Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Lesen'

Dmitri Bakin, Die Wurzeln des Seins

Thursday, 13. October 2011 23:36

(Erschienen 1996, Übersetzung von Birgit Veit)

Bakin erzählt in diesem dünnen Bändchen sieben verstörende Geschichten aus fernen Leben. Von Menschen, die ihrem Leben und sich selbst ebenso fremd sind, wie sie dem Leser erscheinen. Menschen, die aus dem Nichts kommen: „Mit zwölf Jahren war er in die Siedlung gekommen, sich vom Feld her nähernd, so dass der Fluss links von ihm lag und der Wald rechts…”
Knorrige, archaische Typen werden hier geschildert, die getrieben werden von fixen Ideen, paranoiden und anderen Wahnvorstellungen und die versuchen, es sich mit seltsam eigenbrötlerischen Weltsichten irgendwie einzurichten in einer feindlichen, kargen, gewalttätigen und freudlosen Welt, die sie belagert und zu Fall bringen will, und derer sie sich erwehren müssen, wie das alle immer mussten und immer müssen, schon immer.
„Und da sah sich der Maler Pal vor der Notwendigkeit, einen Menschen zu töten; die Ratlosigkeit, die ihm einen Moment lang zu schaffen machte, weil ihm nicht in den Kopf wollte, jemand könne angesichts seines Messers einen Angriff riskieren, überwand er schnell, da er begriff, dass genau so und nicht anders seit den Zeiten der Entstehung des Lebens ein Mord geschieht…”
Es ist eine befremdende, zeitenlose Welt, in der sich diese Geschichten vollziehen (nicht: ereignen). Die Menschen sind schräg zur Realität ins Leben verkeilt und ins Unheil verstrickt. Psychologisierende Erklärungen sind selten. Das Leben vollzieht sich in schicksalhaften Bahnen: „Alles entscheidet sich von selbst, und je mehr man es bespricht, desto länger bleibt es nicht zu lösen.”
Doch der Schein trügt. Nur scheinbar ist diese archaische Welt kaum berührt von äußerlichen, z. B. staatlichen Gegebenheiten. Die werden zwar nur am Rande erwähnt, sind aber stets präsent. Der zweite Weltkrieg und seine Folgen wirken unmittelbar auf die Lebensbedingungen (deutsche Kriegsgefangene legen Gleise), der Staat ist marode (zahlt seine Obligationen nicht zurück). Armut, Korruption, Willkür und Mangel herrschen allerorten, die Familien sind zerrissen und zerfallen.
„Und nur ein einziges Mal fielen zwischen den beiden Worte; während die Männer die Ziegelsteine abluden, hörten sie, wie der ältere Bruder verächtlich sagte: bring deinen Rüden zur Räson!; da öffnete der jüngere für einen Moment die Schleusen seiner Seele, wo Strudel kalten, reinen, rechtlosen Hasses brodelten, und sagte durch die zusammengepressten Zähne zu ihm: dafür ist er ja da, um zu kläffen, wenn Scheißkerle auf dem Hof rumlungern.” Und es wird sich erweisen, dass der ältere Bruder tatsächlich ein Scheißkerl ist, genauso wie der jüngere eine zum Bersten gefüllte Ladung Hass ist, Unerbittlichkeit mit Unbeugsamkeit verwechselt und deshalb leichtes Opfer einer grausamen Intrige wird.
Selbst die Liebe ist ohne Hoffnung, ein Akt nackter Verzweiflung.
„Sie wappnete sich mit unerschütterlicher Geduld und Hartnäckigkeit…; den Panzer des Todes für einen Eispanzer haltend, bewaffnete sie sich mit einer Art Bohrer, in der Absicht, koste es, was es wolle, sich einen Weg bis zum Herzen durchzubohren, und wenn sie ihm dabei die Rippen brechen müsste. Und ließ sich täuschen - …denn es war zu wenig Zeit verstrichen, als dass sie hätte verstehen und anschließend ein für allemal glauben können, dass es kein Mittel gibt und nie gegeben hat, die dumpfe Stille seines Herzens aufzubrechen.”
Bakin entwirft ein Endzeitszenario namenloser Provinzorte irgendwo im Nichts, unzugänglich und unerreichbar wie seine Bewohner, die sich fühlen „wie am Ende eines Krieges, wenn man nicht mehr die Kraft hat, vom Hass zu leben, und keine Möglichkeit sieht, sich aus der Schwermut zu befreien.”
„…den Kreis ihres Reiches absteckend, bauten sie Flaschen, Ballons, Eimer und Kanister mit Selbstgebranntem um sich herum auf und tauchten in die schweren Wellen der Trunkenheit, auf der Suche nach einer Antwort in der festen Überzeugung einschlafend: alles, was man träumt, muss man bedingungslos glauben, denn die Wirklichkeit ist nur die halbe Wahrheit, die andere Hälfte der Wahrheit aber können die Menschen allein im Traum suchen.”
Vielleicht beschreibt Bakin die nachhaltig desolaten Folgen des kollektiven Traumas nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, das sich tief in die Herzen und Seelen der Menschen gegraben hat.
„Für den Fall, dass sie die Terrasse erobern würden, stellte er im Zimmer gegenüber ein leichtes Maschinengewehr auf, das Magazin voll mit kreuzförmig eingeschnittenen Explosivgeschossen mit einem Hohlraum an der Spitze. In jedem Zimmer stellte er leichte Maschinengewehre auf und entsicherte sie, denn später hätte er womöglich keine Zeit dazu. (…) Außerdem malte er an die Zimmerwände gestrichelte Pfeile, den Rückzugsweg, den er einzuschlagen hatte, sollten sie von der Haustür aus angreifen und er den Rückzug vom Flur aus antreten müssen. Die einen wie die anderen Pfeile trafen sich im äußersten Eckzimmer, wo es weder Möbel noch Maschinengewehre gab, da, wo er vor vielen Jahren auf die Welt gekommen war.”
Schwer fassbar sind diese Geschichten, hart und albtraumartig, aber getragen von einer gereiften Prosa, einer ausgearbeiteten Sprache, die, bilderreich und ausdrucksvoll, gar poetische Anklänge enthält. Die resultierende grausame Schönheit der Beschreibung ist es, die die Erzählungen so fesselnd macht. Wobei es den Lesern überlassen bleibt, die Schönheit zu entdecken; den Protagonisten bleibt diese verborgen.
Die Welt ist in diesen Erzählungen auch geheimnisvoll und voller Wunder, aber nicht geordnet magisch, sondern verwunschen und verworren, und nicht „durch die schwarze Blume seines Hirns zu begreifen”.
„… sie sagte: und das ist Kinderhaar; er sagte ihr: von einem siebenjährigen Kind; sie fragte: ist das dein Haar?; er sagte ihr: nein, und sagte dann ruhig: das ist das Haar der IDEE.” Später findet sich im Herzen des Mannes, der das Haar der „IDEE” stets bei sich trägt, eine Bleikugel, ohne irgendein Anzeichen einer Verwundung, also „seit der Geburt, ohne einen Schuss”.
„Und er ging zu dem alten Weib, das am Dorfrand lebte, und fragte: wie und als was soll ich leben? Doch das Hirn des alten Weibes verwandelte sich jeden Herbst in trockenes Eis, ihr Herz schlug einmal pro Tag, die von den Toten vergessene Zunge rührte sich nicht, die Lichtbäche vom Fenster ergossen sich durch die Augennetze in die Seele, und alles außer dem Licht war für diese Augen Unrat. Die Anfang des Jahrhunderts aus Frankreich emigrierte französische Marquise gab wie das am Dorfrand lebende alte Weib im Herbst gleichfalls keine Ratschläge…”

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Vladimir Nabokov, Fahles Feuer

Friday, 12. August 2011 0:36

(Erschienen 1962)

Einen Jux will er sich machen, der Autor, und das ist ihm auf höchst intelligente und unterhaltsame Weise gelungen.
Anlass dieses literarischen Verwirrspiels ist das 999-Zeilen-Vermächtnis eines berühmten amerikanischen Dichters, sein letztes Werk unmittelbar vor seinem Tod. Im Mittelpunkt steht jedoch schon bald der offensichtlich leicht (?) verwirrte Herausgeber des Werkes, Charles Kinbote, der zunächst im Vorwort die Legitimität seiner Herausgeberschaft gegen die Anfeindungen etablierter Literaturwissenschaftler und der Witwe des Dichters hauptsächlich mit dem Hinweis auf die kurze, doch intensive Freundschaft mit demselben verteidigt.
Nach dem für sich schon sehr lesenswerten autobiografischen Gedicht „Fahles Feuer. Gedicht in vier Gesängen” von John Shade folgt ein ca. sechsmal so langer Kommentar des Herausgebers, in dem er verblüffenderweise eine völlig andere Geschichte erzählt, nämlich die des Königs von Zembla, den eine Revolution zur Flucht ins Ausland und in eine bürgerliche Identität zwang. Dabei versteht Kinbote das Gedicht als chiffrierte literarische Umsetzung seiner eigenen Erzählungen, mit denen er den duldsamen Dichter drangsalierte. In seiner grandiosen Egomanie sieht er sich als Spiritus Rector des Unterfangens, was ihm die Freiheit gibt, unwidersprochen nach Belieben hinein zu interpretieren, was das Zeug hält und hemmungslos zu schwadronieren von Zembla, Königen und Prinzessinnen, Liebe und Verrat, Kunst und Literatur. Es reicht zum Beispiel schon das Wort „oft”, um eine zweiseitige Anmerkung über „the depths of my loneliness and distress” auszulösen, in der Kinbote seine Paranoia schildert. Denn die bösen Revolutionskader haben dem König (= Kinbote!?) einen zwar einfältigen Killer auf die Spur gesetzt, der sich nichtsdestotrotz unaufhörlich nähert und schließlich, so Kinbote, aus Unvermögen statt seiner versehentlich den Dichter John Shade erschießt und diesen daran hindert, die 1000ste Zeile zu beenden. Deren Wortlaut er natürlich kennt und ergänzt. Ebenso wie er sich nicht scheut, aus den nur ihm vorliegenden handschriftlichen Notizen „bessere” Passagen zu zitieren, nicht ohne den großen Dichter ein wenig zu schelten, oder einfach gänzlich andere Dichter heranzuziehen, wenn es ihm in den Kram passt.
Der Index, der die Ausgabe vervollständigt, gibt zwar Zeilennummern des Gedichts an, bezieht sich aber auf die dazugehörigen Kommentare Kinbotes, was dazu führt, dass fast ausschließlich Persönlichkeiten aus der Gegenwart und Vergangenheit von Zembla aufgeführt werden; oder zemblanische Orte von Bedeutung, oder auch ohne, wie „Kobaltana”, zu dem der gewissenhafte Herausgeber immerhin anmerkt, dass es im Text gar nicht vorkommt.
Ein Jux eben, und ein riesiges Lesevergnügen, stilistisch hervorragend, kenntnis- und pointenreich, hintergründig, voller Bonmots, Doppeldeutigkeiten, Rückbezügen und Querverweisen. Literarische Genres werden ebenso gekonnt persifliert wie die Kunst der literarischen Exegese parodiert wird. Menschliche Verschrobenheiten, politische Absurditäten und Kostproben der zemblanischen Sprache werden augenzwinkernd zum Besten gegeben, und selbst für schlichte Albernheiten ist sich Nabokov nicht zu schade. Köstlich. Ein Meisterwerk!

Life is a message scribbled in the dark.
Man’s life as commentary to abstruse
Unfinished poem
. Note for further use.”
Gradus, der Killer, „disliked injustice and deception. (…) Such a dislike should have deserved praise had it not been a by-product of the man’s hopeless stupidity. He called unjust and deceitful everything that surpassed his understanding. (…) Oh, surely, Gradus is active, capable, helpful, often indispensable. At the foot of the scaffold, on a raw and gray morning, it is Gradus who sweeps the night’s powder snow off the narrow steps…”
„’You must help us, Mr Kinbote: I maintain that what’s his name, old - the old man, you know, at the Exton railway station, who thought he was God, and began redirecting the trains, was technically a loony, but John calls him a fellow poet.’ - ‘We all are, in a sense, poets, Madam,’ I replied, and offered a lighted match to my friend…”
„…in fact, the name Zembla is a corruption not of the Russian zemlya, but of Semblerland, land of reflections, of ‘resemblers’…”
„I trust the reader appreciates the strangeness of this, because if he does not, there is no sense in writing poems, or notes to poems, or anything at all.”

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Reinhard Jirgl, Die Stille

Thursday, 30. June 2011 17:58

(Erschienen 2009)

Was will uns der Autor damit sagen? Und der Rezensent verneigt sich demütig und bekennt: Um das heraus zu finden, muss man sich schon selber zum Lesen bequemen, denn das, was da steht, will uns der Autor sagen.

Erzählt wird von mehreren Personen, aber immer mit der unverkennbaren Stimme des Autors über mehrere Generationen hinweg eine deutsche Familiengeschichte von Unterdrückung, Widerstand, Behördenwillkür, Krieg, Mord, Selbstmord, Liebe, Rache, Ehebruch und Inzest. Früh schon wird das Thema skizziert: das „unerklärliche Wollen-zum-Dasein: ?Weshalb will, was ist, auch ?bleiben - u: nicht viel lieber !nicht.” Die Auskunft, viele Seiten später, ist keine endgültige, sondern nur ein Zwischenbescheid: „Leben ist eine ansteckende Krankheit, zu heilen durch Nichts.” Und trotz aller verheerenden, seelenzerfetzenden Ereignisse, die durch dieses Buch rollen und die darin geschilderten Schicksale niederwalzen, erscheint ein Ausweg: das Rechte tun. „Irgendwer, der sie befragte, hätte vielleicht zur Antwort erhalten, daß alles andersartige Betragen nicht allein Unrecht sei; sondern hätte ihr Streben dem-Sichbereichern & der-Verschlagenheit gegolten, sie damit auf ihre=Freiheit verzichtet hätten. Denn Freiheit (könnten diese fünf Menschen noch anfügen) beruht auf Kenntnis der Grenze, wieviel einem=jeden Menschen=Imleben billigerweise zusteht. So ist Freiheit an Wissen u an Grenzen gebunden, die ihrerseits Wissen erst möglich machen; Grenzen freilich ohne Stacheldraht, Minen, Waffen. Das verbindet Freiheit mit Gerechtigkeit, daher ist Beides so selten. (Und soweit gekommen, bliebe diesen fünf Menschen Die Konsequenz:) Andere Freiheit als diese=Eine Freiheit=in-Gerechtigkeit gibt es nicht. Alles übrige, u das ist das übliche, heißt Freiheit zu Herrschaft erniedrigen; Herrschaft ohne Selbst=Beherrschung aber ist gemeines-Leben…”

Aber mit der Wiederaufnahme des Braunkohlenabbaus in der Region geht das alte Familienanwesen, das Sitz des Experiments hat sein sollen, verloren - nur ein weiterer Grund für die Tat am Ende des Buches, in der der lang gestaute Hass kulminiert: „-Und ?was haben Sie davon. ?Was haben Sie ?gewonnen. -Was mich von-jeher beschwerte, Dieangst immer&überall Dieangst - jetzt habe ich Dieangst !verloren. Das ist mein Gewinn. !Hätt ich Das früher gewußt-.”

Die hier aufgeführten Textstellen sind korrekt zitiert, so schreibt Jirgl (nicht nur in diesem Buch). Bereits nach kurzer Zeit liest man darüber hinweg, bleibt hie und da noch an doppelbödigen, abgründigen Wort- und Sinn-Neuschöpfungen hängen, die so gut wie nie Selbstzweck sind, kein verspieltes L’art pour l’art, sondern sich durchaus aus dem Duktus der Geschichte ergeben, die der Autor zu erzählen hat. Und diese Geschichte ist spannend, menschlich wie politisch. Also - lesen! Zum Beispiel dies:

„Auch Doofsein muß gelernt werden, Idjot wird Mann nur durch Leben, weil Leben von&für Idjoten gemacht, also Leben Dummheit ist & nur Seines=Gleichen fördert. Aber, wie gesagt, der-Mensch=von-sich-her vermag sehr wenig, Alles=Übrige, u Das ist auch Doofsein, muß er lernen. Und Die ?Liebe : ?auch nur 1 ?Anfall innerhalb von lebenslänglichem Dummsein.”

Oder dies: „Um die-Massen…… in=Schach zu halten, muß jeder Triumf den vorigen übertreffen, sonst wirken Triumfe wie Niederlagen. Wenn die-Massen jedoch nicht mehr brüllen&jubeln können, verspüren sie in Der Stille alsbald die Hohlheit im Herzen des-Triumfes wie die Leere…… in den Erdöltanks. Dann werden diese Massen…… störrisch & renitent. Die Ökonomie-der-Herrschaft - das läßt sich von Europa=heute lernen - muß der-Masse Den-Schmerz zufügen & Das-Opfer abverlangen : durch Moneypulationen in der Verteilung die künstlich herbeigeführte & stabil=gehaltene Verknappung an Mitteln & staatlichen Leistungen. Wer in den-Massen Beides überstehen kann, der glaubt hinfort an seinen=Triumf als Der-sportive-Selbst=Überwinder: !Was fürne heroische Droge - aus diesem Holz sprießt der Schimmelpilz noier Identität (fortan wird man in sich die Renitenz nicht mehr erspüren) : Wir sagen !Ja zu Unseren Id-I=A-len: Esel’s Gehorsam durch Entbehrungen, & überall Nursieger (…) Vernunft ist menschlich wie der Mensch, & hat demzufolge Hirn & Arsch. Ratemal, ?was ist ?wichtiger: Du kannst blöd-sein=Ohnegedanken dein Leben=lang, aber ohne zu scheißen gehst du binnen kurzem drauf. Also !laß das-Gesülze.) Nur Stille Die Stille : !Die ist eine letzte=eine wirkliche Gefahr.

Oder auch dies: „Das Wohnen inmitten von Büchern gleicht dem allnächtlichen Schlaf zwar auf stets derselben Lagerstätte, - doch entfernt man sich träumend in bizarre, noch ungesehene Räume; Wüsten zu bösartigen u wundervollen Gefilden tun sich auf - am Selbenort das immer Andereleben, darin die Menschen weitaus weniger automatenhaft erscheinen, als in der Wachen-Welt Aldi-lebenden=Toten. Daher die tiefe Sehn-Sucht nach Büchern, eine Sucht die alles Bloß=Bildfertige bei weitem überdauert. (…) Deshalb sind schlechte Bücher schlimmer als schlechte Bilder u noch schlimmer als heimtückischer Mord. -

So isses!

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Hermann Broch, Der Tod des Vergil

Tuesday, 5. April 2011 18:47

(Erschienen 1945)

Hermann Broch gelingen glückhafte Sätze, in diesem Fall über halbe oder ganze Seiten. „Umspült von Stille, wurde das Unerhaschbare zwischen Vergangenheit und Zukunft wieder zum gegenwartsgroßen Jetzt, und leise pendelte die Waage der Zeit, leise klirrten die Silberketten ihrer Schalen, die leise sich senkend, leise sich hebend, wahrheitswägend Sinnbild um Sinnbild empfingen und entließen, Sinnbild um Sinnbild wägend erschufen; leise klinkte das Verbindende im sanften Strömen wiedererfüllten Seins.”
Endlos scheinende Sätze, Aneinanderreihungen, Variationen, die miteinander Reigen tanzen, formen auf- und abschwellende Wortwogen. Die wabernde Wortmasse erzeugt und erfordert höchste Konzentration. Man spürt, was Broch sagen will, es lässt sich aber kaum ausdrücken. Es geht um nichts weniger als das Leben, das Universum und den ganzen Rest, es geht um das „unhörbar Unerlauschbare unendlicher Unerforschlichkeit”.
Geschildert werden die Empfindungen, Überlegungen und Fieberträume des todkranken römischen Dichters Vergil in den letzten 18 Stunden seines Lebens, 19 vor Christus. „Die Beine über die Bettkante hinausdrehend, saß er weitvorgebeugt da, gekrümmten Rückens und mit dem Hustenreiz kämpfend, dessen schmerzende Gewalt ihn neuerlich angefallen hatte; auch die fade Müdigkeit des Fiebers meldete sich aufs neue, meldete sich zuerst in den herunterhängenden Beinen, kroch von dort nach aufwärts, verbreiterte sich streifenartig in leisen Wellenschüben über den ganzen Körper, um schließlich den Kopf ihm einzunehmen, und von der Müdigkeit befangen, heftete sich sein Blick, gleichsam als sei hier Wichtiges, vielleicht sogar der Ausgangspunkt des Fiebers zu entdecken, mit langsam müder, lange währender Aufmerksamkeit auf die nackten Zehen, deren mechanische Halbgreifbewegungen nicht zu Stillstand kommen wollten…”
Vergil wird von Selbstzweifeln geplagt, sieht sein Leben und sein Werk als verfehlt an und will die Manuskriptrollen seines Spätwerks „Äneis” verbrennen, da ihm in tranceartigen Visionen das Wesen irdischen und unendlichen Seins offenbart wird: die Liebe. Schönheit ist lediglich irdischer Tand, Wahrheit trügerisch und die Wirklichkeit sowieso eine Chimäre. Lieben, „Schicksal-auf-sich-nehmen” ist die Bestimmung und Daseinspflicht des Menschen. Dies erkennt Vergil und bezichtigt sich, es nie verstanden und nie gelebt zu haben. Ein vertanes Leben, und deswegen soll sie brennen, die „Äneis”, seine Dichtung, die er „eigentlich nicht mehr Kunst nennen durfte, da sie, bar jeglicher Erneuerung und Erweiterung, nichts als unkeusche Schönheitserzeugung ohne Wirklichkeitsschöpfung gewesen war, da sie vom Anfang bis zum Ende, vom Ätnagesang bis zur Äneis lediglich der Schönheit gefrönt hatte, selbstgenügsam auf die Verschönerung von längst Vorgedachtem, längst Vorerkanntem, längst Vorgeformtem beschränkt, ohne richtigen inneren Fortschritt”. Doch Augustus, Cäsar und Vergils Freund, reklamiert die „Äneis” als identitätsstiftende Staatsdichtung für Rom, da ist Vergil auf verlorenem Posten.
Vergil verortet sich selbst als jemanden, der unmittelbar vor der Ankunft der Zeitenwende die überkommene Herrschaft und die alten römischen Götter feiert. Deshalb ist seine Kunst rückwärtsgewandt und kraftlos und widerstrebt der Entwicklung hin zum Einen und Einzigen, die von der Ankunft des Einen, des in liebender Hilfe sich Hingebenden, eingeläutet werden wird.
Ob der historische Vergil diese visionäre Gabe hatte, sei dahingestellt, jedenfalls verdanken wir Hermann Broch in diesem Buch eine der schönsten Schilderungen des Paradieses, weiter eine Reise in evolutionäre Urzeiten des „Eigenschaftslosen selber”, das wiederum unterschieden wird zu „Seiendem und Gewesenem”, das seinerseits überspült wird von dem Brausen der „Unendlichkeit des Hier und Jetzt”, der „fließenden Gleichzeitigkeit, in der das Ewige ruht, das Urbild aller Bilder.” Vergils Leben und der Roman enden folgerichtig, als er „jenseits der Sprache” ankommt, dort (wie es bereits fast 400 Seiten vorher heißt), „wo sie über ihre eigenen, irdisch-sterblichen Grenzen schlägt und ins Unaussprechliche dringt, den Wortausdruck verlässt und - bloß sich selber noch im Gefüge der Verse singend - den atembeklommenen, atemraubenden Sekundenabgrund zwischen den Worten aufreißt, um todesahnend und lebensumspannend in dieser stummen Tiefe, selber stumm geworden, die Ganzheit des Alls zu zeigen, die fließende Gleichzeitigkeit, in der das Ewige ruht: oh Ziel aller Dichtung, Augenaufschlag der Sprache, wenn sie über alle Mitteilung und über alles Beschreiben hinweg sich selbst aufhebt, oh die Augenblicke der Sprache, in denen sie selber in die Gleichzeitigkeit eintaucht, so dass es unentschieden bleibt, ob Erinnerung aus der Sprache, oder ob Sprache aus der Erinnerung quillt!”
Dieses Buch ist ein Ereignis, ein Monolith, ein Solitär - und harte Arbeit, es erfordert Stehvermögen, nix für Memmen: „…sicherlich, Tag um Tag, unzählige Male an jedem Tag hatte er nach freier Wahl entschieden und gehandelt, oder hatte geglaubt, dass es freie Entscheidungen gewesen waren, doch die große Linie seines Lebens war nicht eigene Wahl nach freiem Willen, sie war ein Müssen gewesen, ein Müssen, eingeordnet in das Heil und Unheil des Seins, ein schicksalsbefohlenes, trotzdem befehlsüberhobenes Müssen, befehlend, dass er seine eigene Gestalt in der des Todes suche, um hiedurch der Seele Freiheit zu gewinnen; denn die Freiheit ist ein Müssen der Seele, deren Heil und Unheil stets auf dem Spiele steht …”
Broch selbst bezeichnete übrigens einmal (ausnahmsweise sei hier eine zweite Meinung zitiert) den „Tod des Vergil” als „strikt esoterisches Buch”. Das lob ich mir: Endlich mal ein esoterisches Buch, für das man sich nicht klein machen muss, sondern an dem man wachsen kann.

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Alfred Kubin, Die andere Seite

Sunday, 24. October 2010 18:48

(Erschienen 1909)

Ein im besten Sinne „phantastischer Roman”. Gekonnt suggestiv schildert Kubin eine Welt surrealer Unwirklichkeiten, die, obzwar entlang einer Rahmenhandlung aufgereiht, deshalb keineswegs realer werden. Das Traumreich als real existierendes Reiseziel. Grotesk, bizarr, voller skurriler Begebenheiten und Personen ist dieser Staat, der anscheinend auf einer Massensuggestion beruht und aus tätigen Schlafwandlern besteht. „Alles, was man im Traumreich zu Gesicht bekam, war matt und stumpf. Wie weit das ging, bemerkte ich eines Tages beim Rasieren. Giovanni bediente mit gewohnter Eleganz, nur der Zustand seines Messers und des Kupferbeckens störten; sie waren blind. „Was soll das heißen?” sagte ich zu dem Friseur, welcher mir eben einen schwer verständlichen Exkurs aus Leibniz’ Monadologie vorlas, „der Herr Assistent könnte wohl diese Sachen ein bisschen besser instand halten.” „Wie beliebt?” fragte erschrocken der große Philosoph mit der Miene eines Abgestürzten.”
Die Ökonomie ist aufgehoben. Trotzdem gibt es Arme und Reiche. Kinder sind nicht gern gesehen, sie stören beim Traumleben. Physikalische Gesetze, Grenzen zwischen Sein und Schein, zwischen Materie und Leben, zwischen Wahn und Rationalität sind aufgehoben. Giovanni „war zwar nur ein Affe, aber was für einer!”
Der Ich-Erzähler taumelt und stemmt sich gegen den Strudel, versucht, „ein geheimes Glaubensband, eine Art Freimaurerorden” hinter all dem zu identifizieren. „Wissen Sie etwas Näheres? Können Sie mich vielleicht ein wenig einweihen? (…) „Nun, das Ei, die Nuss, Brot, Käse, Honig, Milch, Wein und Essig sind besonders geweiht.” „Aha!” rief ich frohlockend. „Ein hygienischer Kult auf der Magenbasis. Vortrefflich!” Das Aufbegehren des kritischen Geistes verpufft wirkungslos. Matt und stumpf werden darob die Gefühle, den Tod seiner Frau erlebt er seltsam distanziert, emotionslos. Wichtigere Dinge bedrängen ihn: Sind die Bewohner des Traumreichs („zum weitaus größten Teile … ehemals Deutsche”), also auch er, nur Figuren im Traum von Claus Patera, dem Gründer und „Herrn” des Traumreichs, träumen sie umgekehrt ihn oder träumen alle denselben großen Traum? „Das Ganze war derart verworren, dass der spitzfindigste Geist daraus nicht klug werden konnte.”
Bevor diese Fragen jedoch geklärt werden können, beginnt der Untergang des Traumreichs mit der Ankunft des amerikanischen Milliardärs Herkules Bell, der einen Aufstand anstachelt. Das System gerät aus den Fugen. „Als Folge der Debauchen und Schwelgereien war die Nervenzerrüttung im Traumland eine furchtbare geworden. Die bekannten Geistes- und Nervenkrankheiten, Veitstanz, Epilepsie und Hysterie traten jetzt als Massenerscheinungen auf. Nahezu jeder Mensch hatte einen nervösen Tic oder litt an einer Zwangsvorstellung. Platzangst, Halluzinationen, Melancholien, Starrkrämpfe mehrten sich in besorgniserregender Weise, aber man tollte fort, und je mehr sich die grauenhaftesten Selbstmorde häuften, um so wüster trieben es die Überlebenden. In den Gastwirtschaften kam es zu den blutigsten Messerstechereien. Ich konnte keine Nacht mehr ruhig schlafen…” Doch das ist erst der Anfang. Alle möglichen und mancherlei unmögliche Plagen brechen über das Traumland herein, und es ist erstaunlich, wie dieses noch hundert Seiten lang durchhalten kann, dann aber ist es „ein weites, weites Trümmerfeld; Schutthaufen, Morast, Ziegelbrocken - der gigantische Müllhaufen einer Stadt.”
Der Erzähler überlebt, weil er den Blauäugigen folgt, die „die Ureinwohner des Traumlandes” sind und sich aus dem ganzen, zunächst harmlos-verrückten, dann zunehmend gefährlichen Wahnsinn heraushalten und dafür nicht für voll genommen werden. „Man ging nie hieher, sie waren beinahe verachtet.” Doch er widmet der „Philosophie der Blauäugigen” ein eigenes Unterkapitel: „Die Klärung der Erkenntnis”. „Ich entsinne mich eines Morgens, da ich mir wie das Zentrum eines elementaren Zahlensystems vorkam. Ich fühlte mich abstrakt, als schwankender Gleichgewichtspunkt von Kräften - ein Gedankengang, der mir niemals wieder gekommen ist.”
Nur eine Handvoll von über 20.000 „Seelen” überlebt das Traumreich. Was mit den Blauäugigen passiert, bleibt offen.

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Tilman Röhrig, Caravaggios Geheimnis

Sunday, 8. August 2010 18:30

(Erschienen 2009)

Das Leben des Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571 - 1610) lädt geradezu ein, daraus einen historischen Abenteuerroman zu stricken. Der schon zu Lebzeiten berühmt-berüchtigte und oftmals aktenkundig gewordene Maler hat Spuren hinterlassen, die zur Legendenbildung taugen. Diese Spuren in einem stimmigen Kontext entfaltet und eine Figur geschaffen zu haben, mit der man mitleidet und mitfiebert, ist das Verdienst des Autors. Es gelingt ihm fast alles: Er hat ein spannendes Buch mit überzeugenden Dialogen geschrieben, die Entstehungsgeschichte mancher berühmter Gemälde en passant erhellt, den unbedingten künstlerischen Ausdruckswillen Caravaggios überzeugend geschildert, dabei die Exzentrität und Unbeherrschtheit seiner Hauptfigur nicht verschwiegen und gleichzeitig gezeigt, dass Gewalt und Tod nicht nur im Leben Caravaggios ständig präsent waren, sondern dass die Welt auf der Schwelle zur Neuzeit eine zutiefst gewalttätige Welt war, in der rücksichtslos übervorteilt, betrogen und belogen wurde. Jeder musste sehen, wo er bleibt, und das tat er mit allen verfügbaren Mitteln, ob Bauersmann, Handwerker, Adliger oder Kleriker.
Das Leben in dieser Welt der Unsicherheit und Bedrohung, der zersplitterten, personalisierten und daher willkürlich sich entladenden unmittelbaren Gewalt führte dazu, dass viele einen Dolch im Gewande führten; Caravaggio, der sich gerne exponierte und bald tatsächlich exponiert war, benötigte einen Degen. Doch half der auch nichts, er wurde x-mal verprügelt, niedergestochen, übers Ohr gehauen und hereingelegt. Er hielt dagegen, so gut er konnte und der Wein es ihm erlaubte, beleidigte, bedrohte, prügelte, erstach im Blutrausch einen Mann. Er starb jung an Malaria, ein Genie: Live fast, love hard, die young.
Ein wenig mäkeln muss erlaubt sein: Manchmal wird etwas unbedarft heutiger Jargon verwendet („testen”, „die Szene beherrschen”). Dies tut dem Spaß am Lesen aber kaum Abbruch, denn dem Autor gelingen auch durchaus beglückende Sentenzen: „Noch blühte vereinzelt der Oleander, auch waren dem Hibiskus zum zweiten Mal Knospen aufgesprungen; die wärmende Herbstsonne verströmte den Duft der Pinien.” Tilman Röhrig erzählt glaubhaft und schwungvoll, wie es seiner Hauptfigur entspricht, vom abenteuerlichen Leben eines Mannes, der heuer vor 400 Jahren starb.

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John Milton, Das verlorene Paradies

Thursday, 20. May 2010 17:47

(Erschienen 1667)

Abgefahren. Schlachtengetümmel wie beim Herrn der Ringe, Engel, die auf Sonnenstrahlen herangleiten, Heere, die sich mit ganzen Hügeln bewerfen, viel Pomp und Glamour.
Die ersten beiden von 12 Kapiteln („Bücher”) gehören Satan, der sich lang und breit darüber auslässt, dass er gegen Gott verloren hat und mitsamt seinem Heer in die Hölle gestoßen wurde. Der Grund für Satans Aufstand und die folgende dreitägige Schlacht war die Inthronisierung von Jesus als Gottgleichem. Ein Drittel der himmlischen Scharen folgte Satan in den Abgrund und Gott gefiel es nicht, dass seine Gefolgschaft erheblich verkleinert war. Er schuf die Erde, dann Adam, aus ihm dann Eva als Muster minderer Qualität, die sich in aller Unschuld über die Erde verbreiten sollten zum Lobe Gottes. Doch Satan will weder ihm noch den Menschen diese Freude gönnen und bequatscht in Gestalt einer Schlange Eva dazu, vom verbotenen Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Der Tropf Adam isst dann auch davon, er will lieber mit ihr sterben, als ohne sie zu leben. Überraschende Wendungen, unbegründete Ereignisse, ein allwissender Allmächtiger, der die Geschehnisse im Nachhinein als seinen Plan ausgibt und ein getriebener Satan, dann tauchen plötzlich die Sünde, Tochter des Satans und das Resultat ihres Inzests, der Tod, auf - alles nur Staffage für den Autor, eine Geschichte neu zu erzählen, eine Geschichte, die bereits recht gut bekannt war? Zu welchem Sinn und Zweck? Und warum in ungereimten Blankversen? Darüber darf gerätselt werden. Eine ziemlich haarsträubende Geschichte, in der die Moral als Enkelin der Sünde, wie Milton es vielleicht ausdrücken würde, reüssiert, statt als die Errungenschaft menschlicher Gemeinschaften, den Umgang miteinander zu regeln. Doch gab es schon vorher die Moral, die Moral Gottes, deren Sinn die Unterwerfung war. Eva und Adam haben ein Verbot übertreten, und sie schämen sich dafür, unterstehen also noch dieser autokratischen Moral. Aus Sicht des Herrschers jedoch ist die Tat entscheidend, irreversibel und äußerst ungelegen, brechen ihm doch schon wieder Gefolgschaften weg. Anrührend die Hilflosigkeit der Menschen, wenn sie merken, dass diese Geschichte eine Nummer zu groß für sie ist und sie nur diejenigen sind, auf deren Rücken der Kampf um die Weltherrschaft ausgetragen wird. Ergreifend das Lamento Adams, als er beginnt zu erahnen, was der Tod bedeutet. Jedenfalls für mich, denn meine Großmutter ist gestorben, Oma Mücke, eine herzensgute Frau, deren ich hier gedenke.

… … …

Wir nähern uns langsam dem Ende der Geschichte. Adam gibt die Parole aus, die ganze Welt zu bevölkern mit seinem Menschengeschlecht, das in Demut und Hingabe Gott dient und verehrt, um so dereinst der Gnade Gottes wieder teilhaftig zu werden. An solchen Stellen wird deutlich, wie kompliziert das Christentum eigentlich ist. Aber auch, wie viele Äonen entfernt die Gefühls- und Gedankenwelt der Menschen vor 350 Jahren ist, und doch, wie nah manchmal. Gott findet Adams Idee gut, verbannt die beiden Menschen aber dennoch aus dem Paradies. Der Erzengel Michael tröstet mit der Aussicht auf weitere wunderbare Geschichten. Er gibt eine Vorschau auf die Sintflut, den Turmbau zu Babel, die Plagen und den Auszug aus Ägypten, die Bundeslade, König David, auf Jesus, der Tod und Sünde besiegt, und auf den Heiligen Geist, der den Menschen beisteht. Adam gefällts, denn es gibt ein happy end. Dann führt Michael Adam und Eva aus dem Paradies, und da sind wir nun.

Über die Menschen: „God made thee perfect, not immutable”
Über Satan: “one who brings a mind not to be changed by place or time”
Adam über Eva: “Oh why did God,
Creator wise, that peopled highest heaven
With spirits masculine, create at last
This novelty on earth, this fair defect
Of nature, …”
Eva zu Adam: “I beg, and clasp thy knees; bereave me not
Whereon I live, thy gentle looks, thy aid,
Thy counsel in this uttermost distress,
My only strength and stay: forlorn of thee,
Whither shall I betake me, where subsist?”
Adam zu Michael, dem Hardliner (”tyranny must be,
Though to the tyrant thereby no excuse”):
“Henceforth I learn, that to obey is best,
And love with fear the only God, to walk
As in presence, ever to observe
His providence, and on him sole depend”
Worauf Michael: “This having learned, thou hast attained the sum
Of wisdom” und “shalt possess
A paradise within thee, happier far.”

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Roberto Bolaño, 2666

Wednesday, 14. April 2010 23:16

(Erschienen 2004, Übersetzung von Christian Hansen)

Langstreckler, aufgemerkt! 1085 Seiten und keine davon langweilig, wie viele Bücher solchen Kalibers fallen Euch auf Anhieb ein?!!
Eine Fülle von Geschichten, eine Materialfülle, deren sich die Menschen kaum erwehren können, und Horrorgeschichten von Menschen, die zu Material gemacht werden. Der Eindruck, der bleibt, ist der eines Lebens am Abgrund, dazu ein Einblick in Höllenschlünde, wie sie sich mancherorts aufgetan haben. Ein Tag im Leben des Planeten.

Der Teil der Kritiker: Vier Germanistikprofessoren, eine Britin, ein Spanier, ein Franzose und ein Italiener, lernen sich über das gemeinsame Interesse an dem geheimnisumwitterten deutschen Schriftsteller Benno von Archimboldi kennen und wechselweise lieben. Archimboldis letzte Spur führt nach Santa Teresa, Mexiko.

Der Teil von Amalfitano: Der exilchilenische Professor für Philosophie in Santa Teresa ringt um seine geistige Gesundheit und hängt ein Geometriebuch auf die Wäscheleine im Garten.

Der Teil von Fate: Der schwarze New Yorker Kulturredakteur wird als Vertretung zur Berichterstattung über einen mexikanisch/us-amerikanischen Boxkampf nach Santa Teresa entsendet. Er verliebt sich in die Tochter des chilenischen Professors und sie geht mit ihm in die USA. Der Professor drängt sie zur Flucht.

Der Teil von den Verbrechen widmet sich hauptsächlich der Schilderung grauenhafter Leichenfunde in Santa Teresa, die in die Hunderte gehen, allesamt Mädchen und Frauen. Quälend, es hört einfach nicht auf. Eine Chronik und Würdigung der Opfer. (Realiter geht das Morden weiter.)

Der Teil von Archimboldi: Benno von Archimboldis Lebensweg von seiner Geburt 1920 bis zu seiner Reise nach Santa Teresa. Auch Deutschland war ein Höllenschlund.

Natürlich ist es inadäquat, dieses grandios erzählte, umfassende Werk in einigen wenigen Sätzen zusammenfassen zu wollen. „2666″ bietet die Teilhabe an den Leben unzähliger Menschen, erzählt aus einer Haltung auf der Höhe der Zeit, nämlich derjenigen der normativen Gleichheit aller Menschen. Aus dieser Perspektive sind (nicht scheinen) die Lebensumstände von Menschen in weiten Teilen der Welt in Vergangenheit und jüngster Gegenwart hundserbärmlich und die moralische Verworfenheit bodenlos.
Und dennoch: „Lesen ist die Lust und Freude, am Leben zu sein, die Traurigkeit, am Leben zu sein, und vor allem Fragen und Erkenntnis.” Also los…

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Werner Bräunig, Rummelplatz

Thursday, 29. October 2009 13:11

(Geschrieben 1965, erschienen 2007)

Dieser Roman ist ein Kaleidoskop der Nachkriegsgesellschaft, in der die Menschen sich mit ihrer kommunistischen, sozialdemokratischen, bürgerlichen, gar Nazi-Vergangenheit in den noch offenen gesellschaftlichen Strukturen der DDR vier Jahre nach Kriegsende zurechtfinden, behaupten und positionieren müssen. Offene Strukturen auch im wörtlichen Sinne, man reiste zwischen den Besatzungszonen.

Aber dann bricht der sozialistische Realismus aus, trocken nach dem Lehrbuch, dafür mit heiler sozialistischer Gefühlswelt; realitätsbesoffen in schwärmerischer Liebe zu den Maschinen, die richtigen Arbeitern quasi genetisch zufällt, und vorauseilend affirmativ auf Schund- und Schmusekurs mit der erst noch zu erschaffenden sozialistischen Realität.
Andere Personen jedoch empfinden die frühen Jahre anders, fühlen sich unbehaust, einsam, verloren. Auch ihnen wird breiter Raum gegeben, ihr Seelenleben wird ebenfalls ausgebreitet, nachvollziehbar, ohne zu denunzieren.

Ich kenne keinen anderen Roman, der die frühen Jahre der DDR so ergebnisoffen und spannend diskutiert. Da formiert sich die bürokratische Sturheit und wird zur materiellen Vopo-Gewalt, die die Massen bei einem Volksfest ergreift und niederknüppelt. Doch man bekommt eine Ahnung davon, wie es war, als dieser Kampf noch nicht entschieden war. Als die Grenzen noch offen waren, die Gehirne beweglich und die Gesellschaft gestaltbar.

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Juan Carlos Onetti, Der Schacht

Sunday, 6. September 2009 12:06

(Erschienen 1939, Übersetzung von Jürgen Dormagen)

Ein kurzes Buch, Roman genannt, aber eher eine Erzählung. Verdichtet, konzentriert, komplex. Der Ich-Erzähler, ein unbekannter Schriftsteller, erzählt die Nacht zu seinem 40. Geburtstag: von seiner Verzeiflung an der Welt, an den Menschen, insbesondere den Frauen, seinem Lebensekel. “Ich würde gerne die Geschichte einer Seele niederschreiben, von ihr allein, ohne die Ereignisse, auf die sie sich einlassen musste, ob sie wollte oder nicht.”
Schon als Junge hatte er “mit niemandem etwas zu schaffen”. Er denkt sich “Sachen” aus, “irgendetwas Ungewöhnliches”, “Abenteuer”, die der “Welt der Tatsachen” gegenüber stehen. “Denn die Tatsachen sind immer leer, sie sind die Gefäße, die die Form des Gefühls annehmen, das sie ausfüllt.”
Er erzählt, wie die beiden Menschen, denen er zwei seiner Abenteuer anvertraut, mit Unverständnis und Misstrauen reagieren. Er erzählt das Abenteuer von der Blockhütte, “weil es mich zwingt, ein Vorspiel zu erzählen, etwas, das sich vor etwa vierzig Jahren in der Welt der Tatsachen ereignet hat. (…) Ich weiß nicht, ob ich fünfzehn oder sechzehn Jahre alt war…” Damals tat er einem 18-jährigen Mädchen sexuelle Gewalt an, sie stirbt ein halbes Jahr später unter ungeklärten Umständen und besucht ihn seitdem in seiner Traum(a)-Blockhütte. “Was ich fühle, wenn ich die nackte Frau auf dem Lager betrachte, lässt sich nicht sagen, kann ich nicht sagen, ich kenne die Wörter nicht. Dies - was ich fühle - ist das wahre Abenteuer.”
Er beklagt die “absurde Gewohnheit, dass man Personen mehr Bedeutung beimisst als Gefühlen. Ich finde keinen anderen Ausdruck. Ich will sagen: mehr Bedeutung dem Instrument als der Musik.” Er exemplifiziert diese Vorstellung anhand der Liebe: “Wie ein Kind war die Liebe aus uns hervorgegangen. Wir nährten sie, aber sie hatte ihr eigenes Leben. (…) Die Liebe ist etwas zu Wunderbares, als dass man sich beim Schicksal zweier Personen aufhalten könnte, deren einziges Verdienst es war, sie zu besitzen, auf unerklärliche Weise. Was mit Don Eladio Linacero und Dona Cecilia Huerta de Linacero geschehen mag, interessiert mich nicht… Um die Liebe ging es, und die war bereits beendet…”
Tragischerweise geht die Liebe aber nun mal nicht ohne Personen, und auch die anderen Dinge misslingen: Man kann nicht “die Geschichte einer Seele niederschreiben, von ihr allein, ohne die Ereignisse, auf die sie sich einlassen musste”, man kann die Liebe nicht ohne Personen beschreiben, genauso wenig, wie man “Gefühle” ohne Wörter beschreiben kann (oder sonst irgendetwas, haha). Sowohl der Ich-Erzähler als auch der Autor reflektieren jedoch auch dieses Scheitern an der Realität. “Ich lächle in Frieden, öffne den Mund, lasse die Zähne aufeinander klappen und beiße sanft die Nacht. Alles ist vergeblich, und man muss wenigstens den Mut haben, keine Vorwände zu gebrauchen.”
Was bleibt, ist “eine milde Gleichgültigkeit gegenüber allem”, “alles ganz egal”. Trost spenden nur Freundschaft, Abenteuer, das/die Schöne und - ausgerechnet - die Hoffnung auf Liebe: “…ich mag es nicht akzeptieren (dass er sich nie mehr verlieben werde, Anm. d. A.), weil mir scheint, dass ich sonst jegliche Begeisterung verlieren würde, dass die vage Hoffnung, mich zu verlieben, mir etwas Vertrauen ins Leben gibt. Ich habe nichts anderes mehr zu hoffen.”

Erstaunlich viel könnte noch zu diesem kleinen Büchlein geschrieben werden. Darum die Empfehlung: selber lesen. Zur Einstimmung noch einige Zitate:
“Was für eine Realitätskraft haben doch die Gedanken von Leuten, die wenig denken und die vor allem nicht faseln. Zuweilen sagen sie “Guten Tag”, aber auf was für eine intelligente Art.”
“Wir redeten stundenlang, in diesem Zustand überschwänglichen und dennoch sanften Glücks, den nur die Freundschaft gibt und der unmerklich bewirkt, dass zwei Personen Wege durchs Dickicht bahnen und sich hindurchwinden, um zusammenkommen zu können und es mit einem Lächeln zu feiern.”
“Der Himmel ist fahl und ruhig, wacht über Berge von Dunkelheit im Hof. Ein kurzer Laut, wie ein Schnalzen, lässt mich nach oben sehen. Ich bin sicher, eine Falte genau an der Stelle entdecken zu können, wo eine Schwalbe geschrien hat. (…) Dies ist die Nacht. Ich bin ein einsamer Mann, der an einem beliebigen Ort der Stadt raucht; die Nacht umgibt mich, erfüllt sich wie ein Ritus, stufenweise, und ich habe nichts mit ihr zu schaffen. Nur eben für Augenblicke kommt das Pochen meines Blutes an den Schläfen in einen Takt mit dem Puls der Nacht.”

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