Beiträge vom August, 2010

Tilman Röhrig, Caravaggios Geheimnis

Sunday, 8. August 2010 18:30

(Erschienen 2009)

Das Leben des Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571 - 1610) lädt geradezu ein, daraus einen historischen Abenteuerroman zu stricken. Der schon zu Lebzeiten berühmt-berüchtigte und oftmals aktenkundig gewordene Maler hat Spuren hinterlassen, die zur Legendenbildung taugen. Diese Spuren in einem stimmigen Kontext entfaltet und eine Figur geschaffen zu haben, mit der man mitleidet und mitfiebert, ist das Verdienst des Autors. Es gelingt ihm fast alles: Er hat ein spannendes Buch mit überzeugenden Dialogen geschrieben, die Entstehungsgeschichte mancher berühmter Gemälde en passant erhellt, den unbedingten künstlerischen Ausdruckswillen Caravaggios überzeugend geschildert, dabei die Exzentrität und Unbeherrschtheit seiner Hauptfigur nicht verschwiegen und gleichzeitig gezeigt, dass Gewalt und Tod nicht nur im Leben Caravaggios ständig präsent waren, sondern dass die Welt auf der Schwelle zur Neuzeit eine zutiefst gewalttätige Welt war, in der rücksichtslos übervorteilt, betrogen und belogen wurde. Jeder musste sehen, wo er bleibt, und das tat er mit allen verfügbaren Mitteln, ob Bauersmann, Handwerker, Adliger oder Kleriker.
Das Leben in dieser Welt der Unsicherheit und Bedrohung, der zersplitterten, personalisierten und daher willkürlich sich entladenden unmittelbaren Gewalt führte dazu, dass viele einen Dolch im Gewande führten; Caravaggio, der sich gerne exponierte und bald tatsächlich exponiert war, benötigte einen Degen. Doch half der auch nichts, er wurde x-mal verprügelt, niedergestochen, übers Ohr gehauen und hereingelegt. Er hielt dagegen, so gut er konnte und der Wein es ihm erlaubte, beleidigte, bedrohte, prügelte, erstach im Blutrausch einen Mann. Er starb jung an Malaria, ein Genie: Live fast, love hard, die young.
Ein wenig mäkeln muss erlaubt sein: Manchmal wird etwas unbedarft heutiger Jargon verwendet („testen”, „die Szene beherrschen”). Dies tut dem Spaß am Lesen aber kaum Abbruch, denn dem Autor gelingen auch durchaus beglückende Sentenzen: „Noch blühte vereinzelt der Oleander, auch waren dem Hibiskus zum zweiten Mal Knospen aufgesprungen; die wärmende Herbstsonne verströmte den Duft der Pinien.” Tilman Röhrig erzählt glaubhaft und schwungvoll, wie es seiner Hauptfigur entspricht, vom abenteuerlichen Leben eines Mannes, der heuer vor 400 Jahren starb.

Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler