Beiträge vom August, 2011

Vladimir Nabokov, Fahles Feuer

Friday, 12. August 2011 0:36

(Erschienen 1962)

Einen Jux will er sich machen, der Autor, und das ist ihm auf höchst intelligente und unterhaltsame Weise gelungen.
Anlass dieses literarischen Verwirrspiels ist das 999-Zeilen-Vermächtnis eines berühmten amerikanischen Dichters, sein letztes Werk unmittelbar vor seinem Tod. Im Mittelpunkt steht jedoch schon bald der offensichtlich leicht (?) verwirrte Herausgeber des Werkes, Charles Kinbote, der zunächst im Vorwort die Legitimität seiner Herausgeberschaft gegen die Anfeindungen etablierter Literaturwissenschaftler und der Witwe des Dichters hauptsächlich mit dem Hinweis auf die kurze, doch intensive Freundschaft mit demselben verteidigt.
Nach dem für sich schon sehr lesenswerten autobiografischen Gedicht „Fahles Feuer. Gedicht in vier Gesängen” von John Shade folgt ein ca. sechsmal so langer Kommentar des Herausgebers, in dem er verblüffenderweise eine völlig andere Geschichte erzählt, nämlich die des Königs von Zembla, den eine Revolution zur Flucht ins Ausland und in eine bürgerliche Identität zwang. Dabei versteht Kinbote das Gedicht als chiffrierte literarische Umsetzung seiner eigenen Erzählungen, mit denen er den duldsamen Dichter drangsalierte. In seiner grandiosen Egomanie sieht er sich als Spiritus Rector des Unterfangens, was ihm die Freiheit gibt, unwidersprochen nach Belieben hinein zu interpretieren, was das Zeug hält und hemmungslos zu schwadronieren von Zembla, Königen und Prinzessinnen, Liebe und Verrat, Kunst und Literatur. Es reicht zum Beispiel schon das Wort „oft”, um eine zweiseitige Anmerkung über „the depths of my loneliness and distress” auszulösen, in der Kinbote seine Paranoia schildert. Denn die bösen Revolutionskader haben dem König (= Kinbote!?) einen zwar einfältigen Killer auf die Spur gesetzt, der sich nichtsdestotrotz unaufhörlich nähert und schließlich, so Kinbote, aus Unvermögen statt seiner versehentlich den Dichter John Shade erschießt und diesen daran hindert, die 1000ste Zeile zu beenden. Deren Wortlaut er natürlich kennt und ergänzt. Ebenso wie er sich nicht scheut, aus den nur ihm vorliegenden handschriftlichen Notizen „bessere” Passagen zu zitieren, nicht ohne den großen Dichter ein wenig zu schelten, oder einfach gänzlich andere Dichter heranzuziehen, wenn es ihm in den Kram passt.
Der Index, der die Ausgabe vervollständigt, gibt zwar Zeilennummern des Gedichts an, bezieht sich aber auf die dazugehörigen Kommentare Kinbotes, was dazu führt, dass fast ausschließlich Persönlichkeiten aus der Gegenwart und Vergangenheit von Zembla aufgeführt werden; oder zemblanische Orte von Bedeutung, oder auch ohne, wie „Kobaltana”, zu dem der gewissenhafte Herausgeber immerhin anmerkt, dass es im Text gar nicht vorkommt.
Ein Jux eben, und ein riesiges Lesevergnügen, stilistisch hervorragend, kenntnis- und pointenreich, hintergründig, voller Bonmots, Doppeldeutigkeiten, Rückbezügen und Querverweisen. Literarische Genres werden ebenso gekonnt persifliert wie die Kunst der literarischen Exegese parodiert wird. Menschliche Verschrobenheiten, politische Absurditäten und Kostproben der zemblanischen Sprache werden augenzwinkernd zum Besten gegeben, und selbst für schlichte Albernheiten ist sich Nabokov nicht zu schade. Köstlich. Ein Meisterwerk!

Life is a message scribbled in the dark.
Man’s life as commentary to abstruse
Unfinished poem
. Note for further use.”
Gradus, der Killer, „disliked injustice and deception. (…) Such a dislike should have deserved praise had it not been a by-product of the man’s hopeless stupidity. He called unjust and deceitful everything that surpassed his understanding. (…) Oh, surely, Gradus is active, capable, helpful, often indispensable. At the foot of the scaffold, on a raw and gray morning, it is Gradus who sweeps the night’s powder snow off the narrow steps…”
„’You must help us, Mr Kinbote: I maintain that what’s his name, old - the old man, you know, at the Exton railway station, who thought he was God, and began redirecting the trains, was technically a loony, but John calls him a fellow poet.’ - ‘We all are, in a sense, poets, Madam,’ I replied, and offered a lighted match to my friend…”
„…in fact, the name Zembla is a corruption not of the Russian zemlya, but of Semblerland, land of reflections, of ‘resemblers’…”
„I trust the reader appreciates the strangeness of this, because if he does not, there is no sense in writing poems, or notes to poems, or anything at all.”

Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler