Herman Melville, Pierre oder Die Doppeldeutigkeiten
Sunday, 15. June 2008 13:01
Was macht jemand, dessen „ganzer sittlicher Kern bis auf den Grund erschüttert“ wird?
Pierre Glendinnig ist der sensible Spross einer „aristokratischen“ amerikanischen Ostküstenfamilie, deren (männliche) Mitglieder von der ersten Siedlergeneration an hilfreich, edel und gut waren, und denen (folgerichtig?) immenser Reichtum, aber auch körperliche und geistige Schönheit zufielen. Pierre ist durchdrungen von heroischer Familiensaga, der Bestimmung zu Höherem und der moralischen Untadeligkeit, die Generationen von Glendinnings an ihre Nachfahren weitergegeben haben. Er ist standesgemäß verlobt und auch rechtschaffen in seine Lucy verliebt, so dass die Glendinnig-Saga mit ihm einmal mehr einem glänzenden Höhepunkt zustrebt.
Doch Pierre hat einen fatalen Charakterfehler, der sich offenbart, als sich plötzlich Isabel, die voreheliche Tochter seines verstorbenen Vaters, die in ärmlichsten Verhältnissen lebt, an ihn wendet. Der „unerhörte Schock der tatsächlichen Wahrheit“ bewirkt, dass sich „jetzt die greifbare Welt der festen Körper rings um ihn her …nach allen Seiten verschob“, „und Pierre entglitt in eine Luftwelt aus Visionen“. Der junge Mann nimmt die ihm vermittelten romantischen Werte als bare Münze und versucht, das seiner Halbschwester angetane Unrecht, keine Glendinnig zu sein, wieder gutzumachen. Doch will er es allen recht machen und fasst einen „merkwürdigen und unerhörten Entschluss“, der „erstaunlich war in seiner einzigartigen Selbstverleugnung. Von Anfang an entschlossen, den guten Ruf seines Vaters unter allen Umständen reinzuhalten, ganz gleich, was er täte, um Isabel zu beschützen und ihr all seine brüderliche Ergebenheit und Liebe zu schenken, und ebenso entschlossen, seiner Mutter andauernden Seelenfrieden nicht durch sinnlose Enthüllung unwillkommener Tatsachen zu stören, (…) hatte er nun die folgende feste und unumstößliche Absicht gefasst, nämlich: vor aller Welt zu behaupten, Pierre Glendinnig sei bereits heimlich mit Isabel Banford vermählt…“.
Die Durchführung dieses vermeintlich von Edelmut gezeugten Entschlusses stürzt alle Beteiligten ins Verderben. Seine dominante, „hochmütige“ Mutter, die ehedem von „schwärmerischer Sohnesliebe“ für ihren einzigen, „ehrfürchtigen und hingebungsvollen Sohn“ erfüllt war, wird laut eigener Aussage zu einem „rasenden, von Stolz vergifteten Weib“, enterbt und verstößt Pierre und stirbt an gebrochenem Herzen. Pierre zieht mit Isabel und einem entlaufenen Dienstmädchen in die Stadt, wo sie bittere Not leiden (Pierre versucht, schriftstellernd über die Runden zu kommen!). Lucy, die nicht weiß, wie ihr geschieht, weil Pierre ihr den Grund seines Verhaltens nicht enthüllen darf, wird sterbenskrank, zieht dann aber zu Pierre und Isabel, um „als nonnengleiche Base“ bei ihm zu sein und ebenfalls bittere Not zu leiden. Lucys Bruder Fred und Pierres städtischer Vetter Glen, der Lucy liebt, versuchen, diese aus den Klauen des „schurkischen und meineidigen Lügners“ zu befreien. Verzweiflung und Hass brechen sich Bahn, Gewalt wird angewendet, schließlich erschießt Pierre seinen Vetter auf offener Straße, und „hatte“ damit „mit eigener Hand sein Geschlecht ausgelöscht“. Während Isabel und Lucy Pierre im Kerker besuchen, entdeckt Lucy die Wahrheit über die beiden und fällt tot um, Pierre und Isabel nehmen Gift. „Weib oder Schwester, Heilige oder Teufelin!“ – Er zog Isabel an sich – „nicht Leben für die Kinder wohnt in deinen Brüsten, nur Todesmilch für dich und mich! – Das Gift!“ – Er riss den Busen ihres Kleides auf und griff nach dem geheimen Fläschchen, das dort verborgen war.“
Nun habe ich das Ende des Romans verraten, aber das macht nichts. Es gäbe noch viel darüber zu schreiben, Melville hat immerhin über 600 Seiten geschrieben, „gründlich und analytisch und psychologisch und metaphysisch ihre Verhältnisse und ihre Umgebung und alle Nebensächlichkeiten in Erwägung gezogen“. Reflexionen über Pierre, das Leben, die Ideale, die Liebe, die Philosophie, die Literatur; „Bemerkungen über die transzendentale Badebürstenphilosophie“ mitsamt „Apfelschnitzdialektik“; Schilderungen der Doppelmoral und der Bigotterie der reichen und feinen Gesellschaft. Der Roman ist voller Doppeldeutigkeiten – was bedeutet es, dass sich Mutter und Sohn als „Bruder“ und „Schwester“ ansprechen, ist Pierres Halbschwester nun seine Frau oder nicht, warum ist seine versprochene Frau Lucy „engelsgleich“? Sind diese ungeklärten Doppeldeutigkeiten in den Beziehungen zu den Frauen der Auslöser für den Fall der Glendinnig-Dynastie? Ist Pierre nur ein verwirrter Spinner, oder sind seine Gewissenskonflikte und seine hehren Absichten ernst zu nehmen? Was besagt es, dass seine konsequente Umsetzung der anerzogenen Ideale in Lüge, Hass, Totschlag, Selbstmord und Auslöschung der Familie endet?
Fragen über Fragen.
Starker Tobak, nichts für ungeübte oder ungeduldige Leser.
Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler
