirr, auch im Roman selber. Beim Lesen habe ich eine Passage sogar übersprungen, weil dort höchst abstruse Gedankengebilde ausgearbeitet werden, deren fehlende Substanz auch durch den missionarischen Eifer ihrer Fürsprecher nicht wettzumachen ist.
Nach Abschluss des Studiums „wählte Michael einen kleinen Ort am Adriatischen Meere, um seine Arbeit über Meerestiere zu machen.“ Er hat sich einen Namen erarbeitet und ein Angebot für einen langfristigen Forschungsaufenthalt in Südamerika bekommen. „Er zweifelte nicht einen Augenblick, ob er annehmen sollte; wenn je die unbekannte Gottheit ihm ein Zeichen geben wollte, wohin er sich wenden sollte, so war es durch diese wunderbare Verkettung von Umständen geschehen, die ihm in den Schoß fallen ließ, wonach hundert andere mit aller Anstrengung vergebens strebten.“
Der Ausbruch Michael Ungers aus dem vorgezeichneten Lebensweg wird komplementiert durch den langjährigen Ehebruch mit Rose, einer Künstlerin, die die Liebe seines Lebens ist. Doch nun stirbt der Vater und es wird klar, dass Michaels jüngerer Bruder, dem er seinerzeit die Geschäfte der Firma aufgezwungen hatte, diese heruntergewirtschaftet hat. Michael, der immer zwischen der Liebe zu Rose und der Liebe zu seinem Sohn Mario hin und her gezerrt wurde, entscheidet sich für das Kind. Sein gescheiterter Bruder begeht Selbstmord, Michael rettet die Firma und sorgt für die (Patchwork-) Familie. Anfangs nur widerwillig: „Ich würde den Tod dem Leben, das ich jetzt vor mir habe, vorziehen.“ Dennoch ist er „nach angestrengter Tätigkeit etwa eines Jahres“ erfolgreich und geht schließlich „doch froh und in Zuversicht auf seiner Bahn wie einer, den unsichtbare Götter führen.“

Das ist ein nur sehr grober Überblick über die Geschichte Michael Ungers, die über 500 Seiten ausgebreitet wird. Die Hälfte hätte es auch getan, der erkenntnistheoretische Firlefanz des Mittelteils würde auch im Roman nicht vermisst werden, liegen doch die Stärken desselben in der Schilderung der Personen, deren Verhalten und Handlungen schlüssig hergeleitet werden, die aber dennoch nicht vorhersehbar sind. Daraus ergeben sich brillante Dialoge und überraschende Wendungen, die die Fragilität des Geflechts des menschlichen Lebens spürbar machen, um die es dem Roman zu tun ist. Unter der Oberfläche jedoch wirkt Gott, das Göttliche oder die Götter. Das ist nicht der institutionalisierte Gott der Kirche, wie die kritische und teils abschätzige Schilderung der Bekehrung von Michael Ungers Frau zum Katholizismus zeigt, sondern so etwas wie das göttliche Prinzip, das in den Menschen waltet. Allerdings nicht in allen. Was eine Studienfreundin über Rose sagt, gilt auch für Michael: „Und das ist, …weil sie wirklich immer eine Auserwählte war; denn es gibt eine Gnadenwahl, wenigstens für uns, denen die Wege Gottes dunkel bleiben. Ich habe meine Hände wund gerungen nach Gott, während andere ihn im Herzen tragen und wissen es nicht einmal. Einige haben einen Stern auf der Stirn, der durch Leiden und Schmutz und Tod leuchtet, anderen hilft nicht Mühe, nicht Kampf, nicht Glück, nicht Tugend, weil sie verdammt sind.“
Fragt sich, wie sich dieses Auserwähltsein offenbart. Michael ist nicht gefeit gegen Selbstzweifel und psychisches Leid, seine Handlungen sind oft nicht gerade vorbildlich, und auch dem Wink der Gottheit nach Südamerika folgt er nicht (was folgenlos bleibt). Er leistet sich jahrelangen Ehebruch und Trennung von der Familie. Wenn sein Bruder allerdings das Gleiche tut, so ist dies niedrig, gemein und verwerflich. Hieraus spricht eine Selbstüberhöhung, eine durchaus elitäre Überheblichkeit, die sich herleitet von dem Bewusstsein des göttlichen Funkens in ihm.
Dabei ist Michael durchaus nicht zimperlich:
Bei der Trennung von seiner Frau: „In wilder Angst vor der Erstarrung, die sie überwältigen wollte, stürzte sich ihr haltloses Erschrecken, ihre Entrüstung und Verzweiflung in zusammenhanglosen Worten von ihren Lippen. Sie sagte ihm, dass sie ihn in diesem Augenblicke glühender hasste, als sie ihn je geliebt hätte; dass er sie hintergangen hätte wie ein feiger, meuchlerischer Verräter, und suchte nach den ärgsten Beschimpfungen, damit er nichts von der bitterlichen Sehnsucht ahnte, die ihr zum Trotz nach ihm schrie. Er hörte ohne Bewegung und ganz ohne Mitleid zu.“
Nachdem ihm sein Bruder gestanden hat, dass er die Zukunft der Firma durch Spekulationsgeschäfte verspielt hat, sein Name ruiniert sei und er keinen Ausweg wisse, als sich umzubringen: „Michael empfand, nachdem sein Bruder die Geschichte erzählt hatte, kein Bedauern, nicht das leiseste Mitgefühl mit dem leichtfertigen Menschen, der aus nichtswürdiger Eitelkeit und Gewissenlosigkeit sich und die Seinigen ins Elend stürzte. „Und warum lebst du noch?“ fragte er hart; „kannst du dich zu der einzigen unter der langen Reihe deiner gewissenlosen Handlungen nicht aufschwingen, die Mut erfordert?“
Der langjährigen Geliebten seines Bruders und Mutter von dessen Kindern droht er gar: „Wenn Sie mir nicht augenblicklich schwören, dass Sie keine von den Damen, weder meine Mutter noch meine Schwägerin, jemals, weder im Hause noch auf der Straße belästigen wollen, so erwürge ich Sie hier auf der Stelle. (…) Vielleicht hat mein Bruder Ihnen gesagt, dass ich keine Schonung für Gegner habe und niemanden frage, ob das erlaubt ist, was ich tun will, und wenn er sie nicht gewarnt hat, tue ich es.“

Hierhin passen die Anspielungen an den Erzengel Michael, den Fürsten der himmlischen Heerscharen und Seelenrichter. Rose ergänzt auch hier als „Kind der Erde“ Michaels unbedingte Sehnsucht nach Erkenntnis, und ihre Liebe ist die Geschichte des Zusammentreffens von Himmel und Erde, das aufgrund der Ordnung der irdischen Dinge, wie sie nun einmal ist, nur vorübergehend sein kann. Aufgrund dieser Einsicht kann Michael Unger zum Schluss „doch froh und in Zuversicht“ seine Bahn ziehen, obwohl sein Ausbruch, oberflächlich betrachtet, doch wieder endet auf „der kümmerlichen mechanischen Bühne …, die Menschen aufgestellt und für das Leben ausgegeben hatten. Dort deklamierte jeder sein ödes Tagwerk in langen Jammerversen, und schläfrige Furien, Langeweile und Missmut und Entkräftung, schlichen auf Socken hinter ihm her.“ Michael Unger jedoch hat in sich das Göttliche in den profanen Alltag hereingeholt, so dass das tägliche Tagwerk zum Gottesdienst wird. „O Leben, o Schönheit, o Leben, o Schönheit! (…) einst hatte er auch in dem Rauschen (der Bäume) die Sehnsucht und die Klage, das Schluchzen und Jauchzen und alle Verheißungen des Herzens gehört; jetzt hörte er die tränenlosen Weihgesänge.“ Er „war erwacht“, desillusioniert und gealtert zwar, aber im Bewusstsein, ein reicheres, bedeutungsvolleres Leben zu führen, als seine bürgerliche Existenz erahnen lässt.
Auch Rose bringt es schließlich zur verheirateten Frau und Mutter, die „in ihrer überschwänglichen Liebe für die Kinder alles andere, was (geschah), nur wie in einem schwachen Traum erlebte.“

Ein harter Brocken, triefend von Bedeutung und Erkenntnisdrang, erkenntnistheoretisch trotz allem Gepränge eher dürftig. Aber mit wunderbarer Beobachtungsgabe geschrieben; etwa, wenn Michael Unger erkennt, dass sein Vater alt wird, und er Jahre später am Blick seines Sohnes erkennen muss, dass dieser dasselbe über ihn entdeckt hat. Und mit einer Sprache, die die vielen Zitate in dieser Besprechung verzeihen lassen möge.

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Jakob Wassermann

Friday, 31. October 2008 23:18

(10.3.1873 – 1.1.1934)

Zieh ich doch aus einem Krabbeltisch den Erzählungsband „Donna Johanna von Castilien“ heraus, weil ich von dem Autor Jakob Wassermann mal was gehört habe. Und weil ich mal wieder Lust auf historische Erzählungen habe. Und werde gut bedient. Ich lese die anfangs etwas verquaste, dann packende Geschichte von orgiastischen Zuständen, Endzeitängsten, Wehklagen und Jauchzen, die die Nachricht von der Ankunft des Messias im fernen Smyrna (Izmir) bei den Juden in der Umgebung von Fürth kurz nach dem 30jährigen Krieg auslöste. Und diesen „Sabbatai Zewi“ gab es wirklich. Dann folgt die Geschichte der Donna Johanna. Die ließ ihren Gatten ermorden, dann packte sie die Reue, sie ließ ihn wieder ausbuddeln und tourte mit ihm durch die Lande. Um ihm wieder auf die Sprünge zu helfen, ließ sie ihm ein Uhrwerk an die Stelle des Herzens einsetzen. Auch sie gab es, die „Johanna die Wahnsinnige“. Dann geht es ab nach Übersee in der Geschichte von „Geronimo de Aguilar“, der die Azteken vor Cortez entdeckte, zwischen die Fronten geriet und spurlos verschwand. „Sturreganz“ wiederum zeichnet die Zeit Ansbachs unter dem Markgrafen Alexander von Ansbach und Bayreuth nach, „einem von seiner göttlichen Erwähltheit und seinen geheiligten Machtbefugnissen durchdrungenen Dynasten“, der wegen seiner chronischen Finanzknappheit den Einflüsterungen eines schleimigen Höflings nachkommt und wehrtüchtige Männer von den Straßen und aus den Häusern wegfangen lässt, um sie als Söldner an die Engländer zu verkaufen, die sie gegen die für ihre Unabhängigkeit kämpfenden amerikanischen Kolonien einsetzen. „Der Aufruhr um den Junker Ernst“ erzählt von einer wundersamen Gefangenenbefreiung in Würzburg zur Zeit, da der Bischof Philipp Adolph und sein jesuitischer Beichtvater die Stadt mit dem Terror der Inquisition überziehen…
Dies alles kommt selbstbewusst daher in einer ausgewogenen, überzeugenden Mischung aus Fakt und Fiktion, geschrieben in einer selbst bisweilen altertümlich anmutenden, aber sehr ausgeformten Sprache, die sich auch vor großen Worten nicht scheut und aus einem schier unerschöpflichen Fundus Geschichten von Menschen erzählt, erzählt, erzählt. Bestens zum (Vor-) Lesen an langen Winterabenden geeignet. Diese Geschichten suchen ein Ohr. Der nächste Band von Wassermann liegt schon bereit: „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“. Genau, der.

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Joseph Conrad, Der Geheimagent

Friday, 12. September 2008 18:15

(Erschienen 1907)

Die Conrad‘sche Charakterisierung von Anarchisten, Revolutionären und dergleichen „Gestalten” als träge, bequeme, realitätsferne und realitätsfeindliche Personen befremdet. Sie seien nur zu träge oder zu versponnen, um sich in dieser Welt durchzusetzen, die er von archaischen Motiven durchtränkt sieht: Kampf und Verrat, Männer und Frauen, Liebe und Eigennutz. Doch eins muss man ihm lassen: Er macht sich die Mühe des Begriffs. Mir ist eine Passage besonders aufgefallen, in der die Frau des Geheimagenten in dem dunklen Laden sitzt, die Hände vor den Kopf haltend: „In that shop of shady wares fitted with deal shelves painted a dull brown, which seemed to devour the sheen of the light, the gold circlet of the wedding ring on Mrs Verloc’s left hand glittered exceedingly with the untarnished glory of a piece from some splendid treasure of jewels, dropped in a dustbin.”

Abgesehen von dem genialen Haken am Schluss des Satzes, musste ich an die unsägliche Vergleicherei denken, die um sich gegriffen hat, und dass sich hier die schriftstellerische Qualität von Conrad zeigt. Der Großteil der zeitgenössischen Autoren würde schreiben: „glittered exceedingly like a piece from some splendid treasure of jewels”, offen lassend, was sie damit meinen (Kostbarkeit, Reichtum, Schönheit, Unabhängigkeit, Gerechtigkeit …); einen Schatz wollte schließlich jeder schon mal haben. Conrad aber sagt, was diesen Schatz auszeichnet: „untarnished glory”, was ich mit „makellose Pracht” übersetzen würde.

Es gelingt ihm, eine dichte Atmosphäre zu erzeugen, gerade weil er so präzise ist (ganz im Musil’schen Sinne). Das dreckige, feucht-schleimige London atmet im Hintergrund mit, wenn in intensiven, kammerspielartigen Szenen ein Reigen der menschlichen Unzulänglichkeit und Unzugänglichkeit sich dreht und stetig Fahrt aufnimmt bis zum dreifachen bösen Ende.

Tragisch? „Tragisch menschlich” würde Conrad wahrscheinlich sagen.

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Karl-Heinz Ott, Endlich Stille

Friday, 18. July 2008 23:18

(Erschienen 2005)

Der Ich-Erzähler, Philosophieprofessor in Basel, wird auf dem Straßburger Bahnhofsvorplatz von einem Mitreisenden angesprochen. Dieser übernimmt sofort das Kommando, entscheidet, welches Hotel „wir“ nehmen („Bett ist Bett, und zum Schlafen werden wir heute eh nicht viel kommen“), wo gegessen und vor allem getrunken wird. Friedrich Grävenich, der angeblich Klavier an der Mannheimer Musikhochschule unterrichtet, ist eine schillernde, extravagante Person und kann mit viel Sachverstand, Eloquenz und Emphase über Musik, Gott und die Welt, aber vor allem über sich selbst reden, reden, reden. Fasziniert und abgestoßen zugleich, reagiert der Philosoph, dessen Spezialgebiet Spinoza ist, auf diese Vereinnahmung unentschlossen, ja hilflos. „Doch obwohl seine Mitteilungsgier – trotz und wegen ihrer Penetranz – fast etwas Kümmerliches an sich hatte, kam ich mir ihm gegenüber zunehmend kleiner vor und fühlte mich, je länger sich dieses Spiel fortsetzte, wie sein Gefangener.“ Es folgt ein Absturz vom Feinsten. Der Erzähler vermag sich dem Sog des Anderen nur durch die Flucht in einer Nacht- und Nebelaktion zu entziehen.

Dem Leser ergeht es nicht viel anders. Hingerissen von einer Sprache, die mit der Zunge schnalzen lässt, verfolgt er die Kapriolen des Friedrich Grävenich und die Wehrlosigkeit des Erzählers mit ungläubigem Staunen und fasziniertem Kopfschütteln, und muss doch mit, wird mitgerissen in den Strudel der Ereignisse und peinigenden Reflexionen, und nimmt teil an dem aberwitzigen Martyrium der Hauptperson.

Nach einem ruhig verlaufenen Semester meldet sich Friedrich Grävenich zu Beginn der Semesterferien in Basel. Er hat seinen „Freund“ trotz falsch angegebener Adresse und Telefonnummer ausfindig gemacht und kündigt seinen Besuch an. Und dieser nimmt sofort das Wochenende über Reißaus. Doch natürlich entgeht er dem Friedrich nicht. „Zum ersten Mal im Leben war ich mit einem Wesen konfrontiert, das keine instinktive Distanz kannte. Auch wenn ich mich schon oft überrumpelt, belästigt oder zu Dingen gedrängt gefühlt hatte, die ich über mich ergehen ließ“, „auf eine Erfahrung, wie sie mir mit Friedrich beschert wurde, konnte ich durch nichts vorbereitet sein.“

Friedrich nistet sich bei ihm ein, quartiert ihn aus seinem eigenen Schlafzimmer aus, richtet jegliche Ordnung in Wohnung und Bücherregal zu Grunde, zerstört unachtsam seine lang geschmähte Nippes-Nietzsche-Büste („Just im Augenblick ihres Falls bekam sie für mich einen unermesslichen Wert…“) und etabliert einen Tagesablauf, der damit beginnt, dass Friedrich rauchend auf der Küchenbank hockt, sich „am Gemächte kratzt“, dann, um dem schimmelnden Chaos in der Wohnung zu entkommen, wird außer Haus gefrühstückt bzw. zu Mittag gegessen, herumgelungert und abends wird in immer derselben Kaschemme „fast bis zur Bewusstlosigkeit“ gesoffen. Und genauso der folgende Tag, vier Wochen lang. „Alle Tage verschwammen ineinander, ähnlich meinem Ichgefühl, in dem die Konturen sich aufzulösen begannen und es keinen Punkt mehr geben wollte, an dem es sich wieder hätte aufrichten können“, „weil die Anwesenheit dieses Menschen alles absorbierte und keinen anderen Gefühlen und Gedanken mehr Raum ließ“, „und ich fragte mich, ob er sich nicht selbst ständig fragen muss, warum ich mir das gefallen lasse und nicht zurückschlage.“

Friedrich seinerseits scheint „restlos zufrieden damit, einfach bei mir zu wohnen und versorgt zu sein“, „als habe sich seine Zukunft bereits dadurch gelöst, dass er bei mir in der Küche sitzen kann und über ein Bett verfügt.“

Fassungslos hadert der Philosoph mit sich selbst und nimmt Zuflucht zu Durchhalteparolen wie der, dass „meine Kräfte noch in einer Selbsterniedrigung wachsen, bei der ich selbst lange Zeit am meisten fürchte, unter die Räder zu kommen“.

Gibt es also doch einen Ausweg? Wird es unserem untergebutterten Helden gelingen, dem grausamen Spiel ein Ende zu bereiten, seinen Alb zu verscheuchen und seine Selbstachtung wiederzugewinnen?

Wird nicht verraten, selber lesen macht Spaß!

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Herman Melville, Pierre oder Die Doppeldeutigkeiten

Sunday, 15. June 2008 13:01

(Erschienen 1852, Übersetzung von Christa Schuenke)

Was macht jemand, dessen „ganzer sittlicher Kern bis auf den Grund erschüttert“ wird?
Pierre Glendinnig ist der sensible Spross einer „aristokratischen“ amerikanischen Ostküstenfamilie, deren (männliche) Mitglieder von der ersten Siedlergeneration an hilfreich, edel und gut waren, und denen (folgerichtig?) immenser Reichtum, aber auch körperliche und geistige Schönheit zufielen. Pierre ist durchdrungen von heroischer Familiensaga, der Bestimmung zu Höherem und der moralischen Untadeligkeit, die Generationen von Glendinnings an ihre Nachfahren weitergegeben haben. Er ist standesgemäß verlobt und auch rechtschaffen in seine Lucy verliebt, so dass die Glendinnig-Saga mit ihm einmal mehr einem glänzenden Höhepunkt zustrebt.
Doch Pierre hat einen fatalen Charakterfehler, der sich offenbart, als sich plötzlich Isabel, die voreheliche Tochter seines verstorbenen Vaters, die in ärmlichsten Verhältnissen lebt, an ihn wendet. Der „unerhörte Schock der tatsächlichen Wahrheit“ bewirkt, dass sich „jetzt die greifbare Welt der festen Körper rings um ihn her …nach allen Seiten verschob“, „und Pierre entglitt in eine Luftwelt aus Visionen“. Der junge Mann nimmt die ihm vermittelten romantischen Werte als bare Münze und versucht, das seiner Halbschwester angetane Unrecht, keine Glendinnig zu sein, wieder gutzumachen. Doch will er es allen recht machen und fasst einen „merkwürdigen und unerhörten Entschluss“, der „erstaunlich war in seiner einzigartigen Selbstverleugnung. Von Anfang an entschlossen, den guten Ruf seines Vaters unter allen Umständen reinzuhalten, ganz gleich, was er täte, um Isabel zu beschützen und ihr all seine brüderliche Ergebenheit und Liebe zu schenken, und ebenso entschlossen, seiner Mutter andauernden Seelenfrieden nicht durch sinnlose Enthüllung unwillkommener Tatsachen zu stören, (…) hatte er nun die folgende feste und unumstößliche Absicht gefasst, nämlich: vor aller Welt zu behaupten, Pierre Glendinnig sei bereits heimlich mit Isabel Banford vermählt…“.
Die Durchführung dieses vermeintlich von Edelmut gezeugten Entschlusses stürzt alle Beteiligten ins Verderben. Seine dominante, „hochmütige“ Mutter, die ehedem von „schwärmerischer Sohnesliebe“ für ihren einzigen, „ehrfürchtigen und hingebungsvollen Sohn“ erfüllt war, wird laut eigener Aussage zu einem „rasenden, von Stolz vergifteten Weib“, enterbt und verstößt Pierre und stirbt an gebrochenem Herzen. Pierre zieht mit Isabel und einem entlaufenen Dienstmädchen in die Stadt, wo sie bittere Not leiden (Pierre versucht, schriftstellernd über die Runden zu kommen!). Lucy, die nicht weiß, wie ihr geschieht, weil Pierre ihr den Grund seines Verhaltens nicht enthüllen darf, wird sterbenskrank, zieht dann aber zu Pierre und Isabel, um „als nonnengleiche Base“ bei ihm zu sein und ebenfalls bittere Not zu leiden. Lucys Bruder Fred und Pierres städtischer Vetter Glen, der Lucy liebt, versuchen, diese aus den Klauen des „schurkischen und meineidigen Lügners“ zu befreien. Verzweiflung und Hass brechen sich Bahn, Gewalt wird angewendet, schließlich erschießt Pierre seinen Vetter auf offener Straße, und „hatte“ damit „mit eigener Hand sein Geschlecht ausgelöscht“. Während Isabel und Lucy Pierre im Kerker besuchen, entdeckt Lucy die Wahrheit über die beiden und fällt tot um, Pierre und Isabel nehmen Gift. „Weib oder Schwester, Heilige oder Teufelin!“ – Er zog Isabel an sich – „nicht Leben für die Kinder wohnt in deinen Brüsten, nur Todesmilch für dich und mich! – Das Gift!“ – Er riss den Busen ihres Kleides auf und griff nach dem geheimen Fläschchen, das dort verborgen war.“
Nun habe ich das Ende des Romans verraten, aber das macht nichts. Es gäbe noch viel darüber zu schreiben, Melville hat immerhin über 600 Seiten geschrieben, „gründlich und analytisch und psychologisch und metaphysisch ihre Verhältnisse und ihre Umgebung und alle Nebensächlichkeiten in Erwägung gezogen“. Reflexionen über Pierre, das Leben, die Ideale, die Liebe, die Philosophie, die Literatur; „Bemerkungen über die transzendentale Badebürstenphilosophie“ mitsamt „Apfelschnitzdialektik“; Schilderungen der Doppelmoral und der Bigotterie der reichen und feinen Gesellschaft. Der Roman ist voller Doppeldeutigkeiten – was bedeutet es, dass sich Mutter und Sohn als „Bruder“ und „Schwester“ ansprechen, ist Pierres Halbschwester nun seine Frau oder nicht, warum ist seine versprochene Frau Lucy „engelsgleich“? Sind diese ungeklärten Doppeldeutigkeiten in den Beziehungen zu den Frauen der Auslöser für den Fall der Glendinnig-Dynastie? Ist Pierre nur ein verwirrter Spinner, oder sind seine Gewissenskonflikte und seine hehren Absichten ernst zu nehmen? Was besagt es, dass seine konsequente Umsetzung der anerzogenen Ideale in Lüge, Hass, Totschlag, Selbstmord und Auslöschung der Familie endet?
Fragen über Fragen.
Starker Tobak, nichts für ungeübte oder ungeduldige Leser.

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Mark Z. Danielewski, Das Haus

Wednesday, 4. June 2008 16:57

Ist ein wahres Kunstwerk, sowohl äußerlich, also von der Aufmachung (habe die gebundene Ausgabe gelesen) her, als auch von der Geschichte. Es ist aber keinesfalls ein Buch, das man auf einmal und an einem Stück durchlesen kann.

Das ganze Buch über gibt es an sich drei Erzähler: Will Navidson, Jony Truant und Zampano, die sich gegenseitig ergänzen, zitieren und auf Quellen verweisen. Geht man diesen Quellen nach, verirrt man sich in vielerlei Richtungen, ein paar davon existieren wirklich, andere sind nur zur Wahrung des Scheins aufgenommen worden. Jeder dieser Autoren hat eine eigene Schriftart, an denen man sie auseinander halten kann, und jeder dieser Autoren bringt seine eigene Geschichte irgendwie mit ein.

Die ganze Geschichte ist wie eine professionelle Arbeit geschrieben, immer sachlich, analysierend, mit wissenschaftlichen Thesen und Berechnungen hinterlegt und bewiesen, auf die Psychologie überprüft. Der Aufbau der einzelnen Seiten variiert sehr stark, es kommen Seiten vor, die bis auf einzelne Wörter total leer sind, darauf folgen Kapitel, die im normalen Schreibstil geschrieben wurden, die dann wieder in einem Stil ähnlich dem eines Wörterbuches verfasst sind. Es ist also sehr viel Abwechslung allein schon im Aufbau.

Auch vom Inhalt her ist es manchmal schön verwirrend und teilweise sehr gut ausgedehnt. Als Beispiel wird kapitellang das Echo erklärt, in der römischen Mythologie, in der griechischen Mythologie und schließlich wird noch ein Kapitel über die mathematische Berechnung und ein paar Theorien drangehängt, nur um dann beweisen zu können, dass es an dieser Stelle des Hauses überhaupt kein Echo geben dürfte…

Es handelt von Will Navidson, folglich Navy genannt und seiner Frau Karen Green, die, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, in ein altes Haus in der Ash Tree Lane ziehen. Genauer gesagt handelt es sich jedoch um den Navidson Record, einen Film, den Navy macht, um den Neuanfang in diesem Haus festzuhalten. Anfänglich läuft alles gut, bis jedoch unerklärliche Dinge passieren. Es entsteht ein neuer Zwischenraum zwischen dem Schlafzimmer der Eltern und dem der Kinder oder die Länge des Raumes innen ist auf einmal länger als die außen. Dann entsteht ein neuer Flur inmitten des Hauses, der in totaler Dunkelheit liegt.
Dieser Film ist schon der zweite, diesmal längere, davor gab es bereits den “5-Minuten-Flur”, der auch schon auf die extrem verquerten Zustände im Haus hinweist.

All diese Veränderungen zwingen Karen immer mehr in die Isolation, während sie das Interesse von Navy wecken, der, nachdem er sich das erste Mal in diesem Flur verirrte, in dem anscheinend keine Grenzen an Räumlichkeit herrschen, ein Team zusammenstellt, das diesen erforschen soll. Insgesamt werden vier Erkundungen gemacht, alles wird protokolliert und erfasst. Dieser Abschnitt des Hauses, der einer eigenen Welt gleicht, hat ganz andere Grundregeln, zum Beispiel sind die Mauern ständig in Bewegung, die Räume bauen sich alle paar Minuten von selbst um.

Hier bemerkt man immer mehr, was dies alles für Auswirkungen auf die einzelnen Personen hat, die immer wieder mit psychischen Ansätzen untersucht werden. Die letzte Erkundung wird jedoch zu einem Horrortrip, der in Isolation, Wahnsinn und Depression endet.

Die Geschichte von diesem Navidson Record, von Navy selbst und Karen und allen Anderen, die darin vorkommen, wird jedoch eigentlich von Zampano aufgeschrieben, einem alten Mann, der erblindet ist und sich, nachdem er jahrelang nach allen Hinweisen, Beweisen und Gegenbeweisen gesucht hat, in seiner Wohnung eingesperrt ist und schließlich in ihr gestorben ist.
Nachdem Jonny Truant in die Wohnung des Verstorbenen gelangt, und dieser eine Truhe mit den Inhalten entnimmt, beginnt er alle gesammelten Texte und Schriftstücke zu ordnen und zusammen zu schreiben, die Quellen zu bearbeiten. Und auch sein eigenes Leben fließt hier in Form von vielen Fußnoten wieder mit ein, sein eigener Wahnsinn, der beginnt, als er selbst zu viel Zeit mit diesem Thema verbringt.

Zudem schalten sich noch manchmal die Übersetzer ein, die etwas berichtigen oder auf weitere Quellen oder Hinweise gestoßen sind.

Hm. Es ist sehr schwierig über dieses Buch zu schreiben, weil es so viele Fassetten besitzt und so faszinierend geschrieben ist. Es verzweigt sich sehr ineinander und mischt alles mit allem.
Auf jeden Fall sehr sehr zu empfehlen! Sehr lesenswert!

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