Reinhard Jirgl, Die Stille
Thursday, 30. June 2011 17:58
Was will uns der Autor damit sagen? Und der Rezensent verneigt sich demütig und bekennt: Um das heraus zu finden, muss man sich schon selber zum Lesen bequemen, denn das, was da steht, will uns der Autor sagen.
Erzählt wird von mehreren Personen, aber immer mit der unverkennbaren Stimme des Autors über mehrere Generationen hinweg eine deutsche Familiengeschichte von Unterdrückung, Widerstand, Behördenwillkür, Krieg, Mord, Selbstmord, Liebe, Rache, Ehebruch und Inzest. Früh schon wird das Thema skizziert: das „unerklärliche Wollen-zum-Dasein: ?Weshalb will, was ist, auch ?bleiben - u: nicht viel lieber !nicht.” Die Auskunft, viele Seiten später, ist keine endgültige, sondern nur ein Zwischenbescheid: „Leben ist eine ansteckende Krankheit, zu heilen durch Nichts.” Und trotz aller verheerenden, seelenzerfetzenden Ereignisse, die durch dieses Buch rollen und die darin geschilderten Schicksale niederwalzen, erscheint ein Ausweg: das Rechte tun. „Irgendwer, der sie befragte, hätte vielleicht zur Antwort erhalten, daß alles andersartige Betragen nicht allein Unrecht sei; sondern hätte ihr Streben dem-Sichbereichern & der-Verschlagenheit gegolten, sie damit auf ihre=Freiheit verzichtet hätten. Denn Freiheit (könnten diese fünf Menschen noch anfügen) beruht auf Kenntnis der Grenze, wieviel einem=jeden Menschen=Imleben billigerweise zusteht. So ist Freiheit an Wissen u an Grenzen gebunden, die ihrerseits Wissen erst möglich machen; Grenzen freilich ohne Stacheldraht, Minen, Waffen. Das verbindet Freiheit mit Gerechtigkeit, daher ist Beides so selten. (Und soweit gekommen, bliebe diesen fünf Menschen Die Konsequenz:) Andere Freiheit als diese=Eine Freiheit=in-Gerechtigkeit gibt es nicht. Alles übrige, u das ist das übliche, heißt Freiheit zu Herrschaft erniedrigen; Herrschaft ohne Selbst=Beherrschung aber ist gemeines-Leben…”
Aber mit der Wiederaufnahme des Braunkohlenabbaus in der Region geht das alte Familienanwesen, das Sitz des Experiments hat sein sollen, verloren - nur ein weiterer Grund für die Tat am Ende des Buches, in der der lang gestaute Hass kulminiert: „-Und ?was haben Sie davon. ?Was haben Sie ?gewonnen. -Was mich von-jeher beschwerte, Dieangst immer&überall Dieangst - jetzt habe ich Dieangst !verloren. Das ist mein Gewinn. !Hätt ich Das früher gewußt-.”
Die hier aufgeführten Textstellen sind korrekt zitiert, so schreibt Jirgl (nicht nur in diesem Buch). Bereits nach kurzer Zeit liest man darüber hinweg, bleibt hie und da noch an doppelbödigen, abgründigen Wort- und Sinn-Neuschöpfungen hängen, die so gut wie nie Selbstzweck sind, kein verspieltes L’art pour l’art, sondern sich durchaus aus dem Duktus der Geschichte ergeben, die der Autor zu erzählen hat. Und diese Geschichte ist spannend, menschlich wie politisch. Also - lesen! Zum Beispiel dies:
„Auch Doofsein muß gelernt werden, Idjot wird Mann nur durch Leben, weil Leben von&für Idjoten gemacht, also Leben Dummheit ist & nur Seines=Gleichen fördert. Aber, wie gesagt, der-Mensch=von-sich-her vermag sehr wenig, Alles=Übrige, u Das ist auch Doofsein, muß er lernen. Und Die ?Liebe : ?auch nur 1 ?Anfall innerhalb von lebenslänglichem Dummsein.”
Oder dies: „Um die-Massen…… in=Schach zu halten, muß jeder Triumf den vorigen übertreffen, sonst wirken Triumfe wie Niederlagen. Wenn die-Massen jedoch nicht mehr brüllen&jubeln können, verspüren sie in Der Stille alsbald die Hohlheit im Herzen des-Triumfes wie die Leere…… in den Erdöltanks. Dann werden diese Massen…… störrisch & renitent. Die Ökonomie-der-Herrschaft - das läßt sich von Europa=heute lernen - muß der-Masse Den-Schmerz zufügen & Das-Opfer abverlangen : durch Moneypulationen in der Verteilung die künstlich herbeigeführte & stabil=gehaltene Verknappung an Mitteln & staatlichen Leistungen. Wer in den-Massen Beides überstehen kann, der glaubt hinfort an seinen=Triumf als Der-sportive-Selbst=Überwinder: !Was fürne heroische Droge - aus diesem Holz sprießt der Schimmelpilz noier Identität (fortan wird man in sich die Renitenz nicht mehr erspüren) : Wir sagen !Ja zu Unseren Id-I=A-len: Esel’s Gehorsam durch Entbehrungen, & überall Nursieger (…) Vernunft ist menschlich wie der Mensch, & hat demzufolge Hirn & Arsch. Ratemal, ?was ist ?wichtiger: Du kannst blöd-sein=Ohnegedanken dein Leben=lang, aber ohne zu scheißen gehst du binnen kurzem drauf. Also !laß das-Gesülze.) Nur Stille Die Stille : !Die ist eine letzte=eine wirkliche Gefahr.”
Oder auch dies: „Das Wohnen inmitten von Büchern gleicht dem allnächtlichen Schlaf zwar auf stets derselben Lagerstätte, - doch entfernt man sich träumend in bizarre, noch ungesehene Räume; Wüsten zu bösartigen u wundervollen Gefilden tun sich auf - am Selbenort das immer Andereleben, darin die Menschen weitaus weniger automatenhaft erscheinen, als in der Wachen-Welt Aldi-lebenden=Toten. Daher die tiefe Sehn-Sucht nach Büchern, eine Sucht die alles Bloß=Bildfertige bei weitem überdauert. (…) Deshalb sind schlechte Bücher schlimmer als schlechte Bilder u noch schlimmer als heimtückischer Mord. -”
So isses!
Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler
