Siri Hustvedt, Die Leiden eines Amerikaners
Das Personal:
Psychoanalytiker, Philosophin, Geschichtsprofessor, Literaturprofessor, Künstler, Schriftsteller, Medizinhistoriker
Die Themen:
Neurologische Störungen, Traumata, Verluste und Verlustängste, (Alb-)Träume, Minderwertigkeitsgefühle, 9/11, psychische und physische Verletzungen, Ich-Schwäche, Sehnsucht nach Liebe und Intimität, Einsamkeit, Bindungsängste, Geltungsdrang, Konditionierung, Väter, Familie, Herkunft, dunkle Geheimnisse, Verstrickungen, Depression, Erlösung.
Kein Thema:
Geld.
Armut wird nur in den Aufzeichnungen des verstorbenen Vaters, des Geschichtsprofessors, über seine Kindheit thematisiert. In der dritten Generation ist die norwegische Immigrantenfamilie etabliert, der Ich-Erzähler, Mediziner und Psychoanalytiker, und seine Schwester, Philosophin, leben und arbeiten in New York City.
Sind die Leiden auch nicht mehr finanzieller, existenzieller Natur, so werden sie doch als kaum weniger quälend erfahren. Die Familiengeschichte wird nicht empfunden als Erfolgsgeschichte, als ein gelungener Aufstieg, sondern als Kontinuum psychischer Leiden. “Three men of three generations together in a house that was going to pieces, a house I had inherited, a house that shuddered and shook like my sobbing niece and my own besieged body, inner cataclysms I associated with two men who were no longer alive. My grandfather shouts in his sleep. My father shoves his fist through the ceiling. I quake.”
Das Thema, das hier im Kontext dreier Generationen dargestellt wird, ist die Selbstvergewisserung, die Evaluierung der Beschädigungen, die die große Depression in den 30ern, der Zweite Weltkrieg, 9/11 und der Irak-Krieg, aber auch Tod, Scheidung und enttäuschtes Liebesverlangen hervorgerufen haben. “I think we all have ghosts inside us, and it’s better when they speak than when they don’t.”
Der zentrale Wunsch, gesehen = wahrgenommen zu werden, bedingt die stetige Reflexion über sich selbst. Heraus kommt als Gewissheit die Fragilität der Persönlichkeit, die sich unter den Bedingungen einer diffusen Atmosphäre der Bedrohung und des Verfolgtseins erst selbst begründen und befreien muss. “It’s as if I’m looking for something,” I said, “but I don’t know what it is. Something that will release me.” “From the depression”, she said. I looked at her. “And the guilt and the black moods when the sun disappears for days, and from your father who refuses to die.” (”Depression” hier als schönes Beispiel für die Internalisierung äußerer Vorgänge in innere Befindlichkeiten.)
Die Sprache:
Eloquent, sehr geschmeidig. Liest sich außerordentlich gut.
Die Struktur:
Spannungsbögen werden aufgebaut, die im Leser Erwartungen wecken, die nicht enttäuscht, aber anders als erwartet aufgelöst werden. Überraschende Wendungen treiben parallele Handlungsstränge voran, die auf mehreren zeitlichen Ebenen spielen. “…we make our narratives, and those created stories can’t be separated from the culture in which we live. There are times, however, when fantasy, delusion, or outright lies parade as autobiography, and it’s necessary to make some nominal distinction between fact and fiction.”
Empfehlung: Lesen.
“I was in bad shape back then. I’m clean now. I … I found myself.” “Whatever that means,” Sonia said abruptly. “I hear that all the time. You’d think there were selves lying all over the place just waiting to be picked up.”
