Beiträge vom April, 2008

Philip Roth, Mein Leben als Sohn

Saturday, 19. April 2008 10:25

Während der Vater an einem Gehirntumor stirbt, wird der Sohn zum Krankenpfleger und Seelsorger. In eindruckvoller Weise beschreibt Philip Roth die Geschichte seines Vaters, der alt, krank und auch hilflos wird. Die Gefühle und Gedanken, die den Sohn in dieser Zeit bewegen, werden verwoben mit der Geschichte seiner Familie, die als jüdische Einwanderer Anfang des Jahrhunderts nach Amerika gekommen waren. Wir werden eingefangen von dem unspektakulären jüdischen Amerika, lernen das Lebensgefühl und die Gepflogenheiten dieser Gemeinschaft auf humorvolle und auch ironische Art kennen, wie sie nur ein jüdischer Autor beschreiben darf. Im Zentrum der Erzählung steht immer wieder die Beziehung von Vater und Sohn - und es ist im Besonderen ein Buch für Söhne. Philip Roth versteht es auf wunderbare Weise, für uns noch einmal erwachsen zu werden. Die Familiengeschichte verbindet er kunstvoll mit der traurigen, manchmal grauenhaft komischen Realität, die er mit seinem sterbenden Vater erlebt. Wir werden berührt von der Liebe des Jungen zu seinem Vater, die für den erwachsenen Mann noch einmal lebendig wird.Ich werde immer als sein kleiner Sohn leben, mit dem Gewissen eines kleinen Sohnes, so wie er immer lebendig bleiben wird, nicht nur als mein Vater, der zu Gericht sitzt über alles, was immer ich tue …

Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Andreas Rothkegel

Christoph Ransmayr, Der fliegende Berg

Saturday, 19. April 2008 10:19

(Erschienen 2006)

Das neueste Buch von Ransmayr ist die Geschichte zweier irischer Brüder, die sich in die Gebirge Tibets aufmachen, um den fliegenden Berg zu erobern, den letzten weißen Fleck auf der Landkarte. Die Geschichte verbindet die Höhen der tibetanischen Gebirgszüge mit den Wellen des irischen Meeres. Sie erzählt in einer außergewöhnlich ausdrucksstarken Sprache vom ewigen Schnee und der Gefahr in den Bergen sowie der Wanderschaft und dem Kosmos tibetanischer Nomaden in dieser Gebirgswelt. Ein Abenteuerbuch über die Beziehung zweier ungleicher Brüder, die sich dennoch auf eine gemeinsame Reise begeben und dort sich selbst, der Liebe und dem Tod begegnen.

Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Andreas Rothkegel

Georges Simenon, Der Mann, der den Zügen nachsah

Tuesday, 8. April 2008 12:24

(Erschienen 1938, Übersetzung von Linde Birk)

Was macht jemand, dessen bürgerliche Existenz von einer Minute auf die andere vernichtet wird?
Kees Popinga, 40, Prokurist, verheiratet und Vater zweier Kinder, sieht zufällig eines Abends den Chef seiner Firma in einer anrüchigen Kneipe, geht ungläubig hinein und erfährt, dass die Firma pleite ist, der Chef sich mit dem verbliebenen Geld absetzt und er selber ein miserabler Prokurist ist, da er überhaupt nichts bemerkt hat. Das war’s. Popinga realisiert, dass er sein Leben lang nur das getan hat, was die anderen von ihm erwarteten. Insgeheim hatte er jedoch davon geträumt, „ein anderer zu sein als Kees Popinga. Und gerade deshalb war er so sehr Popinga, war er es zu sehr, übertrieb er, weil er wusste, wenn er auch nur in einem Punkt nachgeben würde, könnte ihn nichts mehr bremsen. (…) Und da er nun einmal nicht mehr Prokurist war und ihm seine Villa nicht mehr gehörte, da also ein Steinchen ins Rollen gekommen war, konnte ruhig alles zusammenbrechen. (…) Was aus war, war aus, für alle Zeiten, und diese Gelegenheit musste man nutzen!“
Popinga zieht in die Welt, das heisst er besucht die Frau, die er seit langem heimlich begehrt und mit der er „noch eine alte Rechnung zu begleichen“ hat, denn was ihn „am meisten demütigte, war die Tatsache, dass er sich nie getraut hatte…“. Doch das ist jetzt vorbei, „er konnte sich alles erlauben!“ Das Unheil nimmt seinen Lauf…

Meisterhaft, auf welch engem Raum Simenon das Psychogramm eines kontaktunfähigen und narzisstischen Kleinbürgers liefert, dessen satte Selbstgefälligkeit aufgrund der plötzlichen Ent-Täuschung in Selbstüberhebung und offene Aggression umschlägt.

Thema: Lesen | Kommentare (0) | Autor: Randolf Giesler