John Milton, Das verlorene Paradies
Abgefahren. Schlachtengetümmel wie beim Herrn der Ringe, Engel, die auf Sonnenstrahlen herangleiten, Heere, die sich mit ganzen Hügeln bewerfen, viel Pomp und Glamour.
Die ersten beiden von 12 Kapiteln („Bücher”) gehören Satan, der sich lang und breit darüber auslässt, dass er gegen Gott verloren hat und mitsamt seinem Heer in die Hölle gestoßen wurde. Der Grund für Satans Aufstand und die folgende dreitägige Schlacht war die Inthronisierung von Jesus als Gottgleichem. Ein Drittel der himmlischen Scharen folgte Satan in den Abgrund und Gott gefiel es nicht, dass seine Gefolgschaft erheblich verkleinert war. Er schuf die Erde, dann Adam, aus ihm dann Eva als Muster minderer Qualität, die sich in aller Unschuld über die Erde verbreiten sollten zum Lobe Gottes. Doch Satan will weder ihm noch den Menschen diese Freude gönnen und bequatscht in Gestalt einer Schlange Eva dazu, vom verbotenen Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Der Tropf Adam isst dann auch davon, er will lieber mit ihr sterben, als ohne sie zu leben. Überraschende Wendungen, unbegründete Ereignisse, ein allwissender Allmächtiger, der die Geschehnisse im Nachhinein als seinen Plan ausgibt und ein getriebener Satan, dann tauchen plötzlich die Sünde, Tochter des Satans und das Resultat ihres Inzests, der Tod, auf - alles nur Staffage für den Autor, eine Geschichte neu zu erzählen, eine Geschichte, die bereits recht gut bekannt war? Zu welchem Sinn und Zweck? Und warum in ungereimten Blankversen? Darüber darf gerätselt werden. Eine ziemlich haarsträubende Geschichte, in der die Moral als Enkelin der Sünde, wie Milton es vielleicht ausdrücken würde, reüssiert, statt als die Errungenschaft menschlicher Gemeinschaften, den Umgang miteinander zu regeln. Doch gab es schon vorher die Moral, die Moral Gottes, deren Sinn die Unterwerfung war. Eva und Adam haben ein Verbot übertreten, und sie schämen sich dafür, unterstehen also noch dieser autokratischen Moral. Aus Sicht des Herrschers jedoch ist die Tat entscheidend, irreversibel und äußerst ungelegen, brechen ihm doch schon wieder Gefolgschaften weg. Anrührend die Hilflosigkeit der Menschen, wenn sie merken, dass diese Geschichte eine Nummer zu groß für sie ist und sie nur diejenigen sind, auf deren Rücken der Kampf um die Weltherrschaft ausgetragen wird. Ergreifend das Lamento Adams, als er beginnt zu erahnen, was der Tod bedeutet. Jedenfalls für mich, denn meine Großmutter ist gestorben, Oma Mücke, eine herzensgute Frau, deren ich hier gedenke.
… … …
Wir nähern uns langsam dem Ende der Geschichte. Adam gibt die Parole aus, die ganze Welt zu bevölkern mit seinem Menschengeschlecht, das in Demut und Hingabe Gott dient und verehrt, um so dereinst der Gnade Gottes wieder teilhaftig zu werden. An solchen Stellen wird deutlich, wie kompliziert das Christentum eigentlich ist. Aber auch, wie viele Äonen entfernt die Gefühls- und Gedankenwelt der Menschen vor 350 Jahren ist, und doch, wie nah manchmal. Gott findet Adams Idee gut, verbannt die beiden Menschen aber dennoch aus dem Paradies. Der Erzengel Michael tröstet mit der Aussicht auf weitere wunderbare Geschichten. Er gibt eine Vorschau auf die Sintflut, den Turmbau zu Babel, die Plagen und den Auszug aus Ägypten, die Bundeslade, König David, auf Jesus, der Tod und Sünde besiegt, und auf den Heiligen Geist, der den Menschen beisteht. Adam gefällts, denn es gibt ein happy end. Dann führt Michael Adam und Eva aus dem Paradies, und da sind wir nun.
Über die Menschen: „God made thee perfect, not immutable”
Über Satan: “one who brings a mind not to be changed by place or time”
Adam über Eva: “Oh why did God,
Creator wise, that peopled highest heaven
With spirits masculine, create at last
This novelty on earth, this fair defect
Of nature, …”
Eva zu Adam: “I beg, and clasp thy knees; bereave me not
Whereon I live, thy gentle looks, thy aid,
Thy counsel in this uttermost distress,
My only strength and stay: forlorn of thee,
Whither shall I betake me, where subsist?”
Adam zu Michael, dem Hardliner (”tyranny must be,
Though to the tyrant thereby no excuse”):
“Henceforth I learn, that to obey is best,
And love with fear the only God, to walk
As in presence, ever to observe
His providence, and on him sole depend”
Worauf Michael: “This having learned, thou hast attained the sum
Of wisdom” und “shalt possess
A paradise within thee, happier far.”
