Autorenarchiv

Joseph Conrad, Der Geheimagent

Friday, 12. September 2008 18:15

(Erschienen 1907)

Die Conrad‘sche Charakterisierung von Anarchisten, Revolutionären und dergleichen „Gestalten” als träge, bequeme, realitätsferne und realitätsfeindliche Personen befremdet. Sie seien nur zu träge oder zu versponnen, um sich in dieser Welt durchzusetzen, die er von archaischen Motiven durchtränkt sieht: Kampf und Verrat, Männer und Frauen, Liebe und Eigennutz. Doch eins muss man ihm lassen: Er macht sich die Mühe des Begriffs. Mir ist eine Passage besonders aufgefallen, in der die Frau des Geheimagenten in dem dunklen Laden sitzt, die Hände vor den Kopf haltend: „In that shop of shady wares fitted with deal shelves painted a dull brown, which seemed to devour the sheen of the light, the gold circlet of the wedding ring on Mrs Verloc’s left hand glittered exceedingly with the untarnished glory of a piece from some splendid treasure of jewels, dropped in a dustbin.”

Abgesehen von dem genialen Haken am Schluss des Satzes, musste ich an die unsägliche Vergleicherei denken, die um sich gegriffen hat, und dass sich hier die schriftstellerische Qualität von Conrad zeigt. Der Großteil der zeitgenössischen Autoren würde schreiben: „glittered exceedingly like a piece from some splendid treasure of jewels”, offen lassend, was sie damit meinen (Kostbarkeit, Reichtum, Schönheit, Unabhängigkeit, Gerechtigkeit …); einen Schatz wollte schließlich jeder schon mal haben. Conrad aber sagt, was diesen Schatz auszeichnet: „untarnished glory”, was ich mit „makellose Pracht” übersetzen würde.

Es gelingt ihm, eine dichte Atmosphäre zu erzeugen, gerade weil er so präzise ist (ganz im Musil’schen Sinne). Das dreckige, feucht-schleimige London atmet im Hintergrund mit, wenn in intensiven, kammerspielartigen Szenen ein Reigen der menschlichen Unzulänglichkeit und Unzugänglichkeit sich dreht und stetig Fahrt aufnimmt bis zum dreifachen bösen Ende.

Tragisch? „Tragisch menschlich” würde Conrad wahrscheinlich sagen.

Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler

Karl-Heinz Ott, Endlich Stille

Friday, 18. July 2008 23:18

(Erschienen 2005)

Der Ich-Erzähler, Philosophieprofessor in Basel, wird auf dem Straßburger Bahnhofsvorplatz von einem Mitreisenden angesprochen. Dieser übernimmt sofort das Kommando, entscheidet, welches Hotel „wir“ nehmen („Bett ist Bett, und zum Schlafen werden wir heute eh nicht viel kommen“), wo gegessen und vor allem getrunken wird. Friedrich Grävenich, der angeblich Klavier an der Mannheimer Musikhochschule unterrichtet, ist eine schillernde, extravagante Person und kann mit viel Sachverstand, Eloquenz und Emphase über Musik, Gott und die Welt, aber vor allem über sich selbst reden, reden, reden. Fasziniert und abgestoßen zugleich, reagiert der Philosoph, dessen Spezialgebiet Spinoza ist, auf diese Vereinnahmung unentschlossen, ja hilflos. „Doch obwohl seine Mitteilungsgier – trotz und wegen ihrer Penetranz – fast etwas Kümmerliches an sich hatte, kam ich mir ihm gegenüber zunehmend kleiner vor und fühlte mich, je länger sich dieses Spiel fortsetzte, wie sein Gefangener.“ Es folgt ein Absturz vom Feinsten. Der Erzähler vermag sich dem Sog des Anderen nur durch die Flucht in einer Nacht- und Nebelaktion zu entziehen.

Dem Leser ergeht es nicht viel anders. Hingerissen von einer Sprache, die mit der Zunge schnalzen lässt, verfolgt er die Kapriolen des Friedrich Grävenich und die Wehrlosigkeit des Erzählers mit ungläubigem Staunen und fasziniertem Kopfschütteln, und muss doch mit, wird mitgerissen in den Strudel der Ereignisse und peinigenden Reflexionen, und nimmt teil an dem aberwitzigen Martyrium der Hauptperson.

Nach einem ruhig verlaufenen Semester meldet sich Friedrich Grävenich zu Beginn der Semesterferien in Basel. Er hat seinen „Freund“ trotz falsch angegebener Adresse und Telefonnummer ausfindig gemacht und kündigt seinen Besuch an. Und dieser nimmt sofort das Wochenende über Reißaus. Doch natürlich entgeht er dem Friedrich nicht. „Zum ersten Mal im Leben war ich mit einem Wesen konfrontiert, das keine instinktive Distanz kannte. Auch wenn ich mich schon oft überrumpelt, belästigt oder zu Dingen gedrängt gefühlt hatte, die ich über mich ergehen ließ“, „auf eine Erfahrung, wie sie mir mit Friedrich beschert wurde, konnte ich durch nichts vorbereitet sein.“

Friedrich nistet sich bei ihm ein, quartiert ihn aus seinem eigenen Schlafzimmer aus, richtet jegliche Ordnung in Wohnung und Bücherregal zu Grunde, zerstört unachtsam seine lang geschmähte Nippes-Nietzsche-Büste („Just im Augenblick ihres Falls bekam sie für mich einen unermesslichen Wert…“) und etabliert einen Tagesablauf, der damit beginnt, dass Friedrich rauchend auf der Küchenbank hockt, sich „am Gemächte kratzt“, dann, um dem schimmelnden Chaos in der Wohnung zu entkommen, wird außer Haus gefrühstückt bzw. zu Mittag gegessen, herumgelungert und abends wird in immer derselben Kaschemme „fast bis zur Bewusstlosigkeit“ gesoffen. Und genauso der folgende Tag, vier Wochen lang. „Alle Tage verschwammen ineinander, ähnlich meinem Ichgefühl, in dem die Konturen sich aufzulösen begannen und es keinen Punkt mehr geben wollte, an dem es sich wieder hätte aufrichten können“, „weil die Anwesenheit dieses Menschen alles absorbierte und keinen anderen Gefühlen und Gedanken mehr Raum ließ“, „und ich fragte mich, ob er sich nicht selbst ständig fragen muss, warum ich mir das gefallen lasse und nicht zurückschlage.“

Friedrich seinerseits scheint „restlos zufrieden damit, einfach bei mir zu wohnen und versorgt zu sein“, „als habe sich seine Zukunft bereits dadurch gelöst, dass er bei mir in der Küche sitzen kann und über ein Bett verfügt.“

Fassungslos hadert der Philosoph mit sich selbst und nimmt Zuflucht zu Durchhalteparolen wie der, dass „meine Kräfte noch in einer Selbsterniedrigung wachsen, bei der ich selbst lange Zeit am meisten fürchte, unter die Räder zu kommen“.

Gibt es also doch einen Ausweg? Wird es unserem untergebutterten Helden gelingen, dem grausamen Spiel ein Ende zu bereiten, seinen Alb zu verscheuchen und seine Selbstachtung wiederzugewinnen?

Wird nicht verraten, selber lesen macht Spaß!

Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler

Herman Melville, Pierre oder Die Doppeldeutigkeiten

Sunday, 15. June 2008 13:01

(Erschienen 1852, Übersetzung von Christa Schuenke)

Was macht jemand, dessen „ganzer sittlicher Kern bis auf den Grund erschüttert“ wird?
Pierre Glendinnig ist der sensible Spross einer „aristokratischen“ amerikanischen Ostküstenfamilie, deren (männliche) Mitglieder von der ersten Siedlergeneration an hilfreich, edel und gut waren, und denen (folgerichtig?) immenser Reichtum, aber auch körperliche und geistige Schönheit zufielen. Pierre ist durchdrungen von heroischer Familiensaga, der Bestimmung zu Höherem und der moralischen Untadeligkeit, die Generationen von Glendinnings an ihre Nachfahren weitergegeben haben. Er ist standesgemäß verlobt und auch rechtschaffen in seine Lucy verliebt, so dass die Glendinnig-Saga mit ihm einmal mehr einem glänzenden Höhepunkt zustrebt.
Doch Pierre hat einen fatalen Charakterfehler, der sich offenbart, als sich plötzlich Isabel, die voreheliche Tochter seines verstorbenen Vaters, die in ärmlichsten Verhältnissen lebt, an ihn wendet. Der „unerhörte Schock der tatsächlichen Wahrheit“ bewirkt, dass sich „jetzt die greifbare Welt der festen Körper rings um ihn her …nach allen Seiten verschob“, „und Pierre entglitt in eine Luftwelt aus Visionen“. Der junge Mann nimmt die ihm vermittelten romantischen Werte als bare Münze und versucht, das seiner Halbschwester angetane Unrecht, keine Glendinnig zu sein, wieder gutzumachen. Doch will er es allen recht machen und fasst einen „merkwürdigen und unerhörten Entschluss“, der „erstaunlich war in seiner einzigartigen Selbstverleugnung. Von Anfang an entschlossen, den guten Ruf seines Vaters unter allen Umständen reinzuhalten, ganz gleich, was er täte, um Isabel zu beschützen und ihr all seine brüderliche Ergebenheit und Liebe zu schenken, und ebenso entschlossen, seiner Mutter andauernden Seelenfrieden nicht durch sinnlose Enthüllung unwillkommener Tatsachen zu stören, (…) hatte er nun die folgende feste und unumstößliche Absicht gefasst, nämlich: vor aller Welt zu behaupten, Pierre Glendinnig sei bereits heimlich mit Isabel Banford vermählt…“.
Die Durchführung dieses vermeintlich von Edelmut gezeugten Entschlusses stürzt alle Beteiligten ins Verderben. Seine dominante, „hochmütige“ Mutter, die ehedem von „schwärmerischer Sohnesliebe“ für ihren einzigen, „ehrfürchtigen und hingebungsvollen Sohn“ erfüllt war, wird laut eigener Aussage zu einem „rasenden, von Stolz vergifteten Weib“, enterbt und verstößt Pierre und stirbt an gebrochenem Herzen. Pierre zieht mit Isabel und einem entlaufenen Dienstmädchen in die Stadt, wo sie bittere Not leiden (Pierre versucht, schriftstellernd über die Runden zu kommen!). Lucy, die nicht weiß, wie ihr geschieht, weil Pierre ihr den Grund seines Verhaltens nicht enthüllen darf, wird sterbenskrank, zieht dann aber zu Pierre und Isabel, um „als nonnengleiche Base“ bei ihm zu sein und ebenfalls bittere Not zu leiden. Lucys Bruder Fred und Pierres städtischer Vetter Glen, der Lucy liebt, versuchen, diese aus den Klauen des „schurkischen und meineidigen Lügners“ zu befreien. Verzweiflung und Hass brechen sich Bahn, Gewalt wird angewendet, schließlich erschießt Pierre seinen Vetter auf offener Straße, und „hatte“ damit „mit eigener Hand sein Geschlecht ausgelöscht“. Während Isabel und Lucy Pierre im Kerker besuchen, entdeckt Lucy die Wahrheit über die beiden und fällt tot um, Pierre und Isabel nehmen Gift. „Weib oder Schwester, Heilige oder Teufelin!“ – Er zog Isabel an sich – „nicht Leben für die Kinder wohnt in deinen Brüsten, nur Todesmilch für dich und mich! – Das Gift!“ – Er riss den Busen ihres Kleides auf und griff nach dem geheimen Fläschchen, das dort verborgen war.“
Nun habe ich das Ende des Romans verraten, aber das macht nichts. Es gäbe noch viel darüber zu schreiben, Melville hat immerhin über 600 Seiten geschrieben, „gründlich und analytisch und psychologisch und metaphysisch ihre Verhältnisse und ihre Umgebung und alle Nebensächlichkeiten in Erwägung gezogen“. Reflexionen über Pierre, das Leben, die Ideale, die Liebe, die Philosophie, die Literatur; „Bemerkungen über die transzendentale Badebürstenphilosophie“ mitsamt „Apfelschnitzdialektik“; Schilderungen der Doppelmoral und der Bigotterie der reichen und feinen Gesellschaft. Der Roman ist voller Doppeldeutigkeiten – was bedeutet es, dass sich Mutter und Sohn als „Bruder“ und „Schwester“ ansprechen, ist Pierres Halbschwester nun seine Frau oder nicht, warum ist seine versprochene Frau Lucy „engelsgleich“? Sind diese ungeklärten Doppeldeutigkeiten in den Beziehungen zu den Frauen der Auslöser für den Fall der Glendinnig-Dynastie? Ist Pierre nur ein verwirrter Spinner, oder sind seine Gewissenskonflikte und seine hehren Absichten ernst zu nehmen? Was besagt es, dass seine konsequente Umsetzung der anerzogenen Ideale in Lüge, Hass, Totschlag, Selbstmord und Auslöschung der Familie endet?
Fragen über Fragen.
Starker Tobak, nichts für ungeübte oder ungeduldige Leser.

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Michail Bulgakow, Der Meister und Margarita

Monday, 2. June 2008 21:53

(Geschrieben 1928-40, erschienen 1966/67; Übersetzung von Thomas Reschke)

Obwohl der Plot sich gegen Ende des Buches irgendwie verliert, zieht das Buch den Leser über Hunderte von Seiten wie eine Lokomotive. Der Teufel kommt mit seinen Gehilfen in den 1920er Jahren nach Moskau und treibt allerlei bösen Schabernack mit der Einfältigkeit und dem Egoismus der Menschen. Moskau versinkt im Chaos. Nur der Meister, ein in der Irrenanstalt einsitzender armer Schriftsteller, dessen Pilatus-und-Jesus-Roman in das Buch eingestreut ist, und Margarita, seine verheiratete Geliebte, widerstehen dem wahnsinnigen Treiben. Ein rasantes Buch voller Ideen, Sprachwitz und skurriler Einfälle. Einer der besten (phantastischen) Romane überhaupt.

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Georges Simenon, Der Mann, der den Zügen nachsah

Tuesday, 8. April 2008 12:24

(Erschienen 1938, Übersetzung von Linde Birk)

Was macht jemand, dessen bürgerliche Existenz von einer Minute auf die andere vernichtet wird?
Kees Popinga, 40, Prokurist, verheiratet und Vater zweier Kinder, sieht zufällig eines Abends den Chef seiner Firma in einer anrüchigen Kneipe, geht ungläubig hinein und erfährt, dass die Firma pleite ist, der Chef sich mit dem verbliebenen Geld absetzt und er selber ein miserabler Prokurist ist, da er überhaupt nichts bemerkt hat. Das war’s. Popinga realisiert, dass er sein Leben lang nur das getan hat, was die anderen von ihm erwarteten. Insgeheim hatte er jedoch davon geträumt, „ein anderer zu sein als Kees Popinga. Und gerade deshalb war er so sehr Popinga, war er es zu sehr, übertrieb er, weil er wusste, wenn er auch nur in einem Punkt nachgeben würde, könnte ihn nichts mehr bremsen. (…) Und da er nun einmal nicht mehr Prokurist war und ihm seine Villa nicht mehr gehörte, da also ein Steinchen ins Rollen gekommen war, konnte ruhig alles zusammenbrechen. (…) Was aus war, war aus, für alle Zeiten, und diese Gelegenheit musste man nutzen!“
Popinga zieht in die Welt, das heisst er besucht die Frau, die er seit langem heimlich begehrt und mit der er „noch eine alte Rechnung zu begleichen“ hat, denn was ihn „am meisten demütigte, war die Tatsache, dass er sich nie getraut hatte…“. Doch das ist jetzt vorbei, „er konnte sich alles erlauben!“ Das Unheil nimmt seinen Lauf…

Meisterhaft, auf welch engem Raum Simenon das Psychogramm eines kontaktunfähigen und narzisstischen Kleinbürgers liefert, dessen satte Selbstgefälligkeit aufgrund der plötzlichen Ent-Täuschung in Selbstüberhebung und offene Aggression umschlägt.

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Michael Köhlmeier, Abendland

Sunday, 30. March 2008 23:57

(Erschienen 2007)

Der Schriftsteller Sebastian Lukasser wird von seinem Patenonkel Carl Jacob Candoris, einem emeritierten Mathematikprofessor und sehr reichen Mann, kurz vor dessen Tod zu sich gerufen und gebeten, dessen Leben nachzuerzählen. Dies tut er, und eingebettet darin erzählt Lukasser seinem Patenonkel und dem Leser gleich auch noch seine eigene Geschichte und die seiner Familie, alles unterfüttert mit der (Kultur- und Geistes-)Geschichte des 20. Jahrhunderts auf 776 Seiten.
Candoris, Spross einer reichen österreichisch-ungarischen Kaufmannsfamilie und exzellenter Mathematiker, verkehrt mit der Creme de la Creme der mathematischen Zunft in Göttingen Anfang der 20er, lernt Edith Stein kennen (die erste katholische Märtyrerin jüdischer Abstammung, die heilig gesprochen wurde), verbringt als Assistent von Emmy Noether 1928/29 einige Zeit im stalinistischen Russland, tritt dann in das Handelshaus seiner Familie ein, wo er erfolgreich das Kontor in Lissabon leitet und an der Uni lehrt, wird vom britischen Secret Service als Spion gegen Nazideutschland angeworben, hat als österreichischer Staatsbürger Zugang zu dem Kreis der ersten Naturwissenschaftler der Nazis, verbringt ein paar kurze Monate in britischer Gefangenschaft in Australien und Kanada, bevor er von Robert Oppenheimer für das Manhattan-Projekt angeworben wird.
Unmittelbar nach der Kapitulation Japans ist Candoris im (konventionell) zerstörten Tokio und entdeckt und fördert dort ein einzigartiges mathematisches Genie, das sich allerdings 1961 vor laufenden Nachrichtenkameras die Pulsadern aufschneidet.
Das andere Genie, dessen sich Candoris als Mäzen annimmt, ist Sebastian Lukassers Vater Georg, ein begnadeter Gitarrist, den er 1946 in Wien hört, dessen Ehe er mitstiftet und für dessen Familie er Schutzengel wird. Lukasser sen., der in Wien und New York legendäre Aufnahmen aufnimmt, mit Chet Baker ein Jahr durch die USA tourt und in einem österreichischen Bergdorf avantgardistsiche Klangexperimente im Gefolge von Harry Partchs mikrotonaler Musik durchführt, bleibt aber leider ein verkanntes Genie, das sein Leben lang gegen den Suff ankämpfen muss und sich schließlich 1976 das Leben nimmt. Als Mäzen war Candoris also nicht besonders erfolgreich.
Lukasser jun. steuert seine Zeiten in Wien, Innsbruck, Frankfurt, Lissabon, New York und North Dakota ebenso bei wie seine Erfahrungen mit Frauen, seine gescheiterte Ehe und seine wenig rühmliche Rolle als Vater - vielleicht als Gegenpart gedacht zum großen Candoris, trotz erfolgreicher Autorenexistenz (über 22 Bücher, von Artikeln, Essays usw. abgesehen).
“Abendland” ist ein kluges Buch, in einem geschmeidigen, süffigen Stil geschrieben, und man liest gerne die vielen großen und kleinen Episoden, die hier entlang der Familiengeschichte der Candoris’ und Lukassers aufgereiht werden. Der Leser erfährt Geschichten aus dem Leben der mathematisch-naturwissenschaftlichen Genies des 20. Jahrhunderts und erhält einen Überblick über die Entwicklung des Blues und Jazz in den USA, eingestreut werden Episoden und kluge Bemerkungen über die Oper ebenso wie über Primzahlen, Boxer, das Erinnern, Hunde, Metaphern, den Konjunktiv, das futurum exactum, usw.usw.
Manchmal allerdings ist es zuviel des Guten - muss denn Lukasser sen. wirklich Woody Guthrie “wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sehen”, muss denn Candoris tatsächlich Winston Churchill seine Einschätzung des Stands der Atombombenentwicklung  Nazi-Deutschlands persönlich vortragen, und muss zu den Gästen bei diesem privaten Empfang auch Charlie Chaplin gehören? Und was soll uns die letzte, angehängt wirkende Geschichte über Candoris’ Großonkel in Deutsch-Südwestafrika sagen, der als zehnfacher Mörder verurteilt wurde? Dass der Autor auch über den Herero-Aufstand von 1904 einige Seiten füllen kann?
Der Autor wuchert mit seinen Pfunden, und manchmal kommt die Präsentation seines allumfassenden Wissens einem name-dropping gefährlich nahe, um - wie der Leser irritiert argwöhnt - die Bedeutsamkeit des Erzählten aufzuwerten. Dabei wäre dies gar nicht nötig, weniger wäre in diesem Falle mehr.
Wie gesagt, ein kluges, gut geschriebenes und unterhaltsames Buch, dessen Lektüre dem Leser viele Zusammenhänge erhellt oder diese erst herstellt, dessen Vielzahl an Anekdoten, Geschichten und Analysen aber etwas gewaltsam unter das Konstruktionsprinzip zweier sich kreuzender Familiengeschichten gezwungen scheint.

Thema: Lesen | Kommentare (2) | Autor: Randolf Giesler

Alasdair Gray, Lanark: A Life in 4 Books

Thursday, 6. March 2008 22:21

(Erschienen 1981. Deutsch: Lanark. Ein Leben in vier Büchern)

Ein Buch, das ich bereits vor einiger Zeit gelesen habe. Aufgrund des starken und verstörenden Eindrucks, den es bei mir hinterlassen hat, drängt es sich auf diesen Blog und will empfohlen werden. Also:
Düstere Utopie mit phantastischen Elementen, nichts für schwache Nerven. Üblicherweise scheitern die Rezensenten daran, eine kurze Inhaltsangabe zu geben. Ein paar Anhaltspunkte: Beginnt mit dem dritten statt mit dem ersten von vier Büchern (in einem Band) in der endzeitlichen Stadt Unthank ohne Tageslicht und Arbeit, führt weiter in eine menschengemachte Unterwelt, in der das “Institut” von der rätselhaften “Drachenhaut-Krankheit” Befallene zu retten versucht, bei den hoffnungslosen Fällen jedoch den Verlauf der Krankheit abwartet, weil das Ende in einer Explosion besteht, bei der verwertbare Energie und Nahrung freigesetzt wird. Das Orakel, das er nach seiner eigenen Vergangenheit befragt, erzählt Lanark die Geschichte von Duncan Thaw, einem einzelgängerischen Glasgower Arbeiterjungen, der trotz Armut und Krankheit unbedingt Künstler werden will. Das sind die Bücher 1 und 2, die von einem sozialkritischen Realismus und starken autobiographischen Zügen getragen sind. Sie spielen in Glasgow unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und beschreiben das harte Leben der Arbeiter und Jugendlichen, diskutiert werden aber auch kunsthistorische Fragen. Das Buch 4 kehrt nach Unthank und in die Unterwelt zurück, in der sich das “Institut” mit politisch-sozialen Unruhen konfrontiert sieht. Unthank steht vor dem endgültigen Kollaps, eine Umweltkatastrophe droht und es besteht die Gefahr, dass die Stadt von dem globalen Rat (der finanziert wird von der weltbeherrschenden “Verschwörung”) aufgegeben wird. Lanark wird als Bürgermeister zur großen Versammlung geschickt, um dies zu verhindern.
So in etwa.
Insbesondere die Kapitel 1 und 4 sind voller bizarrer, surrealer Ideen (Bilokation, Roboter in Menschengestalt, Reisen durch interkalendarische Zonen; bei einer anderen Krankheit entwickeln sich auf dem Körper der Kranken Münder, die unabhängig von dem Kranken reden). Typographische Elemente werden variiert, die einzelnen Bücher mit Grafiken des Autors eingeleitet, gegen Ende werden seitenlange irreführende Fußnoten eingestreut.

Eins der ganz wenigen Bücher, die ich irgendwann ein zweites Mal lesen werde.

P.S. Eine deutsche Ausgabe ist derzeit wohl nur antiquarisch aufzutreiben - leider.

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Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

Monday, 25. February 2008 21:04

(Erschienen ab 1930)

“Stil ist für mich exakte formulierung eines gedankens.” (Musil)
Diese exaktheit hat er mit einer, sowohl was hartnäckigkeit als auch wortgewandtheit betrifft, bewundernswerten akribie zu erlangen gesucht.
“Exaktheit des gefühls”, “exakte phantasie”: Mit all dieser exaktheit macht Musil nicht etwa “dem” gefühl den garaus, im gegenteil erzeugt er ein dichtes gefühlsgewebe, das nicht im nebulösen verschwimmt, sondern sich exakt aus einzelnen passagen des textes herleitet.
Es geht um stimmungen und gefühlszustände und darum, ob diese “anderen zustände” bruchstücke oder auch sendboten einer anderen existenzweise sind, bei der “sein” und “in allem sein” ein und dasselbe ist.
Zustand - ein paradoxes wort, da es suggeriert, etwas könne der zeit nicht unterliegen. Zustände ändern sich jedoch laufend; verbunden, ob zu recht oder zu unrecht, werden sie mit dem wörtchen “und”. Die schilderung eines zeitlosen zustands müsste auf dieses wort verzichten, das auch völlig zusammenhangloses und gegensätze miteinander verbindet. Es fragt sich, wie das zeitgebundene medium literatur gleichzeitigkeit nicht nur beschwören, sondern tatsächlich darstellen kann. Oder geht es nicht um zeitlose zustände, besser: vollkommen gleichzeitiges erleben?

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Antonio Tabucchi, Erklärt Pereira

Thursday, 7. February 2008 23:12

(Erschienen 1994, Übersetzung von Karin Fleischanderl)

Für Leute, die in samtweichem Tonfall eine Geschichte über das Leben und die Liebe, Alter und Jugend, Faschismus, Kultur und Mut zum Widerstand lesen möchten.

Thema: Lesen | Kommentare (1) | Autor: Randolf Giesler

Yasmina Khadra, Morituri

Thursday, 7. February 2008 23:01

(Erschienen 1997, Übersetzung von Bernd Ziermann und Regina Keil-Sagawe)

Für Leute, die harte, sozialkritische Krimis mögen und die die Schilderung des albtraumhaften Lebens in einem fremden Land (Algerien) nicht abschreckt.

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