Christian Kracht, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten
Saturday, 28. February 2009 21:40
Was für ein Buch! Schon lange wollte ich auf Friedrich Dürrenmatts „Winterkrieg in Tibet“ (in „Labyrinth / Turmbau“) hinweisen, und nun lese ich einen Roman, der dessen Atmosphäre und auch einzelne Motive nachempfindet. Beide spielen in einer unbestimmten, aber nahen Zukunft, in der seit undenklichen Zeiten ein gnadenloser Krieg wütet. Beide haben einen Ich-Erzähler, bei Kracht erzählt dieser zudem in der Vergangenheitsform, also die Zukunft als Vergangenheit. Aber halt, das stimmt ja gar nicht: Genau genommen, spielt Krachts Roman in der Gegenwart – allerdings in einer anderen. (Noch ein Verweis: Gleiches bietet, auf ganz verschiedene Art und Weise, Christoph Ransmayrs Roman „Morbus Kitahara“. Darin wird ein Deutschland nach einem verlorenen großen Krieg beschrieben, das von den Siegern zu einem reinen Agrarstaat zurück „entwickelt“ wurde; also die Umsetzung des Morgenthau-Plans.)
Bei Kracht ist Lenin nicht 1917 aus der Schweiz nach Russland zurückgekehrt, sondern hat gleich dort zusammen mit Trotzki und Grimm die Revolution erfolgreich angeführt und die SSR (Schweizerische Sowjetrepubliken) gegründet. Seitdem stehen die SSR und ihre Alliierten in einem endlosen Krieg mit den faschistischen Deutschen und den Engländern, die Rolle der hindustanischen Armeen in dieser Auseinandersetzung bleibt undurchsichtig.
Der Ich-Erzähler ist Politkommissär, der den Auftrag hat, einen Oberst zu verhaften, der aus dem gerade zurück eroberten Bern in die Schweizer Alpenfestung geflohen ist. Die Alpen sind im Laufe dieses kriegerischen Jahrhunderts mit Tunneln durchzogen und zu einer gigantischen, uneinnehmbaren Festung ausgebaut worden, die unzähligen Truppen Schutz und Sicherheit bieten.
Erst nach einem Drittel des Romans (das ist auf Seite 54, denn Kracht komprimiert seinen Wurf einer Alternativwelt auf gerade mal 149 Seiten - ein Meister weniger Worte) werden die scheuen, abschätzigen, ablehnenden Reaktionen auf die Anwesenheit des Politkommissärs erklärt: „Ich wurde in einem kleinen Dorf in Nyasaland geboren, am Fuße der Zomba- und Mulanje-Berge, vierzig Werst von der Grenze zu Mozambique entfernt.“ Der Krieg tobt auch in Afrika, und die Schweizer tragen die Revolution auch dorthin. Und „als endlich nie gekannte Gleichheit herrschte, begannen die Schweizer mit dem Bau der Militärakademien, um die Afrikaner zu Soldaten zu machen und damit den gerechten Krieg, der in der Heimat wütete, endlich zu gewinnen.“ Der Ich-Erzähler wird zum Offizier und Politkommissär ausgebildet, wird Teil „des brüderlichen Ringens des Schweizer Sowjetmenschen um eine gerechte Welt, frei von Rassenhass und Ausbeutung.“ – „Wir waren Schweizer.“ Allein diese Konstellation ist atemberaubend: Da reitet und stapft ein schwarzafrikanischer Politkommissär der Schweizerischen Sowjetrepubliken durch den glitzernden Schnee der Schweizer Alpen, erinnert sich an die afrikanische Sonne, seine Familie, den uralten Heiler im Dorf und ist aber einer der Wenigen auf Seiten der SSR, die noch lesen und schreiben. Doch wird nicht viel Aufhebens darum gemacht, in einer knappen, fast lakonischen, durchgearbeitet schönen Sprache werden diese Rahmenbedingungen nur zum De-facto-Hintergrund einer ebenso abenteuerlichen Reise, die nach einem bizarren Showdown mit dem Oberst zur Entzauberung der Revolution und zur Rückkehr des Protagonisten nach Afrika führt. „Ich war wieder ein Chiwa.“
Es gibt etliche Seltsamkeiten in dieser Gegen-Realität, die nicht weiter ausgeführt, geschweige denn erklärt werden: Es gibt jene schwebenden „kleinen eisernen Sonden“ mit einem „schrecklich blauen, sirrenden, ewig summenden Auge“, deren Sinn und Funktionsweise offen bleiben. Nachdem allerdings eine aus der Luft geschlagen wurde, „stellte sich eine gewisse Nervosität ein, eine Veränderung in der Molekularstruktur der Umgebung, ein Zittern in den Büschen am Wegesrand.“ Weitere Beispiele: „Neben ihrer Achselhöhle war eine Steckdose in die Haut eingelassen, wie die Schnauze eines Schweins.“ - „Mein Herz lag nicht wie bei anderen Menschen auf der linken Seite des Körpers im Brustkorb verborgen, sondern auf der rechten Seite.“ - Die Rauchsprache, „unsere neue Kommunikationsform ist eine Leistung des menschlichen Willens.“ „Nun, wir beginnen, das Gedachte zu sprechen und in den Raum zu stellen. Dann können wir das Gesprochene betrachten, um es herumgehen, es schließlich bewegen. Da es vorhanden ist, können wir es bewegen. Und schlussendlich können wir es senden und empfangen.“ Diese lautlose Sprache kann aber auch als „Schall-Umklammerung“ eingesetzt werden, die anderen telekinetisch einen fremden Willen aufzwingt. „Nun, der Krieg verändert uns, nicht nur körperlich und mental, einzeln, sondern als Ganzes, als Einheit.“ - „Meine Augen, sie waren nun vollständig blau geworden, nein, ultramarin; sowohl die Iris und die Pupille als auch die Netzhaut.“ Evolution, Mutation oder schlicht Wahnsinn? Kracht gelingt das Kunststück, in diesem knappen Büchlein präzise Sprache mit überbordender Fantasie zu vereinen. Ein faszinierender Roman.
Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler
