Autorenarchiv

Georges Simenon, Der Mann, der den Zügen nachsah

Tuesday, 8. April 2008 12:24

(Erschienen 1938, Übersetzung von Linde Birk)

Was macht jemand, dessen bürgerliche Existenz von einer Minute auf die andere vernichtet wird?
Kees Popinga, 40, Prokurist, verheiratet und Vater zweier Kinder, sieht zufällig eines Abends den Chef seiner Firma in einer anrüchigen Kneipe, geht ungläubig hinein und erfährt, dass die Firma pleite ist, der Chef sich mit dem verbliebenen Geld absetzt und er selber ein miserabler Prokurist ist, da er überhaupt nichts bemerkt hat. Das war’s. Popinga realisiert, dass er sein Leben lang nur das getan hat, was die anderen von ihm erwarteten. Insgeheim hatte er jedoch davon geträumt, „ein anderer zu sein als Kees Popinga. Und gerade deshalb war er so sehr Popinga, war er es zu sehr, übertrieb er, weil er wusste, wenn er auch nur in einem Punkt nachgeben würde, könnte ihn nichts mehr bremsen. (…) Und da er nun einmal nicht mehr Prokurist war und ihm seine Villa nicht mehr gehörte, da also ein Steinchen ins Rollen gekommen war, konnte ruhig alles zusammenbrechen. (…) Was aus war, war aus, für alle Zeiten, und diese Gelegenheit musste man nutzen!“
Popinga zieht in die Welt, das heisst er besucht die Frau, die er seit langem heimlich begehrt und mit der er „noch eine alte Rechnung zu begleichen“ hat, denn was ihn „am meisten demütigte, war die Tatsache, dass er sich nie getraut hatte…“. Doch das ist jetzt vorbei, „er konnte sich alles erlauben!“ Das Unheil nimmt seinen Lauf…

Meisterhaft, auf welch engem Raum Simenon das Psychogramm eines kontaktunfähigen und narzisstischen Kleinbürgers liefert, dessen satte Selbstgefälligkeit aufgrund der plötzlichen Ent-Täuschung in Selbstüberhebung und offene Aggression umschlägt.

Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler

Michael Köhlmeier, Abendland

Sunday, 30. March 2008 23:57

(Erschienen 2007)

Der Schriftsteller Sebastian Lukasser wird von seinem Patenonkel Carl Jacob Candoris, einem emeritierten Mathematikprofessor und sehr reichen Mann, kurz vor dessen Tod zu sich gerufen und gebeten, dessen Leben nachzuerzählen. Dies tut er, und eingebettet darin erzählt Lukasser seinem Patenonkel und dem Leser gleich auch noch seine eigene Geschichte und die seiner Familie, alles unterfüttert mit der (Kultur- und Geistes-)Geschichte des 20. Jahrhunderts auf 776 Seiten.
Candoris, Spross einer reichen österreichisch-ungarischen Kaufmannsfamilie und exzellenter Mathematiker, verkehrt mit der Creme de la Creme der mathematischen Zunft in Göttingen Anfang der 20er, lernt Edith Stein kennen (die erste katholische Märtyrerin jüdischer Abstammung, die heilig gesprochen wurde), verbringt als Assistent von Emmy Noether 1928/29 einige Zeit im stalinistischen Russland, tritt dann in das Handelshaus seiner Familie ein, wo er erfolgreich das Kontor in Lissabon leitet und an der Uni lehrt, wird vom britischen Secret Service als Spion gegen Nazideutschland angeworben, hat als österreichischer Staatsbürger Zugang zu dem Kreis der ersten Naturwissenschaftler der Nazis, verbringt ein paar kurze Monate in britischer Gefangenschaft in Australien und Kanada, bevor er von Robert Oppenheimer für das Manhattan-Projekt angeworben wird.
Unmittelbar nach der Kapitulation Japans ist Candoris im (konventionell) zerstörten Tokio und entdeckt und fördert dort ein einzigartiges mathematisches Genie, das sich allerdings 1961 vor laufenden Nachrichtenkameras die Pulsadern aufschneidet.
Das andere Genie, dessen sich Candoris als Mäzen annimmt, ist Sebastian Lukassers Vater Georg, ein begnadeter Gitarrist, den er 1946 in Wien hört, dessen Ehe er mitstiftet und für dessen Familie er Schutzengel wird. Lukasser sen., der in Wien und New York legendäre Aufnahmen aufnimmt, mit Chet Baker ein Jahr durch die USA tourt und in einem österreichischen Bergdorf avantgardistsiche Klangexperimente im Gefolge von Harry Partchs mikrotonaler Musik durchführt, bleibt aber leider ein verkanntes Genie, das sein Leben lang gegen den Suff ankämpfen muss und sich schließlich 1976 das Leben nimmt. Als Mäzen war Candoris also nicht besonders erfolgreich.
Lukasser jun. steuert seine Zeiten in Wien, Innsbruck, Frankfurt, Lissabon, New York und North Dakota ebenso bei wie seine Erfahrungen mit Frauen, seine gescheiterte Ehe und seine wenig rühmliche Rolle als Vater - vielleicht als Gegenpart gedacht zum großen Candoris, trotz erfolgreicher Autorenexistenz (über 22 Bücher, von Artikeln, Essays usw. abgesehen).
“Abendland” ist ein kluges Buch, in einem geschmeidigen, süffigen Stil geschrieben, und man liest gerne die vielen großen und kleinen Episoden, die hier entlang der Familiengeschichte der Candoris’ und Lukassers aufgereiht werden. Der Leser erfährt Geschichten aus dem Leben der mathematisch-naturwissenschaftlichen Genies des 20. Jahrhunderts und erhält einen Überblick über die Entwicklung des Blues und Jazz in den USA, eingestreut werden Episoden und kluge Bemerkungen über die Oper ebenso wie über Primzahlen, Boxer, das Erinnern, Hunde, Metaphern, den Konjunktiv, das futurum exactum, usw.usw.
Manchmal allerdings ist es zuviel des Guten - muss denn Lukasser sen. wirklich Woody Guthrie “wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sehen”, muss denn Candoris tatsächlich Winston Churchill seine Einschätzung des Stands der Atombombenentwicklung  Nazi-Deutschlands persönlich vortragen, und muss zu den Gästen bei diesem privaten Empfang auch Charlie Chaplin gehören? Und was soll uns die letzte, angehängt wirkende Geschichte über Candoris’ Großonkel in Deutsch-Südwestafrika sagen, der als zehnfacher Mörder verurteilt wurde? Dass der Autor auch über den Herero-Aufstand von 1904 einige Seiten füllen kann?
Der Autor wuchert mit seinen Pfunden, und manchmal kommt die Präsentation seines allumfassenden Wissens einem name-dropping gefährlich nahe, um - wie der Leser irritiert argwöhnt - die Bedeutsamkeit des Erzählten aufzuwerten. Dabei wäre dies gar nicht nötig, weniger wäre in diesem Falle mehr.
Wie gesagt, ein kluges, gut geschriebenes und unterhaltsames Buch, dessen Lektüre dem Leser viele Zusammenhänge erhellt oder diese erst herstellt, dessen Vielzahl an Anekdoten, Geschichten und Analysen aber etwas gewaltsam unter das Konstruktionsprinzip zweier sich kreuzender Familiengeschichten gezwungen scheint.

Thema: Lesen | Kommentare (2) | Autor: Randolf Giesler

Alasdair Gray, Lanark: A Life in 4 Books

Thursday, 6. March 2008 22:21

(Erschienen 1981. Deutsch: Lanark. Ein Leben in vier Büchern)

Ein Buch, das ich bereits vor einiger Zeit gelesen habe. Aufgrund des starken und verstörenden Eindrucks, den es bei mir hinterlassen hat, drängt es sich auf diesen Blog und will empfohlen werden. Also:
Düstere Utopie mit phantastischen Elementen, nichts für schwache Nerven. Üblicherweise scheitern die Rezensenten daran, eine kurze Inhaltsangabe zu geben. Ein paar Anhaltspunkte: Beginnt mit dem dritten statt mit dem ersten von vier Büchern (in einem Band) in der endzeitlichen Stadt Unthank ohne Tageslicht und Arbeit, führt weiter in eine menschengemachte Unterwelt, in der das “Institut” von der rätselhaften “Drachenhaut-Krankheit” Befallene zu retten versucht, bei den hoffnungslosen Fällen jedoch den Verlauf der Krankheit abwartet, weil das Ende in einer Explosion besteht, bei der verwertbare Energie und Nahrung freigesetzt wird. Das Orakel, das er nach seiner eigenen Vergangenheit befragt, erzählt Lanark die Geschichte von Duncan Thaw, einem einzelgängerischen Glasgower Arbeiterjungen, der trotz Armut und Krankheit unbedingt Künstler werden will. Das sind die Bücher 1 und 2, die von einem sozialkritischen Realismus und starken autobiographischen Zügen getragen sind. Sie spielen in Glasgow unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und beschreiben das harte Leben der Arbeiter und Jugendlichen, diskutiert werden aber auch kunsthistorische Fragen. Das Buch 4 kehrt nach Unthank und in die Unterwelt zurück, in der sich das “Institut” mit politisch-sozialen Unruhen konfrontiert sieht. Unthank steht vor dem endgültigen Kollaps, eine Umweltkatastrophe droht und es besteht die Gefahr, dass die Stadt von dem globalen Rat (der finanziert wird von der weltbeherrschenden “Verschwörung”) aufgegeben wird. Lanark wird als Bürgermeister zur großen Versammlung geschickt, um dies zu verhindern.
So in etwa.
Insbesondere die Kapitel 1 und 4 sind voller bizarrer, surrealer Ideen (Bilokation, Roboter in Menschengestalt, Reisen durch interkalendarische Zonen; bei einer anderen Krankheit entwickeln sich auf dem Körper der Kranken Münder, die unabhängig von dem Kranken reden). Typographische Elemente werden variiert, die einzelnen Bücher mit Grafiken des Autors eingeleitet, gegen Ende werden seitenlange irreführende Fußnoten eingestreut.

Eins der ganz wenigen Bücher, die ich irgendwann ein zweites Mal lesen werde.

P.S. Eine deutsche Ausgabe ist derzeit wohl nur antiquarisch aufzutreiben - leider.

Thema: Lesen | Kommentare (1) | Autor: Randolf Giesler

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

Monday, 25. February 2008 21:04

(Erschienen ab 1930)

“Stil ist für mich exakte formulierung eines gedankens.” (Musil)
Diese exaktheit hat er mit einer, sowohl was hartnäckigkeit als auch wortgewandtheit betrifft, bewundernswerten akribie zu erlangen gesucht.
“Exaktheit des gefühls”, “exakte phantasie”: Mit all dieser exaktheit macht Musil nicht etwa “dem” gefühl den garaus, im gegenteil erzeugt er ein dichtes gefühlsgewebe, das nicht im nebulösen verschwimmt, sondern sich exakt aus einzelnen passagen des textes herleitet.
Es geht um stimmungen und gefühlszustände und darum, ob diese “anderen zustände” bruchstücke oder auch sendboten einer anderen existenzweise sind, bei der “sein” und “in allem sein” ein und dasselbe ist.
Zustand - ein paradoxes wort, da es suggeriert, etwas könne der zeit nicht unterliegen. Zustände ändern sich jedoch laufend; verbunden, ob zu recht oder zu unrecht, werden sie mit dem wörtchen “und”. Die schilderung eines zeitlosen zustands müsste auf dieses wort verzichten, das auch völlig zusammenhangloses und gegensätze miteinander verbindet. Es fragt sich, wie das zeitgebundene medium literatur gleichzeitigkeit nicht nur beschwören, sondern tatsächlich darstellen kann. Oder geht es nicht um zeitlose zustände, besser: vollkommen gleichzeitiges erleben?

Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler

Antonio Tabucchi, Erklärt Pereira

Thursday, 7. February 2008 23:12

(Erschienen 1994, Übersetzung von Karin Fleischanderl)

Für Leute, die in samtweichem Tonfall eine Geschichte über das Leben und die Liebe, Alter und Jugend, Faschismus, Kultur und Mut zum Widerstand lesen möchten.

Thema: Lesen | Kommentare (1) | Autor: Randolf Giesler

Yasmina Khadra, Morituri

Thursday, 7. February 2008 23:01

(Erschienen 1997, Übersetzung von Bernd Ziermann und Regina Keil-Sagawe)

Für Leute, die harte, sozialkritische Krimis mögen und die die Schilderung des albtraumhaften Lebens in einem fremden Land (Algerien) nicht abschreckt.

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Die Horen Band 199, Lauter Vigoleisiaden

Thursday, 7. February 2008 22:54

(Erschienen 2000)

Für Leute, die gerne mal abseits der breiten Pfade lesen: amüsante, interessante und anregende Sammlung von Texten, Beiträgen, Fotos etc. zum Dichter Albert Vigoleis Thelen.

Thema: Stöbern | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler

Christoph Martin Wieland, Die Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva

Thursday, 7. February 2008 8:49

(Erschienen 1764)

Für Leute, die geistreiche, charmante und hochaktuelle Literatur des 18. Jahrhunderts schätzen können und sich und/oder anderen ein Lesevergnügen bereiten wollen. Vollständig lautet der Titel: “Der Sieg der Natur über die Schwärmerey, oder die Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva, Eine Geschichte worinn alles Wunderbare natürlich zugeht.”

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Guy de Maupassant, Bel Ami

Monday, 4. February 2008 23:29

(Erschienen 1885, Übersetzung von Josef Halperin)

Guy de Maupassant beschreibt in “Bel Ami” den Aufstieg des Georges Duroy vom Sohn verarmter Bauern zu “einem der Herren der Welt”. Für den Erfolg ist Duroy jedes Mittel recht, er intrigiert, manipuliert und instrumentalisiert, vorzugsweise die Liebe der Frauen.
Dabei ist Duroy kein Ausbund an Bösartigkeit, sondern nur ein besonders vorzeigbares Exemplar jener Gattung von Politikern, Finanziers, Bankiers und Emporkömmlingen, in deren Kreisen alles und jeder und jede dem Eigennutz untergeordnet wird. (Da wird auch schon mal die Invasion in ein nordafrikanisches Land eingefädelt, um den Wert der vorher gekauften Aktienpakete in die Höhe schnellen zu lassen.) Mitreißend und fesselnd zu lesen, wie Duroys fast schon krankhafter Geltungsdrang, gepaart mit Geldgier und Rücksichtlosigkeit, ihn für einen der ersten Posten der bürgerlichen Gesellschaft qualifiziert.
Maupassant beschreibt den gesellschaftlichen Aufstieg des Georges Duroy in einem Guss, mit Schwung und in einem Tempo, das vorwärtstreibt. Duroy wird nicht denunziert, er ist nicht nur Unsympath, und der Leser erwartet bang, dass ihn die gerechte Strafe vor allem dafür trifft, dass er so gemein zu den Frauen ist. Doch die Strafe bleibt aus, der Roman endet mit Duroys größtem Triumph. Spannend.

Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler