Henry James

(15.4.1843 - 28.2.1916)

Warum ist es ein Genuss, Henry James zu lesen? Weil er einer der ganz großen Stilisten ist und ein passionierter Menschenerzähler. Bei ihm bestimmt das Innenleben der Figuren ihr Handeln, man muss nicht mühsam aus den Handlungen der Personen ihr Innenleben rekonstruieren, sondern bekommt dieses in angemessen feiner Zurückhaltung auf einem silbernen Tablett serviert.
Mutmaßungen über Zeitgenossen hat er angestellt, über die Art und Weise, wie sie sich einrichten im Leben. Wenn, wie in den Erzählungen „The Last of the Valerii” und „The Real Thing”, ein Ich-Erzähler vorhanden ist, vermeint man, den Autor bei seinen Mutmaßungen zu belauschen, wie er beobachtet, abwägt, ableitet, auch mal in die Irre geht, sich korrigiert, weiter macht.
Die Geschichten und Romane, die ich kenne, spielen allesamt in den gehobenen Schichten in den USA, in Großbritannien und immer wieder Italien. Nachrichten aus erster Hand aus einer vergangenen Zeit, in der alle so taten, als wäre alles gut, obwohl sie es besser wussten. Dabei wird klar, dass James ebenso wesentlich zu unserem Bild des degenerierten englischen Adels beigetragen hat, wie zu dem Bild vom verarmten Baron, dem stolzen Comte, der sich nicht wenig darauf einbildet, dass er eben ein italienischer verarmter Comte ist, in dessen Adern das Blut der wahren Weltmacht immer noch fließt. Und das, muss der gebürtige Amerikaner neidisch konzedieren, hat er den Leuten der neuen Weltmacht tatsächlich voraus: er braucht nur in seinem Garten zu buddeln, schon findet er eine antike Statue. Das Leben der „Statuen der Dekadenz” jedoch ist ebenso belanglos wie das Schicksal derjenigen, die nur noch die Pose einer großbürgerlichen heilen Welt darstellen, bedauernswert ist. Doch die Modernen und die Amerikaner haben durchaus noch nicht gewonnen. Weil auch sie nicht wissen, wie ein erfülltes Leben zu leben ist, weil sie von den Alten hereingelegt werden („The Lesson of the Master”), weil sie ihre Unkonventionalität übertreiben und dafür mit dem Leben bezahlen müssen („Daisy Miller”).
Namentlich empfehlen kann ich neben den Erzählungen die Romane „Washington Square” und „The Portrait of a Lady”, aber ich denke, Henry James kommt immer gut.

Tags » «

Autor: Randolf Giesler
Datum: Tuesday, 13. July 2010 22:29
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Stöbern

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Beitrag kommentieren

Kommentar abgeben