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Henry James

Tuesday, 13. July 2010 22:29

(15.4.1843 - 28.2.1916)

Warum ist es ein Genuss, Henry James zu lesen? Weil er einer der ganz großen Stilisten ist und ein passionierter Menschenerzähler. Bei ihm bestimmt das Innenleben der Figuren ihr Handeln, man muss nicht mühsam aus den Handlungen der Personen ihr Innenleben rekonstruieren, sondern bekommt dieses in angemessen feiner Zurückhaltung auf einem silbernen Tablett serviert.
Mutmaßungen über Zeitgenossen hat er angestellt, über die Art und Weise, wie sie sich einrichten im Leben. Wenn, wie in den Erzählungen „The Last of the Valerii” und „The Real Thing”, ein Ich-Erzähler vorhanden ist, vermeint man, den Autor bei seinen Mutmaßungen zu belauschen, wie er beobachtet, abwägt, ableitet, auch mal in die Irre geht, sich korrigiert, weiter macht.
Die Geschichten und Romane, die ich kenne, spielen allesamt in den gehobenen Schichten in den USA, in Großbritannien und immer wieder Italien. Nachrichten aus erster Hand aus einer vergangenen Zeit, in der alle so taten, als wäre alles gut, obwohl sie es besser wussten. Dabei wird klar, dass James ebenso wesentlich zu unserem Bild des degenerierten englischen Adels beigetragen hat, wie zu dem Bild vom verarmten Baron, dem stolzen Comte, der sich nicht wenig darauf einbildet, dass er eben ein italienischer verarmter Comte ist, in dessen Adern das Blut der wahren Weltmacht immer noch fließt. Und das, muss der gebürtige Amerikaner neidisch konzedieren, hat er den Leuten der neuen Weltmacht tatsächlich voraus: er braucht nur in seinem Garten zu buddeln, schon findet er eine antike Statue. Das Leben der „Statuen der Dekadenz” jedoch ist ebenso belanglos wie das Schicksal derjenigen, die nur noch die Pose einer großbürgerlichen heilen Welt darstellen, bedauernswert ist. Doch die Modernen und die Amerikaner haben durchaus noch nicht gewonnen. Weil auch sie nicht wissen, wie ein erfülltes Leben zu leben ist, weil sie von den Alten hereingelegt werden („The Lesson of the Master”), weil sie ihre Unkonventionalität übertreiben und dafür mit dem Leben bezahlen müssen („Daisy Miller”).
Namentlich empfehlen kann ich neben den Erzählungen die Romane „Washington Square” und „The Portrait of a Lady”, aber ich denke, Henry James kommt immer gut.

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John Milton, Das verlorene Paradies

Thursday, 20. May 2010 17:47

(Erschienen 1667)

Abgefahren. Schlachtengetümmel wie beim Herrn der Ringe, Engel, die auf Sonnenstrahlen herangleiten, Heere, die sich mit ganzen Hügeln bewerfen, viel Pomp und Glamour.
Die ersten beiden von 12 Kapiteln („Bücher”) gehören Satan, der sich lang und breit darüber auslässt, dass er gegen Gott verloren hat und mitsamt seinem Heer in die Hölle gestoßen wurde. Der Grund für Satans Aufstand und die folgende dreitägige Schlacht war die Inthronisierung von Jesus als Gottgleichem. Ein Drittel der himmlischen Scharen folgte Satan in den Abgrund und Gott gefiel es nicht, dass seine Gefolgschaft erheblich verkleinert war. Er schuf die Erde, dann Adam, aus ihm dann Eva als Muster minderer Qualität, die sich in aller Unschuld über die Erde verbreiten sollten zum Lobe Gottes. Doch Satan will weder ihm noch den Menschen diese Freude gönnen und bequatscht in Gestalt einer Schlange Eva dazu, vom verbotenen Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Der Tropf Adam isst dann auch davon, er will lieber mit ihr sterben, als ohne sie zu leben. Überraschende Wendungen, unbegründete Ereignisse, ein allwissender Allmächtiger, der die Geschehnisse im Nachhinein als seinen Plan ausgibt und ein getriebener Satan, dann tauchen plötzlich die Sünde, Tochter des Satans und das Resultat ihres Inzests, der Tod, auf - alles nur Staffage für den Autor, eine Geschichte neu zu erzählen, eine Geschichte, die bereits recht gut bekannt war? Zu welchem Sinn und Zweck? Und warum in ungereimten Blankversen? Darüber darf gerätselt werden. Eine ziemlich haarsträubende Geschichte, in der die Moral als Enkelin der Sünde, wie Milton es vielleicht ausdrücken würde, reüssiert, statt als die Errungenschaft menschlicher Gemeinschaften, den Umgang miteinander zu regeln. Doch gab es schon vorher die Moral, die Moral Gottes, deren Sinn die Unterwerfung war. Eva und Adam haben ein Verbot übertreten, und sie schämen sich dafür, unterstehen also noch dieser autokratischen Moral. Aus Sicht des Herrschers jedoch ist die Tat entscheidend, irreversibel und äußerst ungelegen, brechen ihm doch schon wieder Gefolgschaften weg. Anrührend die Hilflosigkeit der Menschen, wenn sie merken, dass diese Geschichte eine Nummer zu groß für sie ist und sie nur diejenigen sind, auf deren Rücken der Kampf um die Weltherrschaft ausgetragen wird. Ergreifend das Lamento Adams, als er beginnt zu erahnen, was der Tod bedeutet. Jedenfalls für mich, denn meine Großmutter ist gestorben, Oma Mücke, eine herzensgute Frau, deren ich hier gedenke.

… … …

Wir nähern uns langsam dem Ende der Geschichte. Adam gibt die Parole aus, die ganze Welt zu bevölkern mit seinem Menschengeschlecht, das in Demut und Hingabe Gott dient und verehrt, um so dereinst der Gnade Gottes wieder teilhaftig zu werden. An solchen Stellen wird deutlich, wie kompliziert das Christentum eigentlich ist. Aber auch, wie viele Äonen entfernt die Gefühls- und Gedankenwelt der Menschen vor 350 Jahren ist, und doch, wie nah manchmal. Gott findet Adams Idee gut, verbannt die beiden Menschen aber dennoch aus dem Paradies. Der Erzengel Michael tröstet mit der Aussicht auf weitere wunderbare Geschichten. Er gibt eine Vorschau auf die Sintflut, den Turmbau zu Babel, die Plagen und den Auszug aus Ägypten, die Bundeslade, König David, auf Jesus, der Tod und Sünde besiegt, und auf den Heiligen Geist, der den Menschen beisteht. Adam gefällts, denn es gibt ein happy end. Dann führt Michael Adam und Eva aus dem Paradies, und da sind wir nun.

Über die Menschen: „God made thee perfect, not immutable”
Über Satan: “one who brings a mind not to be changed by place or time”
Adam über Eva: “Oh why did God,
Creator wise, that peopled highest heaven
With spirits masculine, create at last
This novelty on earth, this fair defect
Of nature, …”
Eva zu Adam: “I beg, and clasp thy knees; bereave me not
Whereon I live, thy gentle looks, thy aid,
Thy counsel in this uttermost distress,
My only strength and stay: forlorn of thee,
Whither shall I betake me, where subsist?”
Adam zu Michael, dem Hardliner (”tyranny must be,
Though to the tyrant thereby no excuse”):
“Henceforth I learn, that to obey is best,
And love with fear the only God, to walk
As in presence, ever to observe
His providence, and on him sole depend”
Worauf Michael: “This having learned, thou hast attained the sum
Of wisdom” und “shalt possess
A paradise within thee, happier far.”

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Roberto Bolaño, 2666

Wednesday, 14. April 2010 23:16

(Erschienen 2004, Übersetzung von Christian Hansen)

Langstreckler, aufgemerkt! 1085 Seiten und keine davon langweilig, wie viele Bücher solchen Kalibers fallen Euch auf Anhieb ein?!!
Eine Fülle von Geschichten, eine Materialfülle, deren sich die Menschen kaum erwehren können, und Horrorgeschichten von Menschen, die zu Material gemacht werden. Der Eindruck, der bleibt, ist der eines Lebens am Abgrund, dazu ein Einblick in Höllenschlünde, wie sie sich mancherorts aufgetan haben. Ein Tag im Leben des Planeten.

Der Teil der Kritiker: Vier Germanistikprofessoren, eine Britin, ein Spanier, ein Franzose und ein Italiener, lernen sich über das gemeinsame Interesse an dem geheimnisumwitterten deutschen Schriftsteller Benno von Archimboldi kennen und wechselweise lieben. Archimboldis letzte Spur führt nach Santa Teresa, Mexiko.

Der Teil von Amalfitano: Der exilchilenische Professor für Philosophie in Santa Teresa ringt um seine geistige Gesundheit und hängt ein Geometriebuch auf die Wäscheleine im Garten.

Der Teil von Fate: Der schwarze New Yorker Kulturredakteur wird als Vertretung zur Berichterstattung über einen mexikanisch/us-amerikanischen Boxkampf nach Santa Teresa entsendet. Er verliebt sich in die Tochter des chilenischen Professors und sie geht mit ihm in die USA. Der Professor drängt sie zur Flucht.

Der Teil von den Verbrechen widmet sich hauptsächlich der Schilderung grauenhafter Leichenfunde in Santa Teresa, die in die Hunderte gehen, allesamt Mädchen und Frauen. Quälend, es hört einfach nicht auf. Eine Chronik und Würdigung der Opfer. (Realiter geht das Morden weiter.)

Der Teil von Archimboldi: Benno von Archimboldis Lebensweg von seiner Geburt 1920 bis zu seiner Reise nach Santa Teresa. Auch Deutschland war ein Höllenschlund.

Natürlich ist es inadäquat, dieses grandios erzählte, umfassende Werk in einigen wenigen Sätzen zusammenfassen zu wollen. „2666″ bietet die Teilhabe an den Leben unzähliger Menschen, erzählt aus einer Haltung auf der Höhe der Zeit, nämlich derjenigen der normativen Gleichheit aller Menschen. Aus dieser Perspektive sind (nicht scheinen) die Lebensumstände von Menschen in weiten Teilen der Welt in Vergangenheit und jüngster Gegenwart hundserbärmlich und die moralische Verworfenheit bodenlos.
Und dennoch: „Lesen ist die Lust und Freude, am Leben zu sein, die Traurigkeit, am Leben zu sein, und vor allem Fragen und Erkenntnis.” Also los…

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Werner Bräunig, Rummelplatz

Thursday, 29. October 2009 13:11

(Geschrieben 1965, erschienen 2007)

Dieser Roman ist ein Kaleidoskop der Nachkriegsgesellschaft, in der die Menschen sich mit ihrer kommunistischen, sozialdemokratischen, bürgerlichen, gar Nazi-Vergangenheit in den noch offenen gesellschaftlichen Strukturen der DDR vier Jahre nach Kriegsende zurechtfinden, behaupten und positionieren müssen. Offene Strukturen auch im wörtlichen Sinne, man reiste zwischen den Besatzungszonen.

Aber dann bricht der sozialistische Realismus aus, trocken nach dem Lehrbuch, dafür mit heiler sozialistischer Gefühlswelt; realitätsbesoffen in schwärmerischer Liebe zu den Maschinen, die richtigen Arbeitern quasi genetisch zufällt, und vorauseilend affirmativ auf Schund- und Schmusekurs mit der erst noch zu erschaffenden sozialistischen Realität.
Andere Personen jedoch empfinden die frühen Jahre anders, fühlen sich unbehaust, einsam, verloren. Auch ihnen wird breiter Raum gegeben, ihr Seelenleben wird ebenfalls ausgebreitet, nachvollziehbar, ohne zu denunzieren.

Ich kenne keinen anderen Roman, der die frühen Jahre der DDR so ergebnisoffen und spannend diskutiert. Da formiert sich die bürokratische Sturheit und wird zur materiellen Vopo-Gewalt, die die Massen bei einem Volksfest ergreift und niederknüppelt. Doch man bekommt eine Ahnung davon, wie es war, als dieser Kampf noch nicht entschieden war. Als die Grenzen noch offen waren, die Gehirne beweglich und die Gesellschaft gestaltbar.

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Juan Carlos Onetti, Der Schacht

Sunday, 6. September 2009 12:06

(Erschienen 1939, Übersetzung von Jürgen Dormagen)

Ein kurzes Buch, Roman genannt, aber eher eine Erzählung. Verdichtet, konzentriert, komplex. Der Ich-Erzähler, ein unbekannter Schriftsteller, erzählt die Nacht zu seinem 40. Geburtstag: von seiner Verzeiflung an der Welt, an den Menschen, insbesondere den Frauen, seinem Lebensekel. “Ich würde gerne die Geschichte einer Seele niederschreiben, von ihr allein, ohne die Ereignisse, auf die sie sich einlassen musste, ob sie wollte oder nicht.”
Schon als Junge hatte er “mit niemandem etwas zu schaffen”. Er denkt sich “Sachen” aus, “irgendetwas Ungewöhnliches”, “Abenteuer”, die der “Welt der Tatsachen” gegenüber stehen. “Denn die Tatsachen sind immer leer, sie sind die Gefäße, die die Form des Gefühls annehmen, das sie ausfüllt.”
Er erzählt, wie die beiden Menschen, denen er zwei seiner Abenteuer anvertraut, mit Unverständnis und Misstrauen reagieren. Er erzählt das Abenteuer von der Blockhütte, “weil es mich zwingt, ein Vorspiel zu erzählen, etwas, das sich vor etwa vierzig Jahren in der Welt der Tatsachen ereignet hat. (…) Ich weiß nicht, ob ich fünfzehn oder sechzehn Jahre alt war…” Damals tat er einem 18-jährigen Mädchen sexuelle Gewalt an, sie stirbt ein halbes Jahr später unter ungeklärten Umständen und besucht ihn seitdem in seiner Traum(a)-Blockhütte. “Was ich fühle, wenn ich die nackte Frau auf dem Lager betrachte, lässt sich nicht sagen, kann ich nicht sagen, ich kenne die Wörter nicht. Dies - was ich fühle - ist das wahre Abenteuer.”
Er beklagt die “absurde Gewohnheit, dass man Personen mehr Bedeutung beimisst als Gefühlen. Ich finde keinen anderen Ausdruck. Ich will sagen: mehr Bedeutung dem Instrument als der Musik.” Er exemplifiziert diese Vorstellung anhand der Liebe: “Wie ein Kind war die Liebe aus uns hervorgegangen. Wir nährten sie, aber sie hatte ihr eigenes Leben. (…) Die Liebe ist etwas zu Wunderbares, als dass man sich beim Schicksal zweier Personen aufhalten könnte, deren einziges Verdienst es war, sie zu besitzen, auf unerklärliche Weise. Was mit Don Eladio Linacero und Dona Cecilia Huerta de Linacero geschehen mag, interessiert mich nicht… Um die Liebe ging es, und die war bereits beendet…”
Tragischerweise geht die Liebe aber nun mal nicht ohne Personen, und auch die anderen Dinge misslingen: Man kann nicht “die Geschichte einer Seele niederschreiben, von ihr allein, ohne die Ereignisse, auf die sie sich einlassen musste”, man kann die Liebe nicht ohne Personen beschreiben, genauso wenig, wie man “Gefühle” ohne Wörter beschreiben kann (oder sonst irgendetwas, haha). Sowohl der Ich-Erzähler als auch der Autor reflektieren jedoch auch dieses Scheitern an der Realität. “Ich lächle in Frieden, öffne den Mund, lasse die Zähne aufeinander klappen und beiße sanft die Nacht. Alles ist vergeblich, und man muss wenigstens den Mut haben, keine Vorwände zu gebrauchen.”
Was bleibt, ist “eine milde Gleichgültigkeit gegenüber allem”, “alles ganz egal”. Trost spenden nur Freundschaft, Abenteuer, das/die Schöne und - ausgerechnet - die Hoffnung auf Liebe: “…ich mag es nicht akzeptieren (dass er sich nie mehr verlieben werde, Anm. d. A.), weil mir scheint, dass ich sonst jegliche Begeisterung verlieren würde, dass die vage Hoffnung, mich zu verlieben, mir etwas Vertrauen ins Leben gibt. Ich habe nichts anderes mehr zu hoffen.”

Erstaunlich viel könnte noch zu diesem kleinen Büchlein geschrieben werden. Darum die Empfehlung: selber lesen. Zur Einstimmung noch einige Zitate:
“Was für eine Realitätskraft haben doch die Gedanken von Leuten, die wenig denken und die vor allem nicht faseln. Zuweilen sagen sie “Guten Tag”, aber auf was für eine intelligente Art.”
“Wir redeten stundenlang, in diesem Zustand überschwänglichen und dennoch sanften Glücks, den nur die Freundschaft gibt und der unmerklich bewirkt, dass zwei Personen Wege durchs Dickicht bahnen und sich hindurchwinden, um zusammenkommen zu können und es mit einem Lächeln zu feiern.”
“Der Himmel ist fahl und ruhig, wacht über Berge von Dunkelheit im Hof. Ein kurzer Laut, wie ein Schnalzen, lässt mich nach oben sehen. Ich bin sicher, eine Falte genau an der Stelle entdecken zu können, wo eine Schwalbe geschrien hat. (…) Dies ist die Nacht. Ich bin ein einsamer Mann, der an einem beliebigen Ort der Stadt raucht; die Nacht umgibt mich, erfüllt sich wie ein Ritus, stufenweise, und ich habe nichts mit ihr zu schaffen. Nur eben für Augenblicke kommt das Pochen meines Blutes an den Schläfen in einen Takt mit dem Puls der Nacht.”

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Siri Hustvedt, Die Leiden eines Amerikaners

Friday, 27. March 2009 0:12

(Erschienen 2008)

Das Personal:
Psychoanalytiker, Philosophin, Geschichtsprofessor, Literaturprofessor, Künstler, Schriftsteller, Medizinhistoriker

Die Themen:
Neurologische Störungen, Traumata, Verluste und Verlustängste, (Alb-)Träume, Minderwertigkeitsgefühle, 9/11, psychische und physische Verletzungen, Ich-Schwäche, Sehnsucht nach Liebe und Intimität, Einsamkeit, Bindungsängste, Geltungsdrang, Konditionierung, Väter, Familie, Herkunft, dunkle Geheimnisse, Verstrickungen, Depression, Erlösung.

Kein Thema:
Geld.

Armut wird nur in den Aufzeichnungen des verstorbenen Vaters, des Geschichtsprofessors, über seine Kindheit thematisiert. In der dritten Generation ist die norwegische Immigrantenfamilie etabliert, der Ich-Erzähler, Mediziner und Psychoanalytiker, und seine Schwester, Philosophin, leben und arbeiten in New York City.
Sind die Leiden auch nicht mehr finanzieller, existenzieller Natur, so werden sie doch als kaum weniger quälend erfahren. Die Familiengeschichte wird nicht empfunden als Erfolgsgeschichte, als ein gelungener Aufstieg, sondern als Kontinuum psychischer Leiden. “Three men of three generations together in a house that was going to pieces, a house I had inherited, a house that shuddered and shook like my sobbing niece and my own besieged body, inner cataclysms I associated with two men who were no longer alive. My grandfather shouts in his sleep. My father shoves his fist through the ceiling. I quake.”
Das Thema, das hier im Kontext dreier Generationen dargestellt wird, ist die Selbstvergewisserung, die Evaluierung der Beschädigungen, die die große Depression in den 30ern, der Zweite Weltkrieg, 9/11 und der Irak-Krieg, aber auch Tod, Scheidung und enttäuschtes Liebesverlangen hervorgerufen haben. “I think we all have ghosts inside us, and it’s better when they speak than when they don’t.”
Der zentrale Wunsch, gesehen = wahrgenommen zu werden, bedingt die stetige Reflexion über sich selbst. Heraus kommt als Gewissheit die Fragilität der Persönlichkeit, die sich unter den Bedingungen einer diffusen Atmosphäre der Bedrohung und des Verfolgtseins erst selbst begründen und befreien muss. “It’s as if I’m looking for something,” I said, “but I don’t know what it is. Something that will release me.” “From the depression”, she said. I looked at her. “And the guilt and the black moods when the sun disappears for days, and from your father who refuses to die.” (”Depression” hier als schönes Beispiel für die Internalisierung äußerer Vorgänge in innere Befindlichkeiten.)

Die Sprache:
Eloquent, sehr geschmeidig. Liest sich außerordentlich gut.

Die Struktur:
Spannungsbögen werden aufgebaut, die im Leser Erwartungen wecken, die nicht enttäuscht, aber anders als erwartet aufgelöst werden. Überraschende Wendungen treiben parallele Handlungsstränge voran, die auf mehreren zeitlichen Ebenen spielen. “…we make our narratives, and those created stories can’t be separated from the culture in which we live. There are times, however, when fantasy, delusion, or outright lies parade as autobiography, and it’s necessary to make some nominal distinction between fact and fiction.”

Empfehlung: Lesen.

“I was in bad shape back then. I’m clean now. I … I found myself.” “Whatever that means,” Sonia said abruptly. “I hear that all the time. You’d think there were selves lying all over the place just waiting to be picked up.”

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Christian Kracht, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

Saturday, 28. February 2009 21:40

(Erschienen 2008)

Was für ein Buch! Schon lange wollte ich auf Friedrich Dürrenmatts „Winterkrieg in Tibet“ (in „Labyrinth / Turmbau“) hinweisen, und nun lese ich einen Roman, der dessen Atmosphäre und auch einzelne Motive nachempfindet. Beide spielen in einer unbestimmten, aber nahen Zukunft, in der seit undenklichen Zeiten ein gnadenloser Krieg wütet. Beide haben einen Ich-Erzähler, bei Kracht erzählt dieser zudem in der Vergangenheitsform, also die Zukunft als Vergangenheit. Aber halt, das stimmt ja gar nicht: Genau genommen, spielt Krachts Roman in der Gegenwart – allerdings in einer anderen. (Noch ein Verweis: Gleiches bietet, auf ganz verschiedene Art und Weise, Christoph Ransmayrs Roman „Morbus Kitahara“. Darin wird ein Deutschland nach einem verlorenen großen Krieg beschrieben, das von den Siegern zu einem reinen Agrarstaat zurück „entwickelt“ wurde; also die Umsetzung des Morgenthau-Plans.)
Bei Kracht ist Lenin nicht 1917 aus der Schweiz nach Russland zurückgekehrt, sondern hat gleich dort zusammen mit Trotzki und Grimm die Revolution erfolgreich angeführt und die SSR (Schweizerische Sowjetrepubliken) gegründet. Seitdem stehen die SSR und ihre Alliierten in einem endlosen Krieg mit den faschistischen Deutschen und den Engländern, die Rolle der hindustanischen Armeen in dieser Auseinandersetzung bleibt undurchsichtig.
Der Ich-Erzähler ist Politkommissär, der den Auftrag hat, einen Oberst zu verhaften, der aus dem gerade zurück eroberten Bern in die Schweizer Alpenfestung geflohen ist. Die Alpen sind im Laufe dieses kriegerischen Jahrhunderts mit Tunneln durchzogen und zu einer gigantischen, uneinnehmbaren Festung ausgebaut worden, die unzähligen Truppen Schutz und Sicherheit bieten.
Erst nach einem Drittel des Romans (das ist auf Seite 54, denn Kracht komprimiert seinen Wurf einer Alternativwelt auf gerade mal 149 Seiten - ein Meister weniger Worte) werden die scheuen, abschätzigen, ablehnenden Reaktionen auf die Anwesenheit des Politkommissärs erklärt: „Ich wurde in einem kleinen Dorf in Nyasaland geboren, am Fuße der Zomba- und Mulanje-Berge, vierzig Werst von der Grenze zu Mozambique entfernt.“ Der Krieg tobt auch in Afrika, und die Schweizer tragen die Revolution auch dorthin. Und „als endlich nie gekannte Gleichheit herrschte, begannen die Schweizer mit dem Bau der Militärakademien, um die Afrikaner zu Soldaten zu machen und damit den gerechten Krieg, der in der Heimat wütete, endlich zu gewinnen.“ Der Ich-Erzähler wird zum Offizier und Politkommissär ausgebildet, wird Teil „des brüderlichen Ringens des Schweizer Sowjetmenschen um eine gerechte Welt, frei von Rassenhass und Ausbeutung.“ – „Wir waren Schweizer.“ Allein diese Konstellation ist atemberaubend: Da reitet und stapft ein schwarzafrikanischer Politkommissär der Schweizerischen Sowjetrepubliken durch den glitzernden Schnee der Schweizer Alpen, erinnert sich an die afrikanische Sonne, seine Familie, den uralten Heiler im Dorf und ist aber einer der Wenigen auf Seiten der SSR, die noch lesen und schreiben. Doch wird nicht viel Aufhebens darum gemacht, in einer knappen, fast lakonischen, durchgearbeitet schönen Sprache werden diese Rahmenbedingungen nur zum De-facto-Hintergrund einer ebenso abenteuerlichen Reise, die nach einem bizarren Showdown mit dem Oberst zur Entzauberung der Revolution und zur Rückkehr des Protagonisten nach Afrika führt. „Ich war wieder ein Chiwa.“
Es gibt etliche Seltsamkeiten in dieser Gegen-Realität, die nicht weiter ausgeführt, geschweige denn erklärt werden: Es gibt jene schwebenden „kleinen eisernen Sonden“ mit einem „schrecklich blauen, sirrenden, ewig summenden Auge“, deren Sinn und Funktionsweise offen bleiben. Nachdem allerdings eine aus der Luft geschlagen wurde, „stellte sich eine gewisse Nervosität ein, eine Veränderung in der Molekularstruktur der Umgebung, ein Zittern in den Büschen am Wegesrand.“ Weitere Beispiele: „Neben ihrer Achselhöhle war eine Steckdose in die Haut eingelassen, wie die Schnauze eines Schweins.“ - „Mein Herz lag nicht wie bei anderen Menschen auf der linken Seite des Körpers im Brustkorb verborgen, sondern auf der rechten Seite.“ - Die Rauchsprache, „unsere neue Kommunikationsform ist eine Leistung des menschlichen Willens.“ „Nun, wir beginnen, das Gedachte zu sprechen und in den Raum zu stellen. Dann können wir das Gesprochene betrachten, um es herumgehen, es schließlich bewegen. Da es vorhanden ist, können wir es bewegen. Und schlussendlich können wir es senden und empfangen.“ Diese lautlose Sprache kann aber auch als „Schall-Umklammerung“ eingesetzt werden, die anderen telekinetisch einen fremden Willen aufzwingt. „Nun, der Krieg verändert uns, nicht nur körperlich und mental, einzeln, sondern als Ganzes, als Einheit.“ - „Meine Augen, sie waren nun vollständig blau geworden, nein, ultramarin; sowohl die Iris und die Pupille als auch die Netzhaut.“ Evolution, Mutation oder schlicht Wahnsinn? Kracht gelingt das Kunststück, in diesem knappen Büchlein präzise Sprache mit überbordender Fantasie zu vereinen. Ein faszinierender Roman.

Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler

Ricarda Huch, Michael Unger

Tuesday, 6. January 2009 22:14

(Erschienen 1903 unter dem Titel „Vita somnium breve“, Das Leben ein kurzer Traum)

Michael Unger, der designierte Nachfolger des väterlichen Handelskontors, ist bereits verheiratet und Vater, als er erkennt, „dass der Kreis, in den er hineingeboren war, nicht die Welt, nicht das Schicksal, sondern etwas Zufälliges und Unvollkommenes war, und dass jenseits erst das Leben mit seinen Höhen und seinen Wundern begann, das Gefilde sich breitete, wo Seelen sich entfalten und reifen.“ Dort will er hin und verlässt Firma, Frau und Kind, um eigentlich Medizin, tatsächlich aber alles Mögliche zu studieren und sich in Studentenzirkeln zu verausgaben. „Hier plötzlich abzubrechen, schien ihm unmöglich und auch unrecht, ja für wahnsinnig hätte er sich gehalten, wenn er, nur um einen anständigen Beruf zu haben, die mit ernster Mühe gesammelten Mittel wegwerfen wollte, die ihm einen Einblick in das Wesentliche, in das Wesen der Erde, des Lebens verschaffen konnten.“
Die Studentenzeit gerät zu lang und zu wirr, auch im Roman selber. Beim Lesen habe ich eine Passage sogar übersprungen, weil dort höchst abstruse Gedankengebilde ausgearbeitet werden, deren fehlende Substanz auch durch den missionarischen Eifer ihrer Fürsprecher nicht wettzumachen ist.
Nach Abschluss des Studiums „wählte Michael einen kleinen Ort am Adriatischen Meere, um seine Arbeit über Meerestiere zu machen.“ Er hat sich einen Namen erarbeitet und ein Angebot für einen langfristigen Forschungsaufenthalt in Südamerika bekommen. „Er zweifelte nicht einen Augenblick, ob er annehmen sollte; wenn je die unbekannte Gottheit ihm ein Zeichen geben wollte, wohin er sich wenden sollte, so war es durch diese wunderbare Verkettung von Umständen geschehen, die ihm in den Schoß fallen ließ, wonach hundert andere mit aller Anstrengung vergebens strebten.“
Der Ausbruch Michael Ungers aus dem vorgezeichneten Lebensweg wird komplementiert durch den langjährigen Ehebruch mit Rose, einer Künstlerin, die die Liebe seines Lebens ist. Doch nun stirbt der Vater und es wird klar, dass Michaels jüngerer Bruder, dem er seinerzeit die Geschäfte der Firma aufgezwungen hatte, diese heruntergewirtschaftet hat. Michael, der immer zwischen der Liebe zu Rose und der Liebe zu seinem Sohn Mario hin und her gezerrt wurde, entscheidet sich für das Kind. Sein gescheiterter Bruder begeht Selbstmord, Michael rettet die Firma und sorgt für die (Patchwork-) Familie. Anfangs nur widerwillig: „Ich würde den Tod dem Leben, das ich jetzt vor mir habe, vorziehen.“ Dennoch ist er „nach angestrengter Tätigkeit etwa eines Jahres“ erfolgreich und geht schließlich „doch froh und in Zuversicht auf seiner Bahn wie einer, den unsichtbare Götter führen.“

Das ist ein nur sehr grober Überblick über die Geschichte Michael Ungers, die über 500 Seiten ausgebreitet wird. Die Hälfte hätte es auch getan, der erkenntnistheoretische Firlefanz des Mittelteils würde auch im Roman nicht vermisst werden, liegen doch die Stärken desselben in der Schilderung der Personen, deren Verhalten und Handlungen schlüssig hergeleitet werden, die aber dennoch nicht vorhersehbar sind. Daraus ergeben sich brillante Dialoge und überraschende Wendungen, die die Fragilität des Geflechts des menschlichen Lebens spürbar machen, um die es dem Roman zu tun ist. Unter der Oberfläche jedoch wirkt Gott, das Göttliche oder die Götter. Das ist nicht der institutionalisierte Gott der Kirche, wie die kritische und teils abschätzige Schilderung der Bekehrung von Michael Ungers Frau zum Katholizismus zeigt, sondern so etwas wie das göttliche Prinzip, das in den Menschen waltet. Allerdings nicht in allen. Was eine Studienfreundin über Rose sagt, gilt auch für Michael: „Und das ist, …weil sie wirklich immer eine Auserwählte war; denn es gibt eine Gnadenwahl, wenigstens für uns, denen die Wege Gottes dunkel bleiben. Ich habe meine Hände wund gerungen nach Gott, während andere ihn im Herzen tragen und wissen es nicht einmal. Einige haben einen Stern auf der Stirn, der durch Leiden und Schmutz und Tod leuchtet, anderen hilft nicht Mühe, nicht Kampf, nicht Glück, nicht Tugend, weil sie verdammt sind.“
Fragt sich, wie sich dieses Auserwähltsein offenbart. Michael ist nicht gefeit gegen Selbstzweifel und psychisches Leid, seine Handlungen sind oft nicht gerade vorbildlich, und auch dem Wink der Gottheit nach Südamerika folgt er nicht (was folgenlos bleibt). Er leistet sich jahrelangen Ehebruch und Trennung von der Familie. Wenn sein Bruder allerdings das Gleiche tut, so ist dies niedrig, gemein und verwerflich. Hieraus spricht eine Selbstüberhöhung, eine durchaus elitäre Überheblichkeit, die sich herleitet von dem Bewusstsein des göttlichen Funkens in ihm.
Dabei ist Michael durchaus nicht zimperlich:
Bei der Trennung von seiner Frau: „In wilder Angst vor der Erstarrung, die sie überwältigen wollte, stürzte sich ihr haltloses Erschrecken, ihre Entrüstung und Verzweiflung in zusammenhanglosen Worten von ihren Lippen. Sie sagte ihm, dass sie ihn in diesem Augenblicke glühender hasste, als sie ihn je geliebt hätte; dass er sie hintergangen hätte wie ein feiger, meuchlerischer Verräter, und suchte nach den ärgsten Beschimpfungen, damit er nichts von der bitterlichen Sehnsucht ahnte, die ihr zum Trotz nach ihm schrie. Er hörte ohne Bewegung und ganz ohne Mitleid zu.“
Nachdem ihm sein Bruder gestanden hat, dass er die Zukunft der Firma durch Spekulationsgeschäfte verspielt hat, sein Name ruiniert sei und er keinen Ausweg wisse, als sich umzubringen: „Michael empfand, nachdem sein Bruder die Geschichte erzählt hatte, kein Bedauern, nicht das leiseste Mitgefühl mit dem leichtfertigen Menschen, der aus nichtswürdiger Eitelkeit und Gewissenlosigkeit sich und die Seinigen ins Elend stürzte. „Und warum lebst du noch?“ fragte er hart; „kannst du dich zu der einzigen unter der langen Reihe deiner gewissenlosen Handlungen nicht aufschwingen, die Mut erfordert?“
Der langjährigen Geliebten seines Bruders und Mutter von dessen Kindern droht er gar: „Wenn Sie mir nicht augenblicklich schwören, dass Sie keine von den Damen, weder meine Mutter noch meine Schwägerin, jemals, weder im Hause noch auf der Straße belästigen wollen, so erwürge ich Sie hier auf der Stelle. (…) Vielleicht hat mein Bruder Ihnen gesagt, dass ich keine Schonung für Gegner habe und niemanden frage, ob das erlaubt ist, was ich tun will, und wenn er sie nicht gewarnt hat, tue ich es.“

Hierhin passen die Anspielungen an den Erzengel Michael, den Fürsten der himmlischen Heerscharen und Seelenrichter. Rose ergänzt auch hier als „Kind der Erde“ Michaels unbedingte Sehnsucht nach Erkenntnis, und ihre Liebe ist die Geschichte des Zusammentreffens von Himmel und Erde, das aufgrund der Ordnung der irdischen Dinge, wie sie nun einmal ist, nur vorübergehend sein kann. Aufgrund dieser Einsicht kann Michael Unger zum Schluss „doch froh und in Zuversicht“ seine Bahn ziehen, obwohl sein Ausbruch, oberflächlich betrachtet, doch wieder endet auf „der kümmerlichen mechanischen Bühne …, die Menschen aufgestellt und für das Leben ausgegeben hatten. Dort deklamierte jeder sein ödes Tagwerk in langen Jammerversen, und schläfrige Furien, Langeweile und Missmut und Entkräftung, schlichen auf Socken hinter ihm her.“ Michael Unger jedoch hat in sich das Göttliche in den profanen Alltag hereingeholt, so dass das tägliche Tagwerk zum Gottesdienst wird. „O Leben, o Schönheit, o Leben, o Schönheit! (…) einst hatte er auch in dem Rauschen (der Bäume) die Sehnsucht und die Klage, das Schluchzen und Jauchzen und alle Verheißungen des Herzens gehört; jetzt hörte er die tränenlosen Weihgesänge.“ Er „war erwacht“, desillusioniert und gealtert zwar, aber im Bewusstsein, ein reicheres, bedeutungsvolleres Leben zu führen, als seine bürgerliche Existenz erahnen lässt.
Auch Rose bringt es schließlich zur verheirateten Frau und Mutter, die „in ihrer überschwänglichen Liebe für die Kinder alles andere, was (geschah), nur wie in einem schwachen Traum erlebte.“

Ein harter Brocken, triefend von Bedeutung und Erkenntnisdrang, erkenntnistheoretisch trotz allem Gepränge eher dürftig. Aber mit wunderbarer Beobachtungsgabe geschrieben; etwa, wenn Michael Unger erkennt, dass sein Vater alt wird, und er Jahre später am Blick seines Sohnes erkennen muss, dass dieser dasselbe über ihn entdeckt hat. Und mit einer Sprache, die die vielen Zitate in dieser Besprechung verzeihen lassen möge.

Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler

Jakob Wassermann

Friday, 31. October 2008 23:18

(10.3.1873 – 1.1.1934)

Zieh ich doch aus einem Krabbeltisch den Erzählungsband „Donna Johanna von Castilien“ heraus, weil ich von dem Autor Jakob Wassermann mal was gehört habe. Und weil ich mal wieder Lust auf historische Erzählungen habe. Und werde gut bedient. Ich lese die anfangs etwas verquaste, dann packende Geschichte von orgiastischen Zuständen, Endzeitängsten, Wehklagen und Jauchzen, die die Nachricht von der Ankunft des Messias im fernen Smyrna (Izmir) bei den Juden in der Umgebung von Fürth kurz nach dem 30jährigen Krieg auslöste. Und diesen „Sabbatai Zewi“ gab es wirklich. Dann folgt die Geschichte der Donna Johanna. Die ließ ihren Gatten ermorden, dann packte sie die Reue, sie ließ ihn wieder ausbuddeln und tourte mit ihm durch die Lande. Um ihm wieder auf die Sprünge zu helfen, ließ sie ihm ein Uhrwerk an die Stelle des Herzens einsetzen. Auch sie gab es, die „Johanna die Wahnsinnige“. Dann geht es ab nach Übersee in der Geschichte von „Geronimo de Aguilar“, der die Azteken vor Cortez entdeckte, zwischen die Fronten geriet und spurlos verschwand. „Sturreganz“ wiederum zeichnet die Zeit Ansbachs unter dem Markgrafen Alexander von Ansbach und Bayreuth nach, „einem von seiner göttlichen Erwähltheit und seinen geheiligten Machtbefugnissen durchdrungenen Dynasten“, der wegen seiner chronischen Finanzknappheit den Einflüsterungen eines schleimigen Höflings nachkommt und wehrtüchtige Männer von den Straßen und aus den Häusern wegfangen lässt, um sie als Söldner an die Engländer zu verkaufen, die sie gegen die für ihre Unabhängigkeit kämpfenden amerikanischen Kolonien einsetzen. „Der Aufruhr um den Junker Ernst“ erzählt von einer wundersamen Gefangenenbefreiung in Würzburg zur Zeit, da der Bischof Philipp Adolph und sein jesuitischer Beichtvater die Stadt mit dem Terror der Inquisition überziehen…
Dies alles kommt selbstbewusst daher in einer ausgewogenen, überzeugenden Mischung aus Fakt und Fiktion, geschrieben in einer selbst bisweilen altertümlich anmutenden, aber sehr ausgeformten Sprache, die sich auch vor großen Worten nicht scheut und aus einem schier unerschöpflichen Fundus Geschichten von Menschen erzählt, erzählt, erzählt. Bestens zum (Vor-) Lesen an langen Winterabenden geeignet. Diese Geschichten suchen ein Ohr. Der nächste Band von Wassermann liegt schon bereit: „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“. Genau, der.

Thema: Stöbern | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler

Joseph Conrad, Der Geheimagent

Friday, 12. September 2008 18:15

(Erschienen 1907)

Die Conrad‘sche Charakterisierung von Anarchisten, Revolutionären und dergleichen „Gestalten” als träge, bequeme, realitätsferne und realitätsfeindliche Personen befremdet. Sie seien nur zu träge oder zu versponnen, um sich in dieser Welt durchzusetzen, die er von archaischen Motiven durchtränkt sieht: Kampf und Verrat, Männer und Frauen, Liebe und Eigennutz. Doch eins muss man ihm lassen: Er macht sich die Mühe des Begriffs. Mir ist eine Passage besonders aufgefallen, in der die Frau des Geheimagenten in dem dunklen Laden sitzt, die Hände vor den Kopf haltend: „In that shop of shady wares fitted with deal shelves painted a dull brown, which seemed to devour the sheen of the light, the gold circlet of the wedding ring on Mrs Verloc’s left hand glittered exceedingly with the untarnished glory of a piece from some splendid treasure of jewels, dropped in a dustbin.”

Abgesehen von dem genialen Haken am Schluss des Satzes, musste ich an die unsägliche Vergleicherei denken, die um sich gegriffen hat, und dass sich hier die schriftstellerische Qualität von Conrad zeigt. Der Großteil der zeitgenössischen Autoren würde schreiben: „glittered exceedingly like a piece from some splendid treasure of jewels”, offen lassend, was sie damit meinen (Kostbarkeit, Reichtum, Schönheit, Unabhängigkeit, Gerechtigkeit …); einen Schatz wollte schließlich jeder schon mal haben. Conrad aber sagt, was diesen Schatz auszeichnet: „untarnished glory”, was ich mit „makellose Pracht” übersetzen würde.

Es gelingt ihm, eine dichte Atmosphäre zu erzeugen, gerade weil er so präzise ist (ganz im Musil’schen Sinne). Das dreckige, feucht-schleimige London atmet im Hintergrund mit, wenn in intensiven, kammerspielartigen Szenen ein Reigen der menschlichen Unzulänglichkeit und Unzugänglichkeit sich dreht und stetig Fahrt aufnimmt bis zum dreifachen bösen Ende.

Tragisch? „Tragisch menschlich” würde Conrad wahrscheinlich sagen.

Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler