Tuesday, 6. January 2009 22:14
(Erschienen 1903 unter dem Titel „Vita somnium breve“, Das Leben ein kurzer Traum)
Michael Unger, der designierte Nachfolger des väterlichen Handelskontors, ist bereits verheiratet und Vater, als er erkennt, „dass der Kreis, in den er hineingeboren war, nicht die Welt, nicht das Schicksal, sondern etwas Zufälliges und Unvollkommenes war, und dass jenseits erst das Leben mit seinen Höhen und seinen Wundern begann, das Gefilde sich breitete, wo Seelen sich entfalten und reifen.“ Dort will er hin und verlässt Firma, Frau und Kind, um eigentlich Medizin, tatsächlich aber alles Mögliche zu studieren und sich in Studentenzirkeln zu verausgaben. „Hier plötzlich abzubrechen, schien ihm unmöglich und auch unrecht, ja für wahnsinnig hätte er sich gehalten, wenn er, nur um einen anständigen Beruf zu haben, die mit ernster Mühe gesammelten Mittel wegwerfen wollte, die ihm einen Einblick in das Wesentliche, in das Wesen der Erde, des Lebens verschaffen konnten.“
Die Studentenzeit gerät zu lang und zu wirr, auch im Roman selber. Beim Lesen habe ich eine Passage sogar übersprungen, weil dort höchst abstruse Gedankengebilde ausgearbeitet werden, deren fehlende Substanz auch durch den missionarischen Eifer ihrer Fürsprecher nicht wettzumachen ist.
Nach Abschluss des Studiums „wählte Michael einen kleinen Ort am Adriatischen Meere, um seine Arbeit über Meerestiere zu machen.“ Er hat sich einen Namen erarbeitet und ein Angebot für einen langfristigen Forschungsaufenthalt in Südamerika bekommen. „Er zweifelte nicht einen Augenblick, ob er annehmen sollte; wenn je die unbekannte Gottheit ihm ein Zeichen geben wollte, wohin er sich wenden sollte, so war es durch diese wunderbare Verkettung von Umständen geschehen, die ihm in den Schoß fallen ließ, wonach hundert andere mit aller Anstrengung vergebens strebten.“
Der Ausbruch Michael Ungers aus dem vorgezeichneten Lebensweg wird komplementiert durch den langjährigen Ehebruch mit Rose, einer Künstlerin, die die Liebe seines Lebens ist. Doch nun stirbt der Vater und es wird klar, dass Michaels jüngerer Bruder, dem er seinerzeit die Geschäfte der Firma aufgezwungen hatte, diese heruntergewirtschaftet hat. Michael, der immer zwischen der Liebe zu Rose und der Liebe zu seinem Sohn Mario hin und her gezerrt wurde, entscheidet sich für das Kind. Sein gescheiterter Bruder begeht Selbstmord, Michael rettet die Firma und sorgt für die (Patchwork-) Familie. Anfangs nur widerwillig: „Ich würde den Tod dem Leben, das ich jetzt vor mir habe, vorziehen.“ Dennoch ist er „nach angestrengter Tätigkeit etwa eines Jahres“ erfolgreich und geht schließlich „doch froh und in Zuversicht auf seiner Bahn wie einer, den unsichtbare Götter führen.“
Das ist ein nur sehr grober Überblick über die Geschichte Michael Ungers, die über 500 Seiten ausgebreitet wird. Die Hälfte hätte es auch getan, der erkenntnistheoretische Firlefanz des Mittelteils würde auch im Roman nicht vermisst werden, liegen doch die Stärken desselben in der Schilderung der Personen, deren Verhalten und Handlungen schlüssig hergeleitet werden, die aber dennoch nicht vorhersehbar sind. Daraus ergeben sich brillante Dialoge und überraschende Wendungen, die die Fragilität des Geflechts des menschlichen Lebens spürbar machen, um die es dem Roman zu tun ist. Unter der Oberfläche jedoch wirkt Gott, das Göttliche oder die Götter. Das ist nicht der institutionalisierte Gott der Kirche, wie die kritische und teils abschätzige Schilderung der Bekehrung von Michael Ungers Frau zum Katholizismus zeigt, sondern so etwas wie das göttliche Prinzip, das in den Menschen waltet. Allerdings nicht in allen. Was eine Studienfreundin über Rose sagt, gilt auch für Michael: „Und das ist, …weil sie wirklich immer eine Auserwählte war; denn es gibt eine Gnadenwahl, wenigstens für uns, denen die Wege Gottes dunkel bleiben. Ich habe meine Hände wund gerungen nach Gott, während andere ihn im Herzen tragen und wissen es nicht einmal. Einige haben einen Stern auf der Stirn, der durch Leiden und Schmutz und Tod leuchtet, anderen hilft nicht Mühe, nicht Kampf, nicht Glück, nicht Tugend, weil sie verdammt sind.“
Fragt sich, wie sich dieses Auserwähltsein offenbart. Michael ist nicht gefeit gegen Selbstzweifel und psychisches Leid, seine Handlungen sind oft nicht gerade vorbildlich, und auch dem Wink der Gottheit nach Südamerika folgt er nicht (was folgenlos bleibt). Er leistet sich jahrelangen Ehebruch und Trennung von der Familie. Wenn sein Bruder allerdings das Gleiche tut, so ist dies niedrig, gemein und verwerflich. Hieraus spricht eine Selbstüberhöhung, eine durchaus elitäre Überheblichkeit, die sich herleitet von dem Bewusstsein des göttlichen Funkens in ihm.
Dabei ist Michael durchaus nicht zimperlich:
Bei der Trennung von seiner Frau: „In wilder Angst vor der Erstarrung, die sie überwältigen wollte, stürzte sich ihr haltloses Erschrecken, ihre Entrüstung und Verzweiflung in zusammenhanglosen Worten von ihren Lippen. Sie sagte ihm, dass sie ihn in diesem Augenblicke glühender hasste, als sie ihn je geliebt hätte; dass er sie hintergangen hätte wie ein feiger, meuchlerischer Verräter, und suchte nach den ärgsten Beschimpfungen, damit er nichts von der bitterlichen Sehnsucht ahnte, die ihr zum Trotz nach ihm schrie. Er hörte ohne Bewegung und ganz ohne Mitleid zu.“
Nachdem ihm sein Bruder gestanden hat, dass er die Zukunft der Firma durch Spekulationsgeschäfte verspielt hat, sein Name ruiniert sei und er keinen Ausweg wisse, als sich umzubringen: „Michael empfand, nachdem sein Bruder die Geschichte erzählt hatte, kein Bedauern, nicht das leiseste Mitgefühl mit dem leichtfertigen Menschen, der aus nichtswürdiger Eitelkeit und Gewissenlosigkeit sich und die Seinigen ins Elend stürzte. „Und warum lebst du noch?“ fragte er hart; „kannst du dich zu der einzigen unter der langen Reihe deiner gewissenlosen Handlungen nicht aufschwingen, die Mut erfordert?“
Der langjährigen Geliebten seines Bruders und Mutter von dessen Kindern droht er gar: „Wenn Sie mir nicht augenblicklich schwören, dass Sie keine von den Damen, weder meine Mutter noch meine Schwägerin, jemals, weder im Hause noch auf der Straße belästigen wollen, so erwürge ich Sie hier auf der Stelle. (…) Vielleicht hat mein Bruder Ihnen gesagt, dass ich keine Schonung für Gegner habe und niemanden frage, ob das erlaubt ist, was ich tun will, und wenn er sie nicht gewarnt hat, tue ich es.“
Hierhin passen die Anspielungen an den Erzengel Michael, den Fürsten der himmlischen Heerscharen und Seelenrichter. Rose ergänzt auch hier als „Kind der Erde“ Michaels unbedingte Sehnsucht nach Erkenntnis, und ihre Liebe ist die Geschichte des Zusammentreffens von Himmel und Erde, das aufgrund der Ordnung der irdischen Dinge, wie sie nun einmal ist, nur vorübergehend sein kann. Aufgrund dieser Einsicht kann Michael Unger zum Schluss „doch froh und in Zuversicht“ seine Bahn ziehen, obwohl sein Ausbruch, oberflächlich betrachtet, doch wieder endet auf „der kümmerlichen mechanischen Bühne …, die Menschen aufgestellt und für das Leben ausgegeben hatten. Dort deklamierte jeder sein ödes Tagwerk in langen Jammerversen, und schläfrige Furien, Langeweile und Missmut und Entkräftung, schlichen auf Socken hinter ihm her.“ Michael Unger jedoch hat in sich das Göttliche in den profanen Alltag hereingeholt, so dass das tägliche Tagwerk zum Gottesdienst wird. „O Leben, o Schönheit, o Leben, o Schönheit! (…) einst hatte er auch in dem Rauschen (der Bäume) die Sehnsucht und die Klage, das Schluchzen und Jauchzen und alle Verheißungen des Herzens gehört; jetzt hörte er die tränenlosen Weihgesänge.“ Er „war erwacht“, desillusioniert und gealtert zwar, aber im Bewusstsein, ein reicheres, bedeutungsvolleres Leben zu führen, als seine bürgerliche Existenz erahnen lässt.
Auch Rose bringt es schließlich zur verheirateten Frau und Mutter, die „in ihrer überschwänglichen Liebe für die Kinder alles andere, was (geschah), nur wie in einem schwachen Traum erlebte.“
Ein harter Brocken, triefend von Bedeutung und Erkenntnisdrang, erkenntnistheoretisch trotz allem Gepränge eher dürftig. Aber mit wunderbarer Beobachtungsgabe geschrieben; etwa, wenn Michael Unger erkennt, dass sein Vater alt wird, und er Jahre später am Blick seines Sohnes erkennen muss, dass dieser dasselbe über ihn entdeckt hat. Und mit einer Sprache, die die vielen Zitate in dieser Besprechung verzeihen lassen möge.