Beiträge vom June, 2008

Herman Melville, Pierre oder Die Doppeldeutigkeiten

Sunday, 15. June 2008 13:01

(Erschienen 1852, Übersetzung von Christa Schuenke)

Was macht jemand, dessen „ganzer sittlicher Kern bis auf den Grund erschüttert“ wird?
Pierre Glendinnig ist der sensible Spross einer „aristokratischen“ amerikanischen Ostküstenfamilie, deren (männliche) Mitglieder von der ersten Siedlergeneration an hilfreich, edel und gut waren, und denen (folgerichtig?) immenser Reichtum, aber auch körperliche und geistige Schönheit zufielen. Pierre ist durchdrungen von heroischer Familiensaga, der Bestimmung zu Höherem und der moralischen Untadeligkeit, die Generationen von Glendinnings an ihre Nachfahren weitergegeben haben. Er ist standesgemäß verlobt und auch rechtschaffen in seine Lucy verliebt, so dass die Glendinnig-Saga mit ihm einmal mehr einem glänzenden Höhepunkt zustrebt.
Doch Pierre hat einen fatalen Charakterfehler, der sich offenbart, als sich plötzlich Isabel, die voreheliche Tochter seines verstorbenen Vaters, die in ärmlichsten Verhältnissen lebt, an ihn wendet. Der „unerhörte Schock der tatsächlichen Wahrheit“ bewirkt, dass sich „jetzt die greifbare Welt der festen Körper rings um ihn her …nach allen Seiten verschob“, „und Pierre entglitt in eine Luftwelt aus Visionen“. Der junge Mann nimmt die ihm vermittelten romantischen Werte als bare Münze und versucht, das seiner Halbschwester angetane Unrecht, keine Glendinnig zu sein, wieder gutzumachen. Doch will er es allen recht machen und fasst einen „merkwürdigen und unerhörten Entschluss“, der „erstaunlich war in seiner einzigartigen Selbstverleugnung. Von Anfang an entschlossen, den guten Ruf seines Vaters unter allen Umständen reinzuhalten, ganz gleich, was er täte, um Isabel zu beschützen und ihr all seine brüderliche Ergebenheit und Liebe zu schenken, und ebenso entschlossen, seiner Mutter andauernden Seelenfrieden nicht durch sinnlose Enthüllung unwillkommener Tatsachen zu stören, (…) hatte er nun die folgende feste und unumstößliche Absicht gefasst, nämlich: vor aller Welt zu behaupten, Pierre Glendinnig sei bereits heimlich mit Isabel Banford vermählt…“.
Die Durchführung dieses vermeintlich von Edelmut gezeugten Entschlusses stürzt alle Beteiligten ins Verderben. Seine dominante, „hochmütige“ Mutter, die ehedem von „schwärmerischer Sohnesliebe“ für ihren einzigen, „ehrfürchtigen und hingebungsvollen Sohn“ erfüllt war, wird laut eigener Aussage zu einem „rasenden, von Stolz vergifteten Weib“, enterbt und verstößt Pierre und stirbt an gebrochenem Herzen. Pierre zieht mit Isabel und einem entlaufenen Dienstmädchen in die Stadt, wo sie bittere Not leiden (Pierre versucht, schriftstellernd über die Runden zu kommen!). Lucy, die nicht weiß, wie ihr geschieht, weil Pierre ihr den Grund seines Verhaltens nicht enthüllen darf, wird sterbenskrank, zieht dann aber zu Pierre und Isabel, um „als nonnengleiche Base“ bei ihm zu sein und ebenfalls bittere Not zu leiden. Lucys Bruder Fred und Pierres städtischer Vetter Glen, der Lucy liebt, versuchen, diese aus den Klauen des „schurkischen und meineidigen Lügners“ zu befreien. Verzweiflung und Hass brechen sich Bahn, Gewalt wird angewendet, schließlich erschießt Pierre seinen Vetter auf offener Straße, und „hatte“ damit „mit eigener Hand sein Geschlecht ausgelöscht“. Während Isabel und Lucy Pierre im Kerker besuchen, entdeckt Lucy die Wahrheit über die beiden und fällt tot um, Pierre und Isabel nehmen Gift. „Weib oder Schwester, Heilige oder Teufelin!“ – Er zog Isabel an sich – „nicht Leben für die Kinder wohnt in deinen Brüsten, nur Todesmilch für dich und mich! – Das Gift!“ – Er riss den Busen ihres Kleides auf und griff nach dem geheimen Fläschchen, das dort verborgen war.“
Nun habe ich das Ende des Romans verraten, aber das macht nichts. Es gäbe noch viel darüber zu schreiben, Melville hat immerhin über 600 Seiten geschrieben, „gründlich und analytisch und psychologisch und metaphysisch ihre Verhältnisse und ihre Umgebung und alle Nebensächlichkeiten in Erwägung gezogen“. Reflexionen über Pierre, das Leben, die Ideale, die Liebe, die Philosophie, die Literatur; „Bemerkungen über die transzendentale Badebürstenphilosophie“ mitsamt „Apfelschnitzdialektik“; Schilderungen der Doppelmoral und der Bigotterie der reichen und feinen Gesellschaft. Der Roman ist voller Doppeldeutigkeiten – was bedeutet es, dass sich Mutter und Sohn als „Bruder“ und „Schwester“ ansprechen, ist Pierres Halbschwester nun seine Frau oder nicht, warum ist seine versprochene Frau Lucy „engelsgleich“? Sind diese ungeklärten Doppeldeutigkeiten in den Beziehungen zu den Frauen der Auslöser für den Fall der Glendinnig-Dynastie? Ist Pierre nur ein verwirrter Spinner, oder sind seine Gewissenskonflikte und seine hehren Absichten ernst zu nehmen? Was besagt es, dass seine konsequente Umsetzung der anerzogenen Ideale in Lüge, Hass, Totschlag, Selbstmord und Auslöschung der Familie endet?
Fragen über Fragen.
Starker Tobak, nichts für ungeübte oder ungeduldige Leser.

Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler

Mark Z. Danielewski, Das Haus

Wednesday, 4. June 2008 16:57

Ist ein wahres Kunstwerk, sowohl äußerlich, also von der Aufmachung (habe die gebundene Ausgabe gelesen) her, als auch von der Geschichte. Es ist aber keinesfalls ein Buch, das man auf einmal und an einem Stück durchlesen kann.

Das ganze Buch über gibt es an sich drei Erzähler: Will Navidson, Jony Truant und Zampano, die sich gegenseitig ergänzen, zitieren und auf Quellen verweisen. Geht man diesen Quellen nach, verirrt man sich in vielerlei Richtungen, ein paar davon existieren wirklich, andere sind nur zur Wahrung des Scheins aufgenommen worden. Jeder dieser Autoren hat eine eigene Schriftart, an denen man sie auseinander halten kann, und jeder dieser Autoren bringt seine eigene Geschichte irgendwie mit ein.

Die ganze Geschichte ist wie eine professionelle Arbeit geschrieben, immer sachlich, analysierend, mit wissenschaftlichen Thesen und Berechnungen hinterlegt und bewiesen, auf die Psychologie überprüft. Der Aufbau der einzelnen Seiten variiert sehr stark, es kommen Seiten vor, die bis auf einzelne Wörter total leer sind, darauf folgen Kapitel, die im normalen Schreibstil geschrieben wurden, die dann wieder in einem Stil ähnlich dem eines Wörterbuches verfasst sind. Es ist also sehr viel Abwechslung allein schon im Aufbau.

Auch vom Inhalt her ist es manchmal schön verwirrend und teilweise sehr gut ausgedehnt. Als Beispiel wird kapitellang das Echo erklärt, in der römischen Mythologie, in der griechischen Mythologie und schließlich wird noch ein Kapitel über die mathematische Berechnung und ein paar Theorien drangehängt, nur um dann beweisen zu können, dass es an dieser Stelle des Hauses überhaupt kein Echo geben dürfte…

Es handelt von Will Navidson, folglich Navy genannt und seiner Frau Karen Green, die, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, in ein altes Haus in der Ash Tree Lane ziehen. Genauer gesagt handelt es sich jedoch um den Navidson Record, einen Film, den Navy macht, um den Neuanfang in diesem Haus festzuhalten. Anfänglich läuft alles gut, bis jedoch unerklärliche Dinge passieren. Es entsteht ein neuer Zwischenraum zwischen dem Schlafzimmer der Eltern und dem der Kinder oder die Länge des Raumes innen ist auf einmal länger als die außen. Dann entsteht ein neuer Flur inmitten des Hauses, der in totaler Dunkelheit liegt.
Dieser Film ist schon der zweite, diesmal längere, davor gab es bereits den “5-Minuten-Flur”, der auch schon auf die extrem verquerten Zustände im Haus hinweist.

All diese Veränderungen zwingen Karen immer mehr in die Isolation, während sie das Interesse von Navy wecken, der, nachdem er sich das erste Mal in diesem Flur verirrte, in dem anscheinend keine Grenzen an Räumlichkeit herrschen, ein Team zusammenstellt, das diesen erforschen soll. Insgesamt werden vier Erkundungen gemacht, alles wird protokolliert und erfasst. Dieser Abschnitt des Hauses, der einer eigenen Welt gleicht, hat ganz andere Grundregeln, zum Beispiel sind die Mauern ständig in Bewegung, die Räume bauen sich alle paar Minuten von selbst um.

Hier bemerkt man immer mehr, was dies alles für Auswirkungen auf die einzelnen Personen hat, die immer wieder mit psychischen Ansätzen untersucht werden. Die letzte Erkundung wird jedoch zu einem Horrortrip, der in Isolation, Wahnsinn und Depression endet.

Die Geschichte von diesem Navidson Record, von Navy selbst und Karen und allen Anderen, die darin vorkommen, wird jedoch eigentlich von Zampano aufgeschrieben, einem alten Mann, der erblindet ist und sich, nachdem er jahrelang nach allen Hinweisen, Beweisen und Gegenbeweisen gesucht hat, in seiner Wohnung eingesperrt ist und schließlich in ihr gestorben ist.
Nachdem Jonny Truant in die Wohnung des Verstorbenen gelangt, und dieser eine Truhe mit den Inhalten entnimmt, beginnt er alle gesammelten Texte und Schriftstücke zu ordnen und zusammen zu schreiben, die Quellen zu bearbeiten. Und auch sein eigenes Leben fließt hier in Form von vielen Fußnoten wieder mit ein, sein eigener Wahnsinn, der beginnt, als er selbst zu viel Zeit mit diesem Thema verbringt.

Zudem schalten sich noch manchmal die Übersetzer ein, die etwas berichtigen oder auf weitere Quellen oder Hinweise gestoßen sind.

Hm. Es ist sehr schwierig über dieses Buch zu schreiben, weil es so viele Fassetten besitzt und so faszinierend geschrieben ist. Es verzweigt sich sehr ineinander und mischt alles mit allem.
Auf jeden Fall sehr sehr zu empfehlen! Sehr lesenswert!

Thema: Lesen | Kommentare (1) | Autor: Robin Giesler

Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray

Wednesday, 4. June 2008 16:23

Das Bildnis des Dorian Gray ist ein wirklich schönes und bewegendes Buch. Es handelt von einem jungen Mann, Dorian Gray, der immer wieder als Art unbeschriebenes Blatt dargestellt wird und sehr wissbegierig ist. Ein Künstler mit Namen Basil Hallward, der einen Freund darstellt, will die absolute Schönheit dieses Mannes als sein Meisterwerk malen, die Jugend einfangen.

Bei der letzten Sitzung dieses Bildes wird Dorian sein zukünftiger bester Freund Lord Henry Wotton vorgestellt, der alsbald beginnt, Dorians Wissensdurst mit allerlei Theorien und Ansichten über das Leben und den Tod, die Gesellschaft und die Frauen zu stillen, wovon dieser nicht genug bekommen kann.

Als Lord Henry Wotton Dorian klar verständlich macht, dass es nicht mehr allzu lange dauern wird, bis dieser ebenfalls alt sein wird und seine Schönheit, die den einzigen Wert im Leben darstellt, verlieren wird, erzürnt dieser beim Anblick seines Bildes und äußert den Wunsch, dass das Bild anstatt ihm altern solle.

Dieser Wunsch wird ihm gewährt, und so kann er sein Leben führen wie er will, das Portrait zieht die Leiden daraus, denn es repräsentiert seine Seele, während sein Körper vom Alter unberührt bleibt. Im Laufe des Buches wird einem die Veränderung Dorian Grays vor Augen geführt, die durch die giftigen Gespräche mit seinem Freund Lord Wotton zustande kommt.

Ich persönlich finde dies ein klasse Buch, das sehr viel Psychologie und eine sehr bewegende Geschichte innehat. In ihm wird gezeigt, welche Macht doch die Manipulation auf Jemanden haben kann und wie sich dieser aufgrunddessen verändert. Es beschreibt, wie ein unschuldiger junger Mann zum habgierigen Mörder wird, der das Leben seiner Träume leben kann und doch gleichzeitig seiner Verdammnis nicht entkommen kann. Jede Phase seines Lebens ist sehr gut geschrieben und im Gesamten ist das Buch sehr schnell gelesen.

Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Robin Giesler

Michail Bulgakow, Der Meister und Margarita

Monday, 2. June 2008 21:53

(Geschrieben 1928-40, erschienen 1966/67; Übersetzung von Thomas Reschke)

Obwohl der Plot sich gegen Ende des Buches irgendwie verliert, zieht das Buch den Leser über Hunderte von Seiten wie eine Lokomotive. Der Teufel kommt mit seinen Gehilfen in den 1920er Jahren nach Moskau und treibt allerlei bösen Schabernack mit der Einfältigkeit und dem Egoismus der Menschen. Moskau versinkt im Chaos. Nur der Meister, ein in der Irrenanstalt einsitzender armer Schriftsteller, dessen Pilatus-und-Jesus-Roman in das Buch eingestreut ist, und Margarita, seine verheiratete Geliebte, widerstehen dem wahnsinnigen Treiben. Ein rasantes Buch voller Ideen, Sprachwitz und skurriler Einfälle. Einer der besten (phantastischen) Romane überhaupt.

Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler