Joseph Conrad, Der Geheimagent

(Erschienen 1907)

Die Conrad‘sche Charakterisierung von Anarchisten, Revolutionären und dergleichen „Gestalten” als träge, bequeme, realitätsferne und realitätsfeindliche Personen befremdet. Sie seien nur zu träge oder zu versponnen, um sich in dieser Welt durchzusetzen, die er von archaischen Motiven durchtränkt sieht: Kampf und Verrat, Männer und Frauen, Liebe und Eigennutz. Doch eins muss man ihm lassen: Er macht sich die Mühe des Begriffs. Mir ist eine Passage besonders aufgefallen, in der die Frau des Geheimagenten in dem dunklen Laden sitzt, die Hände vor den Kopf haltend: „In that shop of shady wares fitted with deal shelves painted a dull brown, which seemed to devour the sheen of the light, the gold circlet of the wedding ring on Mrs Verloc’s left hand glittered exceedingly with the untarnished glory of a piece from some splendid treasure of jewels, dropped in a dustbin.”

Abgesehen von dem genialen Haken am Schluss des Satzes, musste ich an die unsägliche Vergleicherei denken, die um sich gegriffen hat, und dass sich hier die schriftstellerische Qualität von Conrad zeigt. Der Großteil der zeitgenössischen Autoren würde schreiben: „glittered exceedingly like a piece from some splendid treasure of jewels”, offen lassend, was sie damit meinen (Kostbarkeit, Reichtum, Schönheit, Unabhängigkeit, Gerechtigkeit …); einen Schatz wollte schließlich jeder schon mal haben. Conrad aber sagt, was diesen Schatz auszeichnet: „untarnished glory”, was ich mit „makellose Pracht” übersetzen würde.

Es gelingt ihm, eine dichte Atmosphäre zu erzeugen, gerade weil er so präzise ist (ganz im Musil’schen Sinne). Das dreckige, feucht-schleimige London atmet im Hintergrund mit, wenn in intensiven, kammerspielartigen Szenen ein Reigen der menschlichen Unzulänglichkeit und Unzugänglichkeit sich dreht und stetig Fahrt aufnimmt bis zum dreifachen bösen Ende.

Tragisch? „Tragisch menschlich” würde Conrad wahrscheinlich sagen.

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Autor: Randolf Giesler
Datum: Friday, 12. September 2008 18:15
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