Beiträge vom 13. October 2011

Dmitri Bakin, Die Wurzeln des Seins

Thursday, 13. October 2011 23:36

(Erschienen 1996, Übersetzung von Birgit Veit)

Bakin erzählt in diesem dünnen Bändchen sieben verstörende Geschichten aus fernen Leben. Von Menschen, die ihrem Leben und sich selbst ebenso fremd sind, wie sie dem Leser erscheinen. Menschen, die aus dem Nichts kommen: „Mit zwölf Jahren war er in die Siedlung gekommen, sich vom Feld her nähernd, so dass der Fluss links von ihm lag und der Wald rechts…”
Knorrige, archaische Typen werden hier geschildert, die getrieben werden von fixen Ideen, paranoiden und anderen Wahnvorstellungen und die versuchen, es sich mit seltsam eigenbrötlerischen Weltsichten irgendwie einzurichten in einer feindlichen, kargen, gewalttätigen und freudlosen Welt, die sie belagert und zu Fall bringen will, und derer sie sich erwehren müssen, wie das alle immer mussten und immer müssen, schon immer.
„Und da sah sich der Maler Pal vor der Notwendigkeit, einen Menschen zu töten; die Ratlosigkeit, die ihm einen Moment lang zu schaffen machte, weil ihm nicht in den Kopf wollte, jemand könne angesichts seines Messers einen Angriff riskieren, überwand er schnell, da er begriff, dass genau so und nicht anders seit den Zeiten der Entstehung des Lebens ein Mord geschieht…”
Es ist eine befremdende, zeitenlose Welt, in der sich diese Geschichten vollziehen (nicht: ereignen). Die Menschen sind schräg zur Realität ins Leben verkeilt und ins Unheil verstrickt. Psychologisierende Erklärungen sind selten. Das Leben vollzieht sich in schicksalhaften Bahnen: „Alles entscheidet sich von selbst, und je mehr man es bespricht, desto länger bleibt es nicht zu lösen.”
Doch der Schein trügt. Nur scheinbar ist diese archaische Welt kaum berührt von äußerlichen, z. B. staatlichen Gegebenheiten. Die werden zwar nur am Rande erwähnt, sind aber stets präsent. Der zweite Weltkrieg und seine Folgen wirken unmittelbar auf die Lebensbedingungen (deutsche Kriegsgefangene legen Gleise), der Staat ist marode (zahlt seine Obligationen nicht zurück). Armut, Korruption, Willkür und Mangel herrschen allerorten, die Familien sind zerrissen und zerfallen.
„Und nur ein einziges Mal fielen zwischen den beiden Worte; während die Männer die Ziegelsteine abluden, hörten sie, wie der ältere Bruder verächtlich sagte: bring deinen Rüden zur Räson!; da öffnete der jüngere für einen Moment die Schleusen seiner Seele, wo Strudel kalten, reinen, rechtlosen Hasses brodelten, und sagte durch die zusammengepressten Zähne zu ihm: dafür ist er ja da, um zu kläffen, wenn Scheißkerle auf dem Hof rumlungern.” Und es wird sich erweisen, dass der ältere Bruder tatsächlich ein Scheißkerl ist, genauso wie der jüngere eine zum Bersten gefüllte Ladung Hass ist, Unerbittlichkeit mit Unbeugsamkeit verwechselt und deshalb leichtes Opfer einer grausamen Intrige wird.
Selbst die Liebe ist ohne Hoffnung, ein Akt nackter Verzweiflung.
„Sie wappnete sich mit unerschütterlicher Geduld und Hartnäckigkeit…; den Panzer des Todes für einen Eispanzer haltend, bewaffnete sie sich mit einer Art Bohrer, in der Absicht, koste es, was es wolle, sich einen Weg bis zum Herzen durchzubohren, und wenn sie ihm dabei die Rippen brechen müsste. Und ließ sich täuschen - …denn es war zu wenig Zeit verstrichen, als dass sie hätte verstehen und anschließend ein für allemal glauben können, dass es kein Mittel gibt und nie gegeben hat, die dumpfe Stille seines Herzens aufzubrechen.”
Bakin entwirft ein Endzeitszenario namenloser Provinzorte irgendwo im Nichts, unzugänglich und unerreichbar wie seine Bewohner, die sich fühlen „wie am Ende eines Krieges, wenn man nicht mehr die Kraft hat, vom Hass zu leben, und keine Möglichkeit sieht, sich aus der Schwermut zu befreien.”
„…den Kreis ihres Reiches absteckend, bauten sie Flaschen, Ballons, Eimer und Kanister mit Selbstgebranntem um sich herum auf und tauchten in die schweren Wellen der Trunkenheit, auf der Suche nach einer Antwort in der festen Überzeugung einschlafend: alles, was man träumt, muss man bedingungslos glauben, denn die Wirklichkeit ist nur die halbe Wahrheit, die andere Hälfte der Wahrheit aber können die Menschen allein im Traum suchen.”
Vielleicht beschreibt Bakin die nachhaltig desolaten Folgen des kollektiven Traumas nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, das sich tief in die Herzen und Seelen der Menschen gegraben hat.
„Für den Fall, dass sie die Terrasse erobern würden, stellte er im Zimmer gegenüber ein leichtes Maschinengewehr auf, das Magazin voll mit kreuzförmig eingeschnittenen Explosivgeschossen mit einem Hohlraum an der Spitze. In jedem Zimmer stellte er leichte Maschinengewehre auf und entsicherte sie, denn später hätte er womöglich keine Zeit dazu. (…) Außerdem malte er an die Zimmerwände gestrichelte Pfeile, den Rückzugsweg, den er einzuschlagen hatte, sollten sie von der Haustür aus angreifen und er den Rückzug vom Flur aus antreten müssen. Die einen wie die anderen Pfeile trafen sich im äußersten Eckzimmer, wo es weder Möbel noch Maschinengewehre gab, da, wo er vor vielen Jahren auf die Welt gekommen war.”
Schwer fassbar sind diese Geschichten, hart und albtraumartig, aber getragen von einer gereiften Prosa, einer ausgearbeiteten Sprache, die, bilderreich und ausdrucksvoll, gar poetische Anklänge enthält. Die resultierende grausame Schönheit der Beschreibung ist es, die die Erzählungen so fesselnd macht. Wobei es den Lesern überlassen bleibt, die Schönheit zu entdecken; den Protagonisten bleibt diese verborgen.
Die Welt ist in diesen Erzählungen auch geheimnisvoll und voller Wunder, aber nicht geordnet magisch, sondern verwunschen und verworren, und nicht „durch die schwarze Blume seines Hirns zu begreifen”.
„… sie sagte: und das ist Kinderhaar; er sagte ihr: von einem siebenjährigen Kind; sie fragte: ist das dein Haar?; er sagte ihr: nein, und sagte dann ruhig: das ist das Haar der IDEE.” Später findet sich im Herzen des Mannes, der das Haar der „IDEE” stets bei sich trägt, eine Bleikugel, ohne irgendein Anzeichen einer Verwundung, also „seit der Geburt, ohne einen Schuss”.
„Und er ging zu dem alten Weib, das am Dorfrand lebte, und fragte: wie und als was soll ich leben? Doch das Hirn des alten Weibes verwandelte sich jeden Herbst in trockenes Eis, ihr Herz schlug einmal pro Tag, die von den Toten vergessene Zunge rührte sich nicht, die Lichtbäche vom Fenster ergossen sich durch die Augennetze in die Seele, und alles außer dem Licht war für diese Augen Unrat. Die Anfang des Jahrhunderts aus Frankreich emigrierte französische Marquise gab wie das am Dorfrand lebende alte Weib im Herbst gleichfalls keine Ratschläge…”

Thema: Lesen | Kommentare (1) | Autor: Randolf Giesler