Beiträge vom 5. April 2011

Hermann Broch, Der Tod des Vergil

Tuesday, 5. April 2011 18:47

(Erschienen 1945)

Hermann Broch gelingen glückhafte Sätze, in diesem Fall über halbe oder ganze Seiten. „Umspült von Stille, wurde das Unerhaschbare zwischen Vergangenheit und Zukunft wieder zum gegenwartsgroßen Jetzt, und leise pendelte die Waage der Zeit, leise klirrten die Silberketten ihrer Schalen, die leise sich senkend, leise sich hebend, wahrheitswägend Sinnbild um Sinnbild empfingen und entließen, Sinnbild um Sinnbild wägend erschufen; leise klinkte das Verbindende im sanften Strömen wiedererfüllten Seins.”
Endlos scheinende Sätze, Aneinanderreihungen, Variationen, die miteinander Reigen tanzen, formen auf- und abschwellende Wortwogen. Die wabernde Wortmasse erzeugt und erfordert höchste Konzentration. Man spürt, was Broch sagen will, es lässt sich aber kaum ausdrücken. Es geht um nichts weniger als das Leben, das Universum und den ganzen Rest, es geht um das „unhörbar Unerlauschbare unendlicher Unerforschlichkeit”.
Geschildert werden die Empfindungen, Überlegungen und Fieberträume des todkranken römischen Dichters Vergil in den letzten 18 Stunden seines Lebens, 19 vor Christus. „Die Beine über die Bettkante hinausdrehend, saß er weitvorgebeugt da, gekrümmten Rückens und mit dem Hustenreiz kämpfend, dessen schmerzende Gewalt ihn neuerlich angefallen hatte; auch die fade Müdigkeit des Fiebers meldete sich aufs neue, meldete sich zuerst in den herunterhängenden Beinen, kroch von dort nach aufwärts, verbreiterte sich streifenartig in leisen Wellenschüben über den ganzen Körper, um schließlich den Kopf ihm einzunehmen, und von der Müdigkeit befangen, heftete sich sein Blick, gleichsam als sei hier Wichtiges, vielleicht sogar der Ausgangspunkt des Fiebers zu entdecken, mit langsam müder, lange währender Aufmerksamkeit auf die nackten Zehen, deren mechanische Halbgreifbewegungen nicht zu Stillstand kommen wollten…”
Vergil wird von Selbstzweifeln geplagt, sieht sein Leben und sein Werk als verfehlt an und will die Manuskriptrollen seines Spätwerks „Äneis” verbrennen, da ihm in tranceartigen Visionen das Wesen irdischen und unendlichen Seins offenbart wird: die Liebe. Schönheit ist lediglich irdischer Tand, Wahrheit trügerisch und die Wirklichkeit sowieso eine Chimäre. Lieben, „Schicksal-auf-sich-nehmen” ist die Bestimmung und Daseinspflicht des Menschen. Dies erkennt Vergil und bezichtigt sich, es nie verstanden und nie gelebt zu haben. Ein vertanes Leben, und deswegen soll sie brennen, die „Äneis”, seine Dichtung, die er „eigentlich nicht mehr Kunst nennen durfte, da sie, bar jeglicher Erneuerung und Erweiterung, nichts als unkeusche Schönheitserzeugung ohne Wirklichkeitsschöpfung gewesen war, da sie vom Anfang bis zum Ende, vom Ätnagesang bis zur Äneis lediglich der Schönheit gefrönt hatte, selbstgenügsam auf die Verschönerung von längst Vorgedachtem, längst Vorerkanntem, längst Vorgeformtem beschränkt, ohne richtigen inneren Fortschritt”. Doch Augustus, Cäsar und Vergils Freund, reklamiert die „Äneis” als identitätsstiftende Staatsdichtung für Rom, da ist Vergil auf verlorenem Posten.
Vergil verortet sich selbst als jemanden, der unmittelbar vor der Ankunft der Zeitenwende die überkommene Herrschaft und die alten römischen Götter feiert. Deshalb ist seine Kunst rückwärtsgewandt und kraftlos und widerstrebt der Entwicklung hin zum Einen und Einzigen, die von der Ankunft des Einen, des in liebender Hilfe sich Hingebenden, eingeläutet werden wird.
Ob der historische Vergil diese visionäre Gabe hatte, sei dahingestellt, jedenfalls verdanken wir Hermann Broch in diesem Buch eine der schönsten Schilderungen des Paradieses, weiter eine Reise in evolutionäre Urzeiten des „Eigenschaftslosen selber”, das wiederum unterschieden wird zu „Seiendem und Gewesenem”, das seinerseits überspült wird von dem Brausen der „Unendlichkeit des Hier und Jetzt”, der „fließenden Gleichzeitigkeit, in der das Ewige ruht, das Urbild aller Bilder.” Vergils Leben und der Roman enden folgerichtig, als er „jenseits der Sprache” ankommt, dort (wie es bereits fast 400 Seiten vorher heißt), „wo sie über ihre eigenen, irdisch-sterblichen Grenzen schlägt und ins Unaussprechliche dringt, den Wortausdruck verlässt und - bloß sich selber noch im Gefüge der Verse singend - den atembeklommenen, atemraubenden Sekundenabgrund zwischen den Worten aufreißt, um todesahnend und lebensumspannend in dieser stummen Tiefe, selber stumm geworden, die Ganzheit des Alls zu zeigen, die fließende Gleichzeitigkeit, in der das Ewige ruht: oh Ziel aller Dichtung, Augenaufschlag der Sprache, wenn sie über alle Mitteilung und über alles Beschreiben hinweg sich selbst aufhebt, oh die Augenblicke der Sprache, in denen sie selber in die Gleichzeitigkeit eintaucht, so dass es unentschieden bleibt, ob Erinnerung aus der Sprache, oder ob Sprache aus der Erinnerung quillt!”
Dieses Buch ist ein Ereignis, ein Monolith, ein Solitär - und harte Arbeit, es erfordert Stehvermögen, nix für Memmen: „…sicherlich, Tag um Tag, unzählige Male an jedem Tag hatte er nach freier Wahl entschieden und gehandelt, oder hatte geglaubt, dass es freie Entscheidungen gewesen waren, doch die große Linie seines Lebens war nicht eigene Wahl nach freiem Willen, sie war ein Müssen gewesen, ein Müssen, eingeordnet in das Heil und Unheil des Seins, ein schicksalsbefohlenes, trotzdem befehlsüberhobenes Müssen, befehlend, dass er seine eigene Gestalt in der des Todes suche, um hiedurch der Seele Freiheit zu gewinnen; denn die Freiheit ist ein Müssen der Seele, deren Heil und Unheil stets auf dem Spiele steht …”
Broch selbst bezeichnete übrigens einmal (ausnahmsweise sei hier eine zweite Meinung zitiert) den „Tod des Vergil” als „strikt esoterisches Buch”. Das lob ich mir: Endlich mal ein esoterisches Buch, für das man sich nicht klein machen muss, sondern an dem man wachsen kann.

Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler