Alfred Kubin, Die andere Seite
Sunday, 24. October 2010 18:48
Ein im besten Sinne „phantastischer Roman”. Gekonnt suggestiv schildert Kubin eine Welt surrealer Unwirklichkeiten, die, obzwar entlang einer Rahmenhandlung aufgereiht, deshalb keineswegs realer werden. Das Traumreich als real existierendes Reiseziel. Grotesk, bizarr, voller skurriler Begebenheiten und Personen ist dieser Staat, der anscheinend auf einer Massensuggestion beruht und aus tätigen Schlafwandlern besteht. „Alles, was man im Traumreich zu Gesicht bekam, war matt und stumpf. Wie weit das ging, bemerkte ich eines Tages beim Rasieren. Giovanni bediente mit gewohnter Eleganz, nur der Zustand seines Messers und des Kupferbeckens störten; sie waren blind. „Was soll das heißen?” sagte ich zu dem Friseur, welcher mir eben einen schwer verständlichen Exkurs aus Leibniz’ Monadologie vorlas, „der Herr Assistent könnte wohl diese Sachen ein bisschen besser instand halten.” „Wie beliebt?” fragte erschrocken der große Philosoph mit der Miene eines Abgestürzten.”
Die Ökonomie ist aufgehoben. Trotzdem gibt es Arme und Reiche. Kinder sind nicht gern gesehen, sie stören beim Traumleben. Physikalische Gesetze, Grenzen zwischen Sein und Schein, zwischen Materie und Leben, zwischen Wahn und Rationalität sind aufgehoben. Giovanni „war zwar nur ein Affe, aber was für einer!”
Der Ich-Erzähler taumelt und stemmt sich gegen den Strudel, versucht, „ein geheimes Glaubensband, eine Art Freimaurerorden” hinter all dem zu identifizieren. „Wissen Sie etwas Näheres? Können Sie mich vielleicht ein wenig einweihen? (…) „Nun, das Ei, die Nuss, Brot, Käse, Honig, Milch, Wein und Essig sind besonders geweiht.” „Aha!” rief ich frohlockend. „Ein hygienischer Kult auf der Magenbasis. Vortrefflich!” Das Aufbegehren des kritischen Geistes verpufft wirkungslos. Matt und stumpf werden darob die Gefühle, den Tod seiner Frau erlebt er seltsam distanziert, emotionslos. Wichtigere Dinge bedrängen ihn: Sind die Bewohner des Traumreichs („zum weitaus größten Teile … ehemals Deutsche”), also auch er, nur Figuren im Traum von Claus Patera, dem Gründer und „Herrn” des Traumreichs, träumen sie umgekehrt ihn oder träumen alle denselben großen Traum? „Das Ganze war derart verworren, dass der spitzfindigste Geist daraus nicht klug werden konnte.”
Bevor diese Fragen jedoch geklärt werden können, beginnt der Untergang des Traumreichs mit der Ankunft des amerikanischen Milliardärs Herkules Bell, der einen Aufstand anstachelt. Das System gerät aus den Fugen. „Als Folge der Debauchen und Schwelgereien war die Nervenzerrüttung im Traumland eine furchtbare geworden. Die bekannten Geistes- und Nervenkrankheiten, Veitstanz, Epilepsie und Hysterie traten jetzt als Massenerscheinungen auf. Nahezu jeder Mensch hatte einen nervösen Tic oder litt an einer Zwangsvorstellung. Platzangst, Halluzinationen, Melancholien, Starrkrämpfe mehrten sich in besorgniserregender Weise, aber man tollte fort, und je mehr sich die grauenhaftesten Selbstmorde häuften, um so wüster trieben es die Überlebenden. In den Gastwirtschaften kam es zu den blutigsten Messerstechereien. Ich konnte keine Nacht mehr ruhig schlafen…” Doch das ist erst der Anfang. Alle möglichen und mancherlei unmögliche Plagen brechen über das Traumland herein, und es ist erstaunlich, wie dieses noch hundert Seiten lang durchhalten kann, dann aber ist es „ein weites, weites Trümmerfeld; Schutthaufen, Morast, Ziegelbrocken - der gigantische Müllhaufen einer Stadt.”
Der Erzähler überlebt, weil er den Blauäugigen folgt, die „die Ureinwohner des Traumlandes” sind und sich aus dem ganzen, zunächst harmlos-verrückten, dann zunehmend gefährlichen Wahnsinn heraushalten und dafür nicht für voll genommen werden. „Man ging nie hieher, sie waren beinahe verachtet.” Doch er widmet der „Philosophie der Blauäugigen” ein eigenes Unterkapitel: „Die Klärung der Erkenntnis”. „Ich entsinne mich eines Morgens, da ich mir wie das Zentrum eines elementaren Zahlensystems vorkam. Ich fühlte mich abstrakt, als schwankender Gleichgewichtspunkt von Kräften - ein Gedankengang, der mir niemals wieder gekommen ist.”
Nur eine Handvoll von über 20.000 „Seelen” überlebt das Traumreich. Was mit den Blauäugigen passiert, bleibt offen.
Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler
