Roberto Bolaño, 2666

(Erschienen 2004, Übersetzung von Christian Hansen)

Langstreckler, aufgemerkt! 1085 Seiten und keine davon langweilig, wie viele Bücher solchen Kalibers fallen Euch auf Anhieb ein?!!
Eine Fülle von Geschichten, eine Materialfülle, deren sich die Menschen kaum erwehren können, und Horrorgeschichten von Menschen, die zu Material gemacht werden. Der Eindruck, der bleibt, ist der eines Lebens am Abgrund, dazu ein Einblick in Höllenschlünde, wie sie sich mancherorts aufgetan haben. Ein Tag im Leben des Planeten.

Der Teil der Kritiker: Vier Germanistikprofessoren, eine Britin, ein Spanier, ein Franzose und ein Italiener, lernen sich über das gemeinsame Interesse an dem geheimnisumwitterten deutschen Schriftsteller Benno von Archimboldi kennen und wechselweise lieben. Archimboldis letzte Spur führt nach Santa Teresa, Mexiko.

Der Teil von Amalfitano: Der exilchilenische Professor für Philosophie in Santa Teresa ringt um seine geistige Gesundheit und hängt ein Geometriebuch auf die Wäscheleine im Garten.

Der Teil von Fate: Der schwarze New Yorker Kulturredakteur wird als Vertretung zur Berichterstattung über einen mexikanisch/us-amerikanischen Boxkampf nach Santa Teresa entsendet. Er verliebt sich in die Tochter des chilenischen Professors und sie geht mit ihm in die USA. Der Professor drängt sie zur Flucht.

Der Teil von den Verbrechen widmet sich hauptsächlich der Schilderung grauenhafter Leichenfunde in Santa Teresa, die in die Hunderte gehen, allesamt Mädchen und Frauen. Quälend, es hört einfach nicht auf. Eine Chronik und Würdigung der Opfer. (Realiter geht das Morden weiter.)

Der Teil von Archimboldi: Benno von Archimboldis Lebensweg von seiner Geburt 1920 bis zu seiner Reise nach Santa Teresa. Auch Deutschland war ein Höllenschlund.

Natürlich ist es inadäquat, dieses grandios erzählte, umfassende Werk in einigen wenigen Sätzen zusammenfassen zu wollen. „2666″ bietet die Teilhabe an den Leben unzähliger Menschen, erzählt aus einer Haltung auf der Höhe der Zeit, nämlich derjenigen der normativen Gleichheit aller Menschen. Aus dieser Perspektive sind (nicht scheinen) die Lebensumstände von Menschen in weiten Teilen der Welt in Vergangenheit und jüngster Gegenwart hundserbärmlich und die moralische Verworfenheit bodenlos.
Und dennoch: „Lesen ist die Lust und Freude, am Leben zu sein, die Traurigkeit, am Leben zu sein, und vor allem Fragen und Erkenntnis.” Also los…

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Autor: Randolf Giesler
Datum: Wednesday, 14. April 2010 23:16
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