Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Stöbern'

Jorge Luis Borges

Friday, 31. December 2010 17:35

(24.8.1899 - 14.6.1986)

„Philip Guedalla schreibt, der Roman The Approach to Al-Mu’tasim des Advokaten Mir Bahadur Ali aus Bombay sei ‘eine etwas ungemütliche Mischung (a rather uncomfortable combination) aus jenen allegorischen Dichtungen des Islam, deren Reiz sich der Übersetzer nur selten entziehen kann, und jener Art von Detektivromanen, die John H. Watson unfehlbar übertreffen und das Grauen menschlichen Daseins in den untadeligsten Pensionen von Brighton perfektionieren.’”
Wer so etwas mag, sollte Borges lesen, den Großmeister der Phantastik. Seine Erzählungen sind vom ersten Satz an Einübungen in die Imagination. Fünf, zehn, 20 Seiten, in seltenen Fällen länger sind seine Erzählungen, konzentriert, verdichtet.
„Das Universum (das andere die Bibliothek nennen) setzt sich aus einer unbestimmten, vielleicht unendlichen Zahl sechseckiger Galerien zusammen, mit weiten Luftschächten in der Mitte, eingefasst von sehr niedrigen Geländern.” („Die Bibliothek von Babel”)
Oft gelingt Borges in einem Satz, wozu geschwätzige Autoren 300 Seiten verschwenden. Und er kokettiert unumwunden mit der „gröbste(n) aller Versuchungen der Kunst: (der,) ein Genie zu sein”.
„Wenn die Seiten dieses Buches den ein oder anderen glücklichen Vers gewähren, so möge mir der Leser die Unhöflichkeit verzeihen, dass ich ihn mir als erster angemaßt habe. Unsere Nichtigkeiten unterscheiden sich kaum; es ist ein bedeutungsloser und zufälliger Umstand, dass du der Leser dieser Übungen bist und ich ihr Verfasser.” („Dem Leser”)
Die Erzählungen und Essays von Borges zu lesen ist, wie in einem Lexikon zu blättern, sich überraschen zu lassen von Neuem, Unbekanntem. Und wie bei einem Lexikoneintrag, dessen Bezüge und Herleitungen man zwar erahnt, aber nicht versteht, muss man sich entscheiden, entweder dem Autor zu vertrauen und sich dem Text hinzugeben, ihn erst mal zu lesen, oder den vielen Verweisen, Quellenangaben und unbekannten Namen nachzuforschen. Das ist jedem selbst überlassen. In beiden Fällen bricht man auf in die unendliche Welt der Bücher, Wissenschaften, Geheimlehren und philosophischen Schulen.
Zum Beispiel obiges Eingangszitat: Philip Guedalla existierte und schrieb auch Literaturkritiken, John H. Watson ist (höchstwahrscheinlich) der Dr. Watson des Sherlock Holmes, zu Mir Bahadur Ali findet sich nur der Hinweis, dass er der angebliche Verfasser eines fiktiven Romans ist, dessen Inhalt und Kritik Gegenstand einer Erzählung von: eben Borges ist. Aber ob Philip Guedalla auch wirklich den zitierten Text verfasste (eine Kritik eines fiktiven Werkes, die ihrerseits Eingang findet in Borges’ Kritik des von ihm erfundenen fiktiven Romans, die ebendieses fiktive Werk selbst ist), sei dahingestellt. Immerhin: Diese Erzählung erschien 1935, Philip Guedalla starb 1944…
Und wenn schon: Was besagt dies alles für die Erzählung („Der Weg zu Almotásim”)? Selbst wenn diese kreisläufige, labyrinthische, schwindelerregende Mixtur von Realität und Fiktion auseinandergedröselt werden könnte, würde dies in irgendeiner Art und Weise ihren Realitätsgehalt schmälern oder ihren fiktionalen Wert mindern? Was wäre dadurch gewonnen?
Dass Realität und Fiktion eins sind, untrennbar miteinander verbunden und ineinander verzahnt, dass der fiktive Gehalt der Realität und der Realitätsgehalt von Fiktion ineinander fließen, ist nicht nur Methode, sondern auch Botschaft. Die Methode ist die Botschaft. Die kreisförmigen, hermetischen und doch offenen Geschichten, die ganze Universen (das eine nämlich) enthalten, erheben trotz oder gerade wegen ihrer Fiktionalität Anspruch auf Gültigkeit auch in demjenigen Universum (d. h. in allen), in dem der Leser gerade liest und genießt.
Hier noch einige Appetithäppchen:
„Letizia Álvarez de Toledo hat angemerkt, dass die ungeheure Bibliothek überflüssig ist; strenggenommen würde ein einziger Band gewöhnlichen Formats, gedruckt in Corpus neun oder zehn, genügen, wenn er aus einer unendlichen Zahl unendlich dünner Blätter bestünde. (…) Die Handhabung dieses seidendünnen Vademecums wäre nicht leicht; jedes anscheinende Einzelblatt würde sich in andere gleichgeartete teilen; das unbegreifliche Blatt in der Mitte hätte keine Rückseite.” („Die Bibliothek von Babel”)
„’Wir sind nicht im Paradies’, sagte der junge Mann starrköpfig. ‘Hier, unter dem Mond, ist alles sterblich.’ Paracelsus war aufgestanden. ‘Wo sonst wären wir denn? Glaubst du, dass die Gottheit einen Ort schaffen kann, der nicht das Paradies ist? Glaubst du, dass der Sündenfall etwas anderes ist, als nicht zu wissen, dass wir im Paradies sind?’” („Die Rose des Paracelsus”)
„Instinktiv hatte er sich schon angewöhnt, so zu tun, als sei er jemand, damit keiner seine Niemandheit entdecke; in London fand er den Beruf, für den er prädestiniert war, den des Schauspielers, der auf einer Bühne so tut, als sei er ein anderer, vor einer Ansammlung von Leuten, die so tun, als hielten sie ihn für jenen anderen.” („Everything and Nothing”)
„Jedes Ding ist ein Wort in jener Sprache, in der, Tag und Nacht, Jemand oder Etwas dies unendliche Wirrwarr Weltgeschichte verfasst.” („Ein Kompass”)
„Er arbeitete nicht für die Nachwelt, nicht einmal für Gott, über dessen literarische Vorlieben er wenig wusste. Peinlich genau, unbeweglich, geheim spann er in der Zeit sein hohes unsichtbares Labyrinth.” („Das geheime Wunder”)

Thema: Stöbern | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler

Henry James

Tuesday, 13. July 2010 22:29

(15.4.1843 - 28.2.1916)

Warum ist es ein Genuss, Henry James zu lesen? Weil er einer der ganz großen Stilisten ist und ein passionierter Menschenerzähler. Bei ihm bestimmt das Innenleben der Figuren ihr Handeln, man muss nicht mühsam aus den Handlungen der Personen ihr Innenleben rekonstruieren, sondern bekommt dieses in angemessen feiner Zurückhaltung auf einem silbernen Tablett serviert.
Mutmaßungen über Zeitgenossen hat er angestellt, über die Art und Weise, wie sie sich einrichten im Leben. Wenn, wie in den Erzählungen „The Last of the Valerii” und „The Real Thing”, ein Ich-Erzähler vorhanden ist, vermeint man, den Autor bei seinen Mutmaßungen zu belauschen, wie er beobachtet, abwägt, ableitet, auch mal in die Irre geht, sich korrigiert, weiter macht.
Die Geschichten und Romane, die ich kenne, spielen allesamt in den gehobenen Schichten in den USA, in Großbritannien und immer wieder Italien. Nachrichten aus erster Hand aus einer vergangenen Zeit, in der alle so taten, als wäre alles gut, obwohl sie es besser wussten. Dabei wird klar, dass James ebenso wesentlich zu unserem Bild des degenerierten englischen Adels beigetragen hat, wie zu dem Bild vom verarmten Baron, dem stolzen Comte, der sich nicht wenig darauf einbildet, dass er eben ein italienischer verarmter Comte ist, in dessen Adern das Blut der wahren Weltmacht immer noch fließt. Und das, muss der gebürtige Amerikaner neidisch konzedieren, hat er den Leuten der neuen Weltmacht tatsächlich voraus: er braucht nur in seinem Garten zu buddeln, schon findet er eine antike Statue. Das Leben der „Statuen der Dekadenz” jedoch ist ebenso belanglos wie das Schicksal derjenigen, die nur noch die Pose einer großbürgerlichen heilen Welt darstellen, bedauernswert ist. Doch die Modernen und die Amerikaner haben durchaus noch nicht gewonnen. Weil auch sie nicht wissen, wie ein erfülltes Leben zu leben ist, weil sie von den Alten hereingelegt werden („The Lesson of the Master”), weil sie ihre Unkonventionalität übertreiben und dafür mit dem Leben bezahlen müssen („Daisy Miller”).
Namentlich empfehlen kann ich neben den Erzählungen die Romane „Washington Square” und „The Portrait of a Lady”, aber ich denke, Henry James kommt immer gut.

Thema: Stöbern | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler

Jakob Wassermann

Friday, 31. October 2008 23:18

(10.3.1873 – 1.1.1934)

Zieh ich doch aus einem Krabbeltisch den Erzählungsband „Donna Johanna von Castilien“ heraus, weil ich von dem Autor Jakob Wassermann mal was gehört habe. Und weil ich mal wieder Lust auf historische Erzählungen habe. Und werde gut bedient. Ich lese die anfangs etwas verquaste, dann packende Geschichte von orgiastischen Zuständen, Endzeitängsten, Wehklagen und Jauchzen, die die Nachricht von der Ankunft des Messias im fernen Smyrna (Izmir) bei den Juden in der Umgebung von Fürth kurz nach dem 30jährigen Krieg auslöste. Und diesen „Sabbatai Zewi“ gab es wirklich. Dann folgt die Geschichte der Donna Johanna. Die ließ ihren Gatten ermorden, dann packte sie die Reue, sie ließ ihn wieder ausbuddeln und tourte mit ihm durch die Lande. Um ihm wieder auf die Sprünge zu helfen, ließ sie ihm ein Uhrwerk an die Stelle des Herzens einsetzen. Auch sie gab es, die „Johanna die Wahnsinnige“. Dann geht es ab nach Übersee in der Geschichte von „Geronimo de Aguilar“, der die Azteken vor Cortez entdeckte, zwischen die Fronten geriet und spurlos verschwand. „Sturreganz“ wiederum zeichnet die Zeit Ansbachs unter dem Markgrafen Alexander von Ansbach und Bayreuth nach, „einem von seiner göttlichen Erwähltheit und seinen geheiligten Machtbefugnissen durchdrungenen Dynasten“, der wegen seiner chronischen Finanzknappheit den Einflüsterungen eines schleimigen Höflings nachkommt und wehrtüchtige Männer von den Straßen und aus den Häusern wegfangen lässt, um sie als Söldner an die Engländer zu verkaufen, die sie gegen die für ihre Unabhängigkeit kämpfenden amerikanischen Kolonien einsetzen. „Der Aufruhr um den Junker Ernst“ erzählt von einer wundersamen Gefangenenbefreiung in Würzburg zur Zeit, da der Bischof Philipp Adolph und sein jesuitischer Beichtvater die Stadt mit dem Terror der Inquisition überziehen…
Dies alles kommt selbstbewusst daher in einer ausgewogenen, überzeugenden Mischung aus Fakt und Fiktion, geschrieben in einer selbst bisweilen altertümlich anmutenden, aber sehr ausgeformten Sprache, die sich auch vor großen Worten nicht scheut und aus einem schier unerschöpflichen Fundus Geschichten von Menschen erzählt, erzählt, erzählt. Bestens zum (Vor-) Lesen an langen Winterabenden geeignet. Diese Geschichten suchen ein Ohr. Der nächste Band von Wassermann liegt schon bereit: „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“. Genau, der.

Thema: Stöbern | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler

Eduard Augustin, Phillip von Keisenberg, Christian Zaschke, Ein Mann ein Buch

Wednesday, 27. February 2008 17:29

Ein wirklich witzig geschriebenes Sammelsurium-Büchlein (ok, von der Dicke her ist es ein Buch, aber der Stöberfaktor macht es zu einem Büchlein, das sich Kapitel, oder Abschnittsweise lesen lässt) in dem alle wirklich wichtigen Lebensweisheiten von und für Männer drin stehen.

Schon das Cover regt zum Lesen an :

“Ein Mann sollte einige Dinge wissen über das Leben.”

Eine Boeing 747 landen, Die richtigen Schuhe tragen, Einen Hai angeln, Tanzen, ohne tanzen zu können, Eine Schlägerei überstehen, Die Sprache der Blumen, Pokern, Das einfachste Regal bauen, Jonglieren, Ein Kind zeugen, Ruhig bleiben, wenn Sie fährt…

…und auf der Rückseite geht es weiter:

-Weinkenner werden, Weinkenner werden, In die Fremdenlegion eintreten, Jagen, Fliegen binden, Kriminalkommissar werden, Einen Aston Martin DB 5 kaufen, Ein Loch bohren, Gestikulieren auf italienisch, Im Gefängnis bestehen, Eine Kneipe aufmachen, In Las Vegas heiraten, Einen wirklich guten Papierflieger falten…

Der Inhalt befasst sich mit WESENTLICH mehr Themen, die allesamt wichtig oder eben lustig sind :)
Sie sind unterteilt ind folgende Kapitel:
-Der Mann im Haus,
-Der Mann und die Natur,
-Der Mann in Gefahr,
-Der gepflegte Mann,
-Der Mann in der Gesellschaft,
-Der Mann in Bewegung,
-Männer unter sich,
-Der Mann und die Frau,
-Der Mann und die Kultur,
-Der alte Mann,
-…Und das Meer

Was ich unglaublich witzig fand waren auch die Beschreibungen und Theorien über Fusselbildung im Bauchnabel oder die Zeichnungen dazu wie man ein Ei aufschlägt oder einen Pfannkuchen wendet (das sowas überhaupt enthalten ist ;) ).
-Kurzum, alles was ein Mann braucht;) und eben Spass beim Lesen.

Äußerlich gesehen kann ich nur von der Süddeutschen Zeitungs-Edition reden, und die ist auch Äußerlich gesehen ein richtiger Augenschmauß. Das Cover dick und kariert gebunden, die Seitenränder allesamt schwarz.

Klasse zum Stöbern.

Thema: Stöbern | Kommentare (0) | Autor: Robin Giesler

Die Horen Band 199, Lauter Vigoleisiaden

Thursday, 7. February 2008 22:54

(Erschienen 2000)

Für Leute, die gerne mal abseits der breiten Pfade lesen: amüsante, interessante und anregende Sammlung von Texten, Beiträgen, Fotos etc. zum Dichter Albert Vigoleis Thelen.

Thema: Stöbern | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler